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25.02.2017

12:56 Uhr

Zoff zwischen China und Nordkorea

Kim Jong Un geht in die Offensive

VonMartin Kölling

Kim Jong Un hat es sich mit China verscherzt. Nun hat Peking im Rahmen von Uno-Sanktionen einen Teil der Kohleimporte aus Nordkorea eingestellt. Pjöngjang wehrt sich mit einer Schimpftirade. Was ist los in Ostasien?

Einige Experten glauben, dass Kim, der Führer, seinen Halbbruder umbringen ließ, um einen möglichen Rivalen um den Thron auszuschalten. Reuters, Sascha Rheker

Kim Jong Un

Einige Experten glauben, dass Kim, der Führer, seinen Halbbruder umbringen ließ, um einen möglichen Rivalen um den Thron auszuschalten.

TokioNordkoreas Propagandamaschine schlägt wieder zu. Doch dieses Mal sind nicht die USA, Südkorea oder Japan die Adressaten der einfallsreichen Schimpftiraden aus Pjöngjang, sondern Schutzmacht und Finanzier China. In einer Art offenem Brief wirft Nordkoreas Führer Kim Jong Un dem großen Bruder vor, gemeinsame Sache mit dem Feind zu machen. Denn China hatte es sich erlaubt, nach einem verbotenen Raketentest die Kohleimporte aus Nordkorea für den Rest dieses Jahres einzustellen.

Der Artikel in der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA ist so verächtlich, dass er China nicht einmal beim Namen nennt. Die Schutzmacht wird lediglich als „benachbartes Land“ tituliert, das sich „als freundlicher Nachbar“ bezeichne. Und dieser Nachbar habe immer behauptet, dass die Sanktionen der Vereinten Nationen (Uno) den Alltag des Volks nicht treffen dürfen, so die KCNA, das Sprachrohr von Kims Regierung. „Aber seine jüngsten Maßnahmen entsprechen den Machenschaften der Feinde, das soziale System der DPRK zu stürzen.“

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Das Fazit ist dementsprechend vernichtend. „Jenes Land, das sich selbst zur Großmacht stilisiert, tanzt nach der Musik der USA.“ Es sei extrem kindisch zu denken, dass Nordkorea die Herstellung von Atomwaffen und Interkontinentalraketen einstellen würde, nur weil ein paar Penny weggeschnitten würden, so die KCNA.

Die chinesische Übersetzung des offenen Briefs Nordkoreas soll sich noch ein wenig schärfer lesen, sagen einige Experten. Doch auch die westliche Variante macht klar, dass Peking mit seinen neuen Sanktionen einen empfindlichen Nerv des Nordens getroffen hat: die Deviseneinnahmen. Voriges Jahr machte Kohle immerhin 42 Prozent von Nordkoreas Ausfuhren aus. Der chinesische Importstopp könnte daher ein Loch von einer Milliarden Dollar bedeuten, meint Alison Evans vom Risikoberater IHS Country Risk. „Aber der wirtschaftliche Schaden dürfte größer sein, da China eine der wenigen Devisenquellen Nordkoreas ist“.

Stephen Haggard vom Peterson Institute of International Economics, einem amerikanischen Thinktank, sieht in Chinas Schnitt daher „möglicherweise eine der wichtigsten Entwicklungen auf der koreanischen Halbinsel” seit 2002. Damals startete Nordkorea sein Atomwaffenprogramm neu. „China scheint zu signalisieren, dass es genug hat“, meint Haggard. Offen bleibt, ob der Bann eine wirkliche Wende in Chinas Nordkorea-Politik der schützenden Hand darstellt und vor allem warum China ausgerechnet jetzt so reagiert.

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