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11.01.2011

22:40 Uhr

Zahl der Toten steigt

Gewaltsame Proteste bedrohen Tunesiens Hauptstadt

Die schwersten Unruhen seit Jahrzehnten in Tunesien haben jetzt auch die Hauptstadt Tunis erreicht. Die Polizei feuerte am Dienstag am Stadtrand Warnschüsse in die Luft ab, um Menschen daran zu hindern, Gebäude anzugreifen, wie verschiedene Augenzeugen berichteten.

Proteste für mehr Jobs und bessere Lebensbedingungen. Reuters

Proteste für mehr Jobs und bessere Lebensbedingungen.

HB TUNIS. Die Polizei setzte außerdem Tränengas-Granaten ein. Einem Reuters-Reporter zufolge warfen Hunderte Jugendliche Steine auf Polizisten, zertrümmerten Läden, setzten eine Bank sowie ein Regierungsgebäude in Feuer. Straßen seien mit brennenden Reifen blockiert worden. Offiziellen Angaben zufolge kamen bei den gewaltsamen Protesten für mehr Jobs und bessere Lebensbedingungen bisher 23 Zivilisten ums Leben. Laut Menschenrechtsorganisationen liegt die Zahl jedoch höher.

Neben Tunis kam es am Dienstag auch in Gassrine 200 Kilometer südwestlich der Hauptstadt zu gewaltsamen Protesten gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Dabei kamen vier Menschen ums Leben. Die Menschenmenge habe die Polizei mit Brandflaschen und Eisenstangen angegriffen, die Beamten hätten in Notwehr Warnschüsse in die Luft abgefeuert. Auf Seiten der Polizei habe es acht Verletzte gegeben, die auch Brandwunden erlitten hätten.

Präsident Zine al-Abidine Ben Ali hat die Proteste gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit als Terrorakte verurteilt. Sie seien aus dem Ausland gesteuert, um Tunesien zu schaden. Gleichwohl kündigte Ben Ali bis Ende 2012 die Schaffung von 300 000 Arbeitsplätzen an. Trotz dieser Zusage kam es nach Berichten von Augenzeugen in zwei weiteren Städten zu neuen Protesten, bei denen die Polizei Tränengas einsetzte. Wegen der Unruhen sind Schulen und Universitäten bis auf weiteres geschlossen. Die Vereinten Nationen, die EU und die frühere Kolonialmacht Frankreich bedauerten die Zusammenstöße und riefen zu Ruhe und Zurückhaltung auf.

Rund 100 Zeitungsjournalisten warfen der Regierung unterdessen vor, Nachrichten zu unterdrücken. Die Berichterstatter zeigten Bilder von Toten und riefen bei einer Protestkundgebung „Freiheit für Tunesiens Presse“. Die Proteste sind ungewöhnlich, weil die tunesischen Journalisten normalerweise als regierungsfreundlich gelten. „Wir dürfen nicht länger Lautsprecher der Regierungspropaganda sein, sondern müssen uns unsere Freiheit zurückerobern“, rief ein früherer Chef der Journalistengewerkschaft seinen Kollegen zu.

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