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04.11.2014

11:00 Uhr

Wolfgang Ischinger über den Cyberkrieg

„Früher hätte man Geiseln genommen“

VonChristof Kerkmann

Viele Kriege toben auch im Internet: Terroristen werben online Nachwuchs, Stromnetze sind für Cyberattacken anfällig. Der Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger fordert, dass der Westen aufrüstet und sich notfalls wehrt.

Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger: „Ist der Cyberangriff nicht genauso zu werten wie ein klassischer militärischer Angriff?“ dpa

Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger: „Ist der Cyberangriff nicht genauso zu werten wie ein klassischer militärischer Angriff?“

Wolfgang Ischinger hat den Kalten Krieg als Diplomat miterlebt und die deutsche Außenpolitik über Jahre mitgestaltet– nun beobachtet der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, wie das Internet zum Schlachtfeld der Zukunft wird. Im Interview mit dem Handelsblatt (Online-Ausgabe) spricht er über die Gefahren von Cyberangriffen aufs Stromnetz und warum Abschreckung auch im digitalen Zeitalter wirkt. Das Gespräch wurde auf dem Cybersecurity Summit der Deutschen Telekom geführt.

Herr Ischinger, wie wirken sich die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten auf die Cybersicherheit aus?
Wir haben ein neues Spielfeld für militärische Akteure. Das wird seit geraumer Zeit befürchtet, aber wir erleben 2014 zum ersten Mal massiv und an mehrere Stellen eine hybride Kriegsführung.

Was heißt das?
Das ist eine neuartige Mischung. Es gibt klassische Instrumente der Kriegsführung – sprich: Panzer, Mörser, uniformierte Soldaten. Und es gibt Menschen, die nicht als Soldaten erkennbar sind. Das macht sich zum Beispiel bemerkbar bei der Rekrutierung von Terroristen übers Internet. Die meisten Leute werden nicht von Personen angeheuert, sondern mit diesen wahnsinnigen Bildern von Enthauptungen geködert. Das Netz wird zudem benutzt als Instrument zur massiven Beeinflussung der öffentlichen Meinung, in einer Weise, von der Herr Goebbels nur träumen konnte.

Diplomat durch und durch: Wolfgang Ischinger

Gelernter Jurist

Wolfgang Ischinger kam 1946 in Beuren, Baden-Württemberg, zur Welt. Er studierte zunächst Jura und widmete sich dann dem Völkerrecht. Anschließend arbeitet er von 1973 bis 1975 im Kabinette des UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim in New York.

Karriere als Diplomat

1975 begann Ischinger beim Auswärtigen Amt. Nach mehreren Stationen übernahm er 1987 die Leitung des Parlaments- und Kabinettsreferats im Ministerium. 1990 wurde er zum Gesandten ernannt und diente als Leiter der Politischen Abteilung der Deutschen Botschaft in Paris.

Staatssekretär unter Schröder

Ischinger leitete ab 1993 den Planungsstab im Auswärtigen Amt, 1995 stieg er zum Ministerialdirektor und Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes auf. Als solcher leitete er beispielsweise die deutsche Delegation bei den Friedensverhandlungen im Bosnien-Konflikt. Im Oktober 1998 wurde Ischinger Staatssekretär im Kabinett Schröder.

Botschafter in Washington und London

Auch als Botschafter war Ischinger tätig, von 2001 bis 2006 in den USA, dann in Großbritannien.

Leiter der Sicherheitskonferenz

2008 ließ sich Ischinger vom diplomatischen Dienst beurlauben und übernahm den Vorsitz der renommierten Münchner Sicherheitskonferenz.

Welche Gefahren sehen Sie konkret?
Wir müssen damit rechnen, dass Gruppen, die ohnehin internetaffin sind, offensive Mittel der Cybertechnologie anwenden und ihren Gegnern Schaden hinzufügen. Wenn der Krieg als ein Mittel der politischen Auseinandersetzung nach Europa zurückgekehrt ist, dann wird es nicht lange dauern, bis diese modernen Möglichkeiten zumindest wirtschaftlichen Schaden hervorrufen. Das ist die schöne neue Welt, vor der wir uns sehen.

Drohen auch Deutschland Cyberangriffe?
Lassen Sie mich die Frage zurückstellen: Würden Sie eine Wette eingehen, dass der sogenannte Islamische Staat nicht solche Mittel einsetzen würde, um Italien, Griechenland oder auch Deutschland unter Druck zu setzen? In früheren Konflikten hätte man Geiseln genommen. Stattdessen wäre das Lahmlegen eines Kraftwerks oder einer Fabrik eine großartige Möglichkeit modernster Kriegsführung. Nach dem Motto: Ihr werdet sehen, was euch das kostet, wenn ihr so weiter macht. Das ist eine moderne Beeinflussung des Gegners. Wir müssen für solche neuartigen Fragestellungen nicht nur technologisch gerüstet sein, sondern auch politisch-psychologisch. Wie sollen auf solche Propagandaaktivitäten reagieren?

Sind wir wenigstens technologisch gerüstet gegen solche Sabotageakte?
Sicher nicht gut genug. Es hilft ja nichts, wenn in Deutschland kein einziges Kraftwerk übers Internet erreichbar wäre, wenn gleichzeitig in einem unserer europäischen Nachbarländer das Licht ausgeht – wir sind ja vernetzt, was die Gas- und Stromleitungen angeht, was die Kommunikationsnetze angeht. Wenn der große Internetknoten in Frankfurt aus welchen Gründen auch immer für ein paar Stunden ohne Strom wäre, würde die gesamte europäische Bankenindustrie lahmgelegt werden. Das ist ein Thema für die gesamte Europäische Union und für die Nato.

Kommentare (3)

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Herr Helmut Metz

04.11.2014, 12:39 Uhr

Äh, mit Verlaub, aber WER hat den Cyberkrieg mit seinem STUXNET-VIRUS (welches u.U. sogar unbescholtene, harmlose User zum Fluchen brachte) in der Öffentlichkeit erst populär gemacht? Waren das etwa auch die pösen, pösen Russen oder die chinesischen Staatshacker (die sind übrigens wirklich gut: die haben sogar den Google-Quellcode gehackt)??
Der "Westen" ist um keinen Deut besser, wenn es um "seine Interessen" (wesssen Interessen sind das genau?) geht...

Herr Helmut Metz

04.11.2014, 12:49 Uhr

Korrektur: Stuxnet ist kein Virus sondern ein Wurm - auf jeden Fall aber ein übler Schädling...

Herr C. Falk

04.11.2014, 13:10 Uhr

Wenn man das Interwiev genau liest kann man wohl eine "leise" Kritik des Herrn Ischinger in Richtung NSA und deren Spionage orten, was die Ausspähung von Regierungen und Diplomaten angeht..

Merkels Handy soll ja nun angeblich nicht mehr betroffen sein, die Regierung und das diplomatische Corp insgesamt
natürlich schon.

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