Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.04.2013

17:19 Uhr

Zum Tode Margaret Thatchers

Das Vermächtnis der Eisernen Lady

VonJan Mallien

Margaret Thatcher hat eine neue Ära des Kapitalismus begründet. Die Zauberworte: Schlanker Staat und Deregulierung. Ein Irrweg, wie die Finanzkrise zeigte. Das Modell Thatcher ist vor der Person Thatcher gestorben.

Die verstorbene frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher hat eine Ära geprägt. ap

Die verstorbene frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher hat eine Ära geprägt.

DüsseldorfHeute ist Margaret Thatcher gestorben – ihr Wirtschaftsmodell aber ist schon seit fünf Jahren tot. Gemeinsam mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan begründete Thatcher eine neue Ära. Ihre Schlagworte waren: Schlanker Staat, Deregulierung und Shareholder-Value. In der Geldpolitik räumte ihre Regierung der Inflationsbekämpfung Vorrang ein. Bis zur Pleite der Investmentbank Lehmann Brothers im September 2008 war der Thatcherismus das bestimmende Dogma in der globalen Wirtschaftspolitik.

Seine Geburtsstunde schlug 1979, als Großbritannien wirtschaftlich tief in der Krise steckte. Eine zweistellige Inflationsrate, langwierige Streiks und schwaches Wachstum, waren die Kennzeichen.

Reaktionen auf Thatchers Tod

Angela Merkel: „Eine überragende Führungspersönlichkeit“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte Thatcher „eine der überragenden Führungspersönlichkeiten der Weltpolitik ihrer Zeit“. „Indem sie sich zu Zeiten, als dies noch nicht selbstverständlich war, als Frau im höchsten demokratischen Amt behauptete, hat sie vielen nach ihr ein Beispiel gegeben.“

David Cameron: „Wir haben eine große Britin verloren“

Der amtierende Premierminister und Parteifreund Thatchers, David Cameron, nahm die Nachricht mit großer Trauer auf. „Wir haben eine große Führungspersönlichkeit, eine großartige Premierministerin und eine große Britin verloren“, schrieb Cameron via Kurznachrichtendienst Twitter. Mit Blick auf die schwierige Situation der 1970er Jahre, die als „britisches Krankheit“ in die Geschichte einging, sagte er: „Sie hat Großbritannien nicht nur geführt, sie hat Großbritannien gerettet.“ Thatcher habe ein „Land übernommen, das auf den Knien war“, sagte Cameron. „Sie hat es wieder auf die Beine gestellt.“

Helmut Kohl: „In vielen Auseinandersetzungen ihren Mann gestanden“

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl hat das politische Vermächtnis der verstorbene britischen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher gewürdigt. "Sie war eine sehr kenntnisreiche Frau, die viel für ihr Land und für uns alle erreicht hat. Und das muss man immer bedenken", sagte Kohl. "In vielen Situationen und Auseinandersetzungen mit der Wirtschaft hat sie ihren Mann gestanden und man konnte nur mit großem Respekt von ihr reden - auch wenn man in der Sache selbst in diesem oder jenem einer anderen Meinung war."

Ban Ki Moon: „Wegweisende Politikerin auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges“

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte während eines Besuchs in Den Haag: „Sie war eine wegweisende Politikerin auf dem Feld von Frieden und Sicherheit, gerade auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.“

Barack Obama: „Eine wahre Freundin Amerikas“

„Mit dem Tod von Baroness Margaret Thatcher hat die Welt eine der großen Verfechterinnen der Freiheit verloren und Amerika eine wahre Freundin“, erklärte US-Präsident Barack Obama.

José Manuel Barroso: „Sie wird in Erinnerung bleiben“

„Sie wird sowohl wegen ihrer Beiträge als auch wegen ihrer Vorbehalte zum Projekt Europa in Erinnerung bleiben“, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Martin Schulz: „Trotz klarer Differenzen eine historische Persönlichkeit“

„Trotz unserer klaren politischen Differenzen ist Margaret Thatcher eine Gestalt von geschichtlicher Bedeutung“, betonte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD).

Anders Fogh Rasmussen: „Eine machtvolle Fürsprecherin der NATO“

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen nannte Thatcher „eine außergewöhnliche Politikerin, die standhaft für die Freiheit gekämpft hat, eine machtvolle Fürsprecherin der NATO.“ Thatcher habe eine führende Rolle dabei gespielt, den Kalten Krieg zu beenden.

Michail Gorbatschow: „Ein kompliziertes Verhältnis“

Der frühere Sowjetpräsident Michail Gorbatschow lobte ebenfalls Thatchers Beitrag zum Ende des Kalten Krieges. Das persönliche Verhältnis zu ihr sei zunächst „kompliziert“, dann aber von „gegenseitigem Verständnis geprägt“ gewesen, teilte der Friedensnobelpreisträger mit.

Radoslaw Sikorski: „Sie verdient ein Denkmal“

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski nannte Thatcher eine „furchtlose Meisterin der Freiheit“. „Sie verdient ein Denkmal in Polen“ twitterte Sikorski, der während des Kriegsrechts in Polen in den 80er Jahren in Großbritannien im Exil lebte. Thatcher sei für die „gefangenen Staaten“ des kommunistischen Machtbereiches eingetreten und habe geholfen, „den Kalten Krieg zu gewinnen.“

Vaclav Klaus: „Ein Verlust für die Anhänger der Freiheit“

„Der Tod Margaret Thatchers ist für alle Anhänger von Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft ein enormer Verlust“, erklärte der frühere tschechische Präsident Vaclav Klaus in Prag. Die Präsidenten der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen würdigten Thatchers Rolle für die Freiheitsbewegungen in Osteuropa.

Traian Basescu: „Ein persönliches Vorbild“

Rumäniens bürgerlich-liberaler Staatspräsident Traian Basescu schrieb in einem Kondolenzbrief an den britischen Premier David Cameron: „Ich gestehe, dass Frau Margaret Thatcher für mich persönlich ein Vorbild war. Sie hat immer die Prinzipien des Rechts und des wirtschaftlichen Liberalismus umgesetzt.“

François Hollande: „Immer offen und fair“

Thatchers Beziehung zu Frankreich sei „immer offen und fair“ gewesen, hieß es von Frankreichs Präsident François Hollande. Irlands Präsident Michael Higgins sagte, Thatcher habe sich einen Platz in der Geschichte gesichert. Ihre Nordirland-Politik habe zwar Debatten ausgelöst. Sie habe aber früh einen Beitrag zum Frieden geleistet.

Schimon Peres: „Klugheit, Hingabe und Glaubwürdigkeit“

Staatspräsident Schimon Peres erklärte, Thatcher habe vor zwei Jahrzehnten im Friedensprozess zwischen Israel und Jordanien eine wichtige Rolle gespielt. „Sie hat sich für eine Annäherung der Herzen eingesetzt und hat dies mit Klugheit, Hingabe und großer Glaubwürdigkeit getan“, sagte Peres nach Angaben der israelischen Nachrichtenseite „ynet“. „Der jordanische König und ich wussten, dass wir uns auf sie verlassen können.“

Dann kam Thatcher und brach die Macht der Gewerkschaften. Sie privatisierte Unternehmen wie British Telecom oder die Fluggesellschaft British Airways und befreite mit dem so genannten Big Bang den Londoner Finanzsektor von gesetzlichen Regeln.

Heute hat sich der britische Staat aus der Wirtschaft weitgehend zurückgezogen und der Finanzsektor massiv an Bedeutung gewonnen. Von der britischen Industrie ist wenig übrig geblieben. Der dramatische Wandel geht ganz wesentlich auf Margaret Thatcher zurück. Die Chemikerin hat aber nicht nur Großbritannien verändert, sondern die ganze Welt.

Sie war das große Vorbild für wirtschaftliche Reformer. Die Privatisierung von Telekom, Post und Lufthansa in Deutschland hätte es ohne Thatchers Vorbild vermutlich nicht gegeben. Ebensowenig die lasche Regulierung des Finanzsektors.

Kommentare (47)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

JosefSpitz

08.04.2013, 17:44 Uhr

Wie bitte, das Modell Thatcher ist gescheitert?
Lese ich hier richtig?
Das Modell schlanker Staat, Deregulierung, niedrige Steuern, unternehmerische Freiheit ist gescheitert, meint tatsächlich das Handelsblatt?
Ich meine, es ist nie konsequent versucht und durchgehalten worden.
Sie sollten über eine Namensänderung nachdenken:
vielleicht "Neues Deutschland"...

Account gelöscht!

08.04.2013, 18:22 Uhr

Wenn GB seit Thatcher den wirtschaftlichen Abstand zu D verkürzt hat, kann das Modell Thatcher nicht gescheitert sein. In allen Bereichen, in denen staatliche Unternehmen im Wettbewerb mit privaten Unternehmen stehen, sind, gleiche Wettbewerbsbedingungen vorausgesetzt, die Staatsunternehmen die Verlierer. Schuld an der gegenwärtigen Misere ist die Politik, die im Gegenzug zu üppigen Parteispenden Banken , die sich verzockt haben, mit Steuergeldern "rettete". Dort hat man einfach nicht begriffen, dass ein notwendiger Bestandteil der freien Wirtschaft die Möglichkeit des Scheiterns ist, wenn man die falschen Entscheidungen trifft.

clubman

08.04.2013, 18:27 Uhr

@JosefSpitz Sehe ich auch so.

Als Margaret Thatcher regierte war ich Teenager u. Punk und wenig angetan von der Iron Lady. Jetzt, ausgewandert, etabliert und konservativ gewandelt und gewandet sehe ich sie als den grössten britischen Prime Minister des 20. Century.

Vor Jahren wurde voreilig im konservativen deutschen Lager von Fr. Dr. Merkel als der deutschen eisernen Lady gesprochen. Nonsense! Während die eiserne "Maggie" reformwillig und couragiert UK strukturierte ist Deutschland im Reformstau in der Aegide der bleiernen "Angie" Merkels. Der teure Bürokratenapparat frisst die Rendite von Unternehmen und vor allem die der produktiven Bevölkerung. Nicht einmal den Ausgleich zur Kalten Progression gewährt der unfinanzierbare Beamtenstaat der Arbeitnehmerschaft. Permanente stetige Einkommenssteuererhöhungen!! Dafür gibt es dann Tariferhöhungen im OeD von an die 6%. Der Beamtenstand muss kündbar sein und verschlankt werden.
Auch Maggie würde das so sehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×