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19.05.2017

19:27 Uhr

Zunehmende Antibiotika-Resistenzen

Merkel fordert internationale Kooperation bei Gesundheit

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einer Konferenz der Gesundheitsminister der G20-Gruppe eine bessere globale Vorbereitung auf Epidemien und Gesundheitskrisen gefordert. Die Staaten müssten sich stärker abstimmen.

Die Kanzlerin betonte ebenso wie WHO-Generaldirektorin Margaret Chan die Notwendigkeit des Kampfs gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Reuters

Angela Merkel

Die Kanzlerin betonte ebenso wie WHO-Generaldirektorin Margaret Chan die Notwendigkeit des Kampfs gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen.

BerlinDie Staaten weltweit müssen sich nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel besser auf Gesundheitskrisen und die Verbreitung von Krankheiten über Grenzen hinweg vorbereiten. Notwendig sei eine bessere Reaktionsfähigkeit, sagte Merkel am Freitag bei einer Konferenz der Gesundheitsminister der G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer in Berlin. Bei Ebola in Westafrika hätten Viele geholfen, "aber die Hilfe kam spät, sie war langsam, sie war unkoordiniert". Es wäre zynisch, aus solch einem Ereignis keine Lehren zu ziehen. Merkel rief zu mehr Bemühungen und engerer internationaler Kooperation beim weltweiten Gesundheitsschutz auf.

Die Zusammenarbeit sei nicht nur eine Verpflichtung aus Gründen der Menschlichkeit. "Besonders aggressive Erreger können eine globale Bedrohung auch der Wirtschaftskreisläufe darstellen", warnte Merkel. Eine wachsende Gefahr sei, dass sich übertragbare Krankheiten im Zuge der Globalisierung immer schneller verbreiteten.

Notwendig seien bei Krisen wie im Falle von Ebola koordinierte Abläufe und schnelle finanzielle Hilfen. Dazu gebe es einen Fonds bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dessen Ausstattung aber noch zu wünschen übriglasse. Des weiteren gebe es die Arbeit der Weltbank an einer Versicherungslösung für Staaten gegen Epidemierisiken. Die Staaten müssten dabei dann im Falle einer Krise nicht mehr als Bittsteller auftreten. Zwar werfe dieses Modell viele theoretische Fragen auf. Es lohne sich aber, sich damit weiter zu beschäftigen.

Merkel betonte ebenso wie WHO-Generaldirektorin Margaret Chan die Notwendigkeit des Kampfs gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Die Entwicklung neuer Antibiotika sei mühselig und kostenintensiv, daher müssten sich die Staaten hier eng abstimmen. Es müsse auch mehr unternommen werden, damit die vorhandenen Mittel wirksam blieben. Die Bemühungen beträfen die Humanmedizin ebenso wie die Landwirtschaft. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sagte, notwendig sei ein sparsamer und sachgerechter Einsatz von Antibiