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10.10.2011

14:16 Uhr

Wut in Athen

Griechen erwachen aus der Schockstarre

In Griechenland setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass eine Staatspleite unmittelbar droht. So mancher hofft nun auf ein Ende mit Schrecken - schon allein, um die nervenzehrende Unsicherheit zu beenden.

Müllberge im griechischen Piraeus: Die Müllabfuhr streikt seit Tagen. dpa

Müllberge im griechischen Piraeus: Die Müllabfuhr streikt seit Tagen.

AthenIn Griechenland wächst die Angst vor einer Staatspleite. In den Tavernen ist das Thema Anlass für hitzige Diskussionen. Es gibt auch Befürworter eines harten Schuldenschnitts: „Ich will ein Ende jetzt - auch wenn es wehtut. Dann weiß ich wenigstens, wohin es geht“, sagte etwa ein junger Mann in der Taverne „Stelios“ in der Athener Vorstadt Nea Smyrni.

Die Stimmung zwischen Wut und Angst zeigt sich in vielen Situationen: Überall in Athen wachsen die Müllberge, denn die Müllabfuhr streikt den vierten Tag in Folge. Der Bus- und Bahnverkehr fiel am Montag erneut aus, auch hier wird gestreikt. Medienberichten zufolge sollen 2011 schon 46.000 Griechen bei verschiedenen ausländischen Vertretungen und Auswanderungsstellen Arbeit im Ausland nachgefragt haben. Vor allem Australien ist als Zielregion gefragt.

Extremisten nutzen die Stimmung und attackieren immer wieder Politiker. Jüngster Zwischenfall: Sogenannte „Empörte Bürger“ drangen am Samstag in ein Kino der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki ein und schleuderten Joghurt auf den griechischen Innenminister Haris Kastanidis, der mit seiner Frau und Freunden einen Film sehen wollte. Videoaufnahmen von der Attacke stellten die Täter ins Internet.

Umfragen zeigten in den vergangenen Tagen, dass mittlerweile viele Griechen den großen Schuldenschnitt, den sogenannten Haircut, für ihr Land erwarten: 67 Prozent gehen davon aus, dass dieser Schritt nicht mehr abwendbar sei. Sogar 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, das Land bewege sich in die falsche Richtung.

Auch in den Medien ist der harte Schuldenschnitt zentrales Thema. „Feilschen vor dem „Friseurladen““, beschrieb die Athener Zeitung „Ta Nea“ in Anspielung auf den Haircut (Haarschnitt) die Lage. Ein solcher Schuldenschnitt bedeutet, dass Athen ein Teil seiner Schulden dauerhaft erlassen wird. Dafür müssten die Gläubiger - vor allem Banken, Investoren und Staaten - auf eine Menge Geld verzichten.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

10.10.2011, 15:12 Uhr

Selten so viel Misst gelesen, in einem einzigen Artikel!

Es ist eine Mär, dass sich Spekulaten Länder vorknöpfen! Nicht Spekulanten, sondern Politiker haben diese Länder bis über das Leistbare verschuldet. Die ach so bösen Spekulaten haben allenfalls einen Fehler gemacht: Sie haben zu lange gewartet.
Wer sind eigentlich die Spekulanten??? Ich will es Ihnen sagen: Es sind Investoren, die der Ansicht sind, dass diese Staate die Schulden nicht bedienen können und deshalb kein weiters Geld mehr geben.

Was ist daran verwerflich? Wollen SIE Ihr Geld an Griechenland oder Portugal ausleihen? Niemand hindert SIE daran. Nur zu. Anderfalls sind SIE Spekulant gegen Greichenland und Portugal!

Account gelöscht!

10.10.2011, 15:21 Uhr

Welches Interesse hat das Handelsblatt daran, durch vorsätzlich falsche Berichterstattung eine Staatspleite herbeizureden? Weder die Bundesregierung, noch die Troika nach das griechische Finanzministerium haben bislang etwas von einem Zahlungsausfall verlauten lassen.
Mir ist einfach meine Zeit zu schade, ein Schmutzblatt zu lesen, dass anstatt Sachberichterstattung frei erfundene Spekulationen hinausbläst. Vielleicht sind HB-Mitarbeiter ja short in Griechenland investiert und würden viel Geld verlieren, wenn die nächste Tranche ausgezahlt wird.


Erwin

10.10.2011, 15:36 Uhr

Realist hat völlig recht, Schuld an der Misere haben die Regierungen, die sich u.a. wider besseren Wissen verschuldet haben und mit der Abschaffung der Golddeckung, das fröhliche Gelddrucken entdeckt haben.
Dass das einer Enteignung der Bürger gleichkommt wird lieber verschwiegen. Man kann sie ja, weil der Mechanismus nicht bekannt ist, einfach auf die Inflation schieben und dagegen kann man ja nicht viel machen. -Also alles ist hausgemacht und die Prügel verdienen die Politiker(nicht die Polizisten und Spekulanten).
Die Euroscheine haben alle eine Landesprägung. Wie wäre es, wenn die Griechen „ihre Euros“ mit ihrem Gold teilunterlegen würden. Ich glaube, dass würde allen helfen.
Es gibt nur ein Problem. Soweit ich weiß, haben die USA und der IWF Goldwährungen verboten.

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