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19.07.2014

11:33 Uhr

Zu große Differenzen

Atomgespräche mit Iran werden verlängert

USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland ziehen den Joker: Die Atomgespräche mit Iran werden verlängert. Außenminister Steinmeier spricht von der „letzten Chance“, den Streit zu beenden.

Die Atomgesprächen mit dem Iran wurden verlängert. Bisher gab es zu große Differenzen. dpa

Die Atomgesprächen mit dem Iran wurden verlängert. Bisher gab es zu große Differenzen.

Es war ein Marathon. Intensiv und konstruktiv wie nie wurde bei den Wiener Atomgesprächen in sechs, teils wochenlangen Verhandlungsrunden nach einer Lösung für ein großes Problem gesucht: Der Iran will sein Atomprogramm behalten und tendenziell ausbauen. Die Welt will sicher sein, dass Teheran diese Technologie nicht zum Bau einer Atombombe nutzt. Der mehr als zehn Jahre alte Streit wird die Weltgemeinschaft weiter in Atem halten.

Große Teile eines Vertrags mit hochkomplizierten technischen Details sind zwar fertig, aber für eine fristgemäße Einigung bis zum 20. Juli fehlte dann doch die Zeit. Jetzt zogen die 5+1-Gruppe (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland) sowie der Iran bei den Gesprächen in einem Wiener Luxushotel den Verlängerungs-Joker.

„Das ist kein Verzweiflungsakt“, ist der Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Oliver Meier, überzeugt. „Es ist kein Zeichen, dass die Dinge schlecht laufen oder schlecht gelaufen sind.“ Auch die beteiligten Nationen machen in Optimismus, dass am Ende eine Einigung zustande kommen wird.

Die iranischen Atomanlagen

Schwerwasserreaktor in Arak

Eine zentrale Rolle im Atomstreit spielt der geplante Schwerwasserreaktor in Arak, rund 250 Kilometer südwestlich von Teheran. Solche Reaktoren werden mit gewöhnlichem, nicht angereichertem Uran befeuert und mit sogenanntem schwerem Wasser, einer molekularen Variante, gekühlt. Schwerwasserreaktoren sondern als Nebenprodukt mehr Plutonium ab als Reaktoren, die mit gewöhnlichem Wasser gekühlt werden. Plutonium wiederum kann für die Herstellung von Atomwaffen eingesetzt werden.

Der Bau des Reaktors in Arak begann 2004 und ist fast fertig. Ein Datum für die Inbetriebnahme ist jedoch noch nicht bekannt. Der Iran gibt an, die Anlage für die Herstellung von Isotopen für medizinische und industrielle Zwecke nutzen zu wollen. Die UN-Inspektoren haben die Anlage bereits besichtigt. Vor knapp zwei Wochen sagte die Regierung ihnen überdies zu, weitere Kontrollen zu ermöglichen.

Urananreicherungsanlage in Natans

Der Iran betreibt zwei bedeutende Urananreicherungsanlagen. Die älteste und größte befindet sich in Natans, rund 260 Kilometer südwestlich von Teheran. Die Schutzmaßnahmen sind aufwendig: Die Zentrifugen stehen unter der Erde und die Anlage wird von mehreren Luftabwehrgeschützen verteidigt. Seit 2006 drehen sich die Zentrifugen und reichern Uran an. Insgesamt soll der Iran nach UN-Angaben 18.000 Zentrifugen besitzen

Urananreicherungsanlage in Fordo

Die zweite Anlage liegt in Fordo, im bergigen Süden der Hauptstadt Teheran. Die Regierung hielt die Urananreicherungsanlage lange geheim. Erst 2009 wurde ihre Existenz durch ausländische Geheimdienste bekannt. Das Gelände wird von den elitären Revolutionsgarden geschützt. Die UN-Inspektoren haben beide Anlagen in Natans und in Fordo bereits besucht und Systeme für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung eingerichtet. Der Iran will aber nach eigenen Angaben zehn weitere Anlagen zur Urananreicherung bauen. Details zu den Plänen sind jedoch noch nicht bekannt.

