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14.10.2015

18:34 Uhr

Zeitungsbericht nach dem Anschlag in Ankara

Polizei identifiziert die Selbstmordattentäter

VonGerd Höhler

Bei dem Attentat auf eine Friedensdemonstration in Ankara starben 97 Menschen. Einem Bericht zufolge haben die Ermittler die Täter inzwischen identifiziert. Die Staatsanwaltschaft hat den Medien einen Maulkorb verpasst.

Attentat in Ankara

Augenzeuge berichtet vom Anschlag: „Es war so furchtbar“

Attentat in Ankara: Augenzeuge berichtet vom Anschlag: „Es war so furchtbar“

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AthenDie türkischen Ermittler wissen jetzt offenbar, wer die beiden Selbstmordattentäter waren, die am vergangenen Samstag bei einer Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara über 100 Menschen mit sich in den Tod rissen. Die mutmaßlichen Täter sollen Verbindungen zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gehabt haben. Das berichtete am Mittwoch die Zeitung „Hürriyet Daily News“ auf ihrer Internetseite. Eine Quelle für diese Informationen nannte die Zeitung nicht. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu brachte dagegen erneut auch die kurdische PKK als möglichen Drahtzieher ins Gespräch: Es gebe Hinweise auf Verbindungen zum IS, aber auch zur PKK, so Davutoglu gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Man ermittle gegen beide Organisationen.

Am späten Mittwochnachmittag verhängte die Staatsanwaltschaft von Ankara eine Nachrichtensperre. Medienberichte über den Stand der Ermittlungen sind damit in der Türkei bis auf weiteres verboten. Bereits am Wochenende hatte die türkische Justiz die Veröffentlichung von Fotos und Videoaufnahmen von dem Anschlag und Aufnahmen vom Tatort untersagt. Die Justiz des Nato-Landes, das über einen EU-Beitritt verhandelt, hat in den vergangenen vier Jahren den Medien in mehr als 150 Fällen solche Maulkörbe verpasst.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

Oktober 2016

Am 6. Oktober begeht die TAK einen Bombenanschlag in Istanbul. Auch die PKK attackiert türkische Polizisten in Hakkari. Am 14. Oktober kommt es zu einem Raketenangriff auf die Touristenprovinz Antalya. Der letzte Anschlag ist bisher ungeklärt.

September 2016

Auch im folgenden Monat schlägt die PKK mehrmals zu: mit einer Autobombe in der türkischen Stadt Van sowie mehreren weiteren Bombenanschlägen in der Südosttürkei sowie in Mardin.

August 2016

Am 17. August begeht die kurdische Terrororganisation PKK einen Anschlag auf ein Polizeihauptquartier in Elazig. Wenige Tage später kommt es zu einer Attacke ebenfalls auf eine Polizeistation in Cizre, für die auch die PKK verantwortlich gemacht wird.

Februar 2016

Die kurdisch-sozialistische Terrororganisation TAK (deutsch: Freiheitsfalken Kurdistans) begeht einen Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug in Ankara. In den folgenden Monaten tritt die Gruppe mehrfach in Erscheinung: Sowohl im März als auch im Juni und Oktober 2016 legen die Terroristen erneut Bomben in Istanbul, Ankara und Midyat.

Oktober 2015

Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Quelle: dpa

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

So wurde die Berichterstattung über das schwerste Grubenunglück in der jüngeren Geschichte des Landes ebenso untersagt wie Veröffentlichungen zu Korruptionsvorwürfen gegen die Regierung. Der Terroranschlag und die jetzt verhängte Zensur überschatten den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am Sonntag, zwei Wochen vor der geplanten türkischen Parlamentswahl, zu Gesprächen mit Premierminister Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach Istanbul kommen will.

Laut „Hürriyet Daily News“ wurden die beiden mutmaßlichen Attentäter anhand des Abgleichs von DNA-Spuren am Tatort identifiziert. Einer von ihnen soll Yunus Emre Alagöz sein. Er war bereits kurz nach dem Attentat als möglicher Täter genannt worden. Es handelt sich um einen Bruder von Seyh Abdurrahman Alagöz, der am 20. Juli bei einem ganz ähnlich angelegten Selbstmordattentat auf eine Versammlung kurdischer Aktivisten in der Stadt Suruc nahe der Grenze zu Syrien 33 Menschen tötete. Die beiden Alagöz-Brüder sollen sich 2014 in Syrien dem IS angeschlossen haben. Nach ihrer Rückkehr in die Türkei gehörten sie offenbar zu einer IS-Zelle in der südosttürkischen Stadt Adiyaman. Nach dem Anschlag von Suruc, bei dem sich sein Bruder in die Luft sprengte, war Yunus Emre Alagöz untergetaucht.

Terror in der Türkei: Wie im Bürgerkrieg

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Die Zahlen alarmieren: In der Türkei wurden seit Juli 282 Zivilisten und Beamte durch Terrorangriffe getötet. Ein Konzept der Regierung, die Anschläge einzudämmen, gibt es bislang nicht – nur erste Entlassungen.

Bei dem anderen mutmaßlichen Attentäter handelt es sich nach dem Bericht von „Hürriyet Daily News“ um Ömer Deniz Dündar. Sein Name habe auf einer Liste von 21 möglichen Selbstmordattentätern gestanden, die der Polizei vorlag, berichtete die Zeitung. Nach Aussage seines Vaters war Dündar 2013 nach Syrien gegangen, im Jahr darauf zurückgekommen, acht Monate später aber erneut in Syrien untergetaucht.

Sein Vater berichtete, er habe die Polizei im vergangenen Jahr auf die möglichen Verbindungen seines Sohnes zum IS aufmerksam gemacht und aufgefordert, ihn festzunehmen. „Ich habe ihnen gesagt: steckt ihn ins Gefängnis!“, sagte der Vater der Internetzeitung „Radikal“. „Aber sie haben ihn nach einem Verhör wieder entlassen, und acht Monate darauf ist er wieder nach Syrien gegangen“, so der Vater.

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