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30.03.2012

04:23 Uhr

Zulieferfirmen

Kalifornien sagt der Sklaverei den Kampf an

VonAxel Postinett

Apple räumt bei seinen Zulieferern auf - und das ist nur der Anfang. Tausende US-Unternehmen beginnen, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten unter die Lupe zu nehmen. Dazu zwingt sie ein neues Gesetz.

Arbeitsbedingungen bei weltweiten Zulieferern stehen im Fokus des Gesetzes. AFP

Arbeitsbedingungen bei weltweiten Zulieferern stehen im Fokus des Gesetzes.

San FranciscoKalifornien verschärft den Kampf gegen die globale moderne Form der Sklaverei. Ein neues Gesetz zwingt Unternehmen seit Anfang 2012, ihre weltweiten Lieferantenketten auf Kinder- oder Sklavenarbeit zu durchleuchten.

Wer das versäumt und dabei erwischt wird, kann jetzt in Kalifornien vor Gericht gestellt und zu massiven Strafen verurteilt werden. Ein Nebeneffekt: auch Arbeitsbedingungen, die noch nicht die Definition der Sklaverei erfüllen würden, so wie menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, kommen im Zuge der Untersuchungen ans Licht des Tages.

Moderne Sklaverei. Eine der lukrativsten kriminellen Industrien der Welt. Moderne Sklaven laufen nicht mit Ketten und Eisenkugeln durch die Straßen. Sie schuften für Hungerlöhne in Restaurants, Imbissbuden oder Markthallen, sie sitzen dicht gedrängt in schlecht belüfteten, dunklen Fabriken und nähen T-Shirts zusammen. Sie setzen im Akkord Computer zusammen oder shippern auf verrosteten Seelenverkäufern über die Weltmeere und fangen den Fisch für den Abendbrottisch der Reichen.

Angelockt werden sie oft unter falschen Versprechungen oder schlicht verkauft, von Menschenhändlern oder ihrer eigenen Familie, oft aus bitterster Not heraus. Wenn es sich um Frauen handelt, kommt zur finanziellen Ausbeutung in vielen Fällen noch sexuelle Gewalt dazu.

Das amerikanische Arbeitsministerium geht in einer Untersuchung von 2009 davon aus, dass Kinder und Sklavenarbeiter mindestens 122 verschiedene Güter in 58 Ländern produzieren, die dann in den USA verkauft werden. Die internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen schätzt, dass mindestens zwölf Millionen Menschen in erzwungenen Arbeitsverhältnissen leben, in denen sie weniger verdienen als nötig wäre, um die grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen.

Das erfüllt die Kriterien, die an die Definition der modernen Sklaverei durch die UN gestellt werden. Die Gewinnaussichten sind üppig: in der letzten verfügbaren Schätzung gehen die Vereinten Nation davon aus, dass sich der jährliche Gesamtgewinn aus erzwungener und nicht bezahlter Arbeitsleistung auf rund 32 Milliarden Dollar beläuft.

Der Einsatz von Sklavenarbeitern ist in Kalifornien schon seit langem ein Straftatbestand, aber die zunehmende Globalisierung hat das Aufspüren von Sklaven- und Kinderarbeit, zusammengefasst als erzwungene Arbeit bezeichnet, in weit verzweigten und tief verschachtelten Lieferantenketten jedoch immer schwieriger gemacht.

Nicht nur für die Strafverfolger, sondern auch für die Auftraggeber selbst, die im Zuge der Kosteneinsparungen weite Teile der Fertigung in Billiglohnländer ausgelagert haben und selbst den Überblick verlieren, wer wo wen wieder als Subunternehmer beschäftigt. Und diese Komplexität macht es auch jenen leicht, die es lieber nie wissen wollten und nicht so genau hingeschaut haben.

Das muss sich jetzt ändern. Seit dem 1. Januar 2012 ist in Kalifonien das “California Transparency in Supply Chains Act of 2010” in Kraft. Es zwingt alle Unternehmen und Handelsgesellschaften mit einem weltweiten Umsatz von über 100 Millionen Dollar darzulegen, welche Schritte sie unternehmen, um Sklavenarbeit oder Menschenhandel in ihren Unternehmen und in ihrer vollständigen Lieferantenkette zu unterbinden oder aufzuspüren.

Betroffen sind mehrere tausend Unternehmen, die in Kalifornien ihren Geschäftssitz haben oder Produkte verkaufen oder herstellen. Eine vollständige Liste ist von den Steuerbehörden an die Generalstaatsanwaltschaft in Kalifornien übermittelt worden.

Zu den bekanntesten Namen auf der Liste gehören Apple und der Modehersteller Gap. Beide Unternehmen sind in der Vergangenheit wiederholt wegen der Arbeitsbedingungen in ihren meist asiatischen Zulieferbetrieben in die Kritik geraten und haben schon in der Vergangenheit begonnen, ihrer Lieferketten sorgfältiger zu überwachen und verbesserte Arbeitsbedingungen, oder wie im Falle Foxconn Lohnerhöhungen, durchzusetzen. Diese freiwilligen Bemühungen werden jetzt durch den gesetzlichen Zwang verschärft.

Tausende andere Unternehmen jedoch haben noch keine systematische Überwachung ihrer Lieferantenketten eingerichtet. Sie werden bald handeln müssen. Ebenso die Lieferanten weltweit: Sie müssen ihren Auftraggebern entsprechende Zertifikate vorlegen, damit sie ihre Aufträge behalten können. Sie müssen wiederum belegen, dass in ihren Lieferketten keine Vorprodukte mit erzwungener Arbeit erstellt und später in das Endprodukt integriert werden.

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