Reaktor Buschehr

Das Kraftwerk Buschehr befindet sich im Südwesten des Landes an der Küste des Persischen Golfs. Das Projekt hatte schon vor der islamischen Revolution 1979 mit deutscher Beteiligung begonnen, später wurde es mit russischer Unterstützung weiter betrieben. 2011 wurde Buschehr als erstes iranisches Atomkraftwerk ans Netz angeschlossen.

Reaktor Teheran

Der wichtigste Forschungsreaktor steht in der iranischen Hauptstadt. Dort werden vor allem Isotope für medizinische Zwecke produziert. Die UN-Experten haben Zugang zu der Anlage.

Reaktoren in Planung

In den kommenden 20 Jahren plant der Iran den Bau mehrerer neuer Reaktoren. Wenige Details sind bekannt. Der meistdiskutierte Vorschlag ist ein Reaktor zur Energiegewinnung in Darchowin in der südwestlichen Provinz Chusestan. Er soll ausschließlich mit iranischer Technologie konstruiert werden. Der Iran hat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) versprochen, seine Pläne zu erläutern.

Uranmine Saghand

Die bedeutendste Uranmine des Landes liegt in Saghand in der zentralen Provinz Jasd. Dort lagern die größten iranischen Vorkommen. Die Inspektoren dürfen die Mine betreten.

Uranmine Gachin

Eine kleinere Uranmine liegt am Persischen Golf. Ganz in der Nähe gibt es eine Raffinerie in Bandar Abbas. Seit 2006 wurden hier kleine Mengen von sogenanntem Yellowcake hergestellt. Dabei handelt es sich um ein gelbes, pulverförmiges Material aus Uranverbindungen, aus dem Brennstäbe hergestellt werden.

Uranmine Ardakan

Rund 500 Kilometer südlich von Teheran ist eine Raffinerie zur Produktion von Yellowcake geplant. Sie ist noch nicht in Betrieb.

Militäranlage Parchin

In Parchin südöstlich von Teheran befindet sich ein Militärgelände, auf dem konventionelle Waffen getestet werden. Die IAEA vermutet, dass dort eine unterirdische Anlage existiert, in der Zünder für Atomsprengköpfe getestet worden sein sollen. Der Iran weist die Vorwürfe zurück. Zwar konnten die Inspektoren den Stützpunkt 2005 besuchen, seither verlangt die IAEA aber erneut Zugang, den sie aber bislang nicht bekam.

Mantraartig hatte vor allem die US-Delegation stets die Komplexität der Verhandlungen betont. Wie bei dem Zauberwürfel „Rubic's Cube“ müssten für eine Einigung sämtliche Facetten passen. Nichts sei beschlossen, bevor nicht in sämtlichen Punkten Einigung herrsche.

Dennoch werden die Beteiligten nun nicht wieder bei Null anfangen. Bis zum November soll weiter an einer umfassenden Lösung gearbeitet werden. Dann endet auch die Amtszeit von Catherine Ashton als EU-Außenbeauftragte - das Risiko, dass ihr Nachfolger nicht eins zu eins da weitermache, wo sie aufgehört hat, sei einfach zu groß, hieß es aus iranischen Delegationskreisen.

Der Iran will zur Beilegung des Streits künftig mehr bilaterale Gespräche mit den USA führen. Das kündigte Vizeaußenminister Abbas Araghchi laut iranischer Medienberichte am Samstag in Wien an. Zur Begründung sagte er, bei den Verhandlungen bestünden die meisten Differenzen mit den USA. 80 Prozent der Tagesordnung seien beispielsweise auf die Kapazität der Urananreicherung im Iran fixiert. Für den Iran stehe ein Zeitplan für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen an erster Stelle, sagte Araghchi. Ende August oder Anfang September würden sich dann auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif voraussichtlich wieder in Wien treffen.

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