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19.10.2014

16:49 Uhr

Wrestling im US-Fernsehen

Putin zur Primetime

VonAlexander Möthe

Das US-Fernsehen schlägt aus dem Russland-Konflikt Kapital: Wenn der Wrestler Rusev Gegnern seine Ferse in den Rücken bohrt, buht ihn die Halle aus. Denn Rusev ist der Böse. Der zeichnet sich durch eins aus: Russe sein.

Der Wrestler Rusev steht für viele Amerikaner für das Böse, denn er ist Russe - oder spielt zumindest einen. wwe.com

Der Wrestler Rusev steht für viele Amerikaner für das Böse, denn er ist Russe - oder spielt zumindest einen.

„Rusev“ ist eine beeindruckende Erscheinung. 1,83 Meter hoch, 138 Kilogramm Kampfgewicht, Kraft- und Kampfsportler, Arme wie Baumstämme, entschlossener Blick. Rusev ist Wrestler, tritt Woche für Woche in den Showkämpfen des US-Marktführers WWE auf. Seine Bühne: Die am längsten laufende Serie des amerikanischen Fernsehens, die Live-Show „Raw“.

Wenn Rusev Gegnern wie dem ehemaligen US-amerikanischen Olympia-Teilnehmer Mark Henry seine Ferse in den Rücken bohrt und seinen Aufgabegriff ansetzt, buht ihn in die gesamte Halle aus. Mehrere Tausend bei jeder Show. Denn Rusev ist der Böse. Und der Böse zeichnet sich vor allem durch eins aus: Russe sein.

Wenn der wandelnde Koloss vor und nach jedem Match aufreizend die russische Flagge schwenkt, schwillt der Hass. Gemäß Geschichte ist Rusev „Held der russischen Föderation“. Begleitet wird er von einer jungen Frau im knappsten Business-Kostüm, die mit hartem russischen Akzent die Menge beleidigt. „Sie sagen, wir sind hier im Herzen Amerikas“, erklärte sie unlängst bei einem Auftritt. „Doch ich sage: Amerika hat kein Herz.“

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation


Lana, wie die Figur so klischeehaft wie möglich heißt, setzte sogar noch einen drauf: „Wenn Amerika ein Herz hätte, wäre es aus China.“ Die WWE versteht sich darauf, zu polarisieren. Dazu gehört auch das riesige Bild Wladimir Putins, des Kremlchefs, das bei den Auftritten Rusevs von den gigantischen Monitoren spöttisch auf das amerikanische Volk blickt. „USA! USA!“ tönen in diesen Momenten die Schlachtrufe aus tausenden Kehlen. Mittlerweile verteidigt sogar Dwayne „The Rock“ Johnson, Hollywood-Star und größter Trumpf der WWE zu besonderen Anlässen, vor laufenden Kameras die Ehre Amerikas.

Wer sich für Wrestling interessiert, und das ist seit dem Wiedereinstieg der WWE in den deutschen Free-TV-Markt in diesem Jahr hierzulande eine steigende Zahl, findet sich in den Shows des Unterhaltungskonzerns derzeit unfreiwillig im Kalten Krieg wieder. Die Showkämpfe haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, aus der Rummelplatzveranstaltung „Catchen“ ist längt ein hochprofessionelles und einträgliches Business geworden – das aus dem politischen Konflikt zwischen Russland und den USA Kapital schlägt.

Kommentare (2)

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Herr Mario Garcia

20.10.2014, 07:42 Uhr

So eine Story als Titelgeschichte bei HB-Online? Ich wundere mich... Gibts nichts Wichtigeres? :-)

Account gelöscht!

20.10.2014, 08:08 Uhr

Alles Facade, eben Hollywood like. Große Bereiche der Medien und Finanzwirtschaft manipulieren und berauben die Gesellschaft ... Wo ist die amerikanische Mittelschicht geblieben? Wo die Würdigung der wahren Leistungsträger? Wo ist der amerikanische Traum geblieben?

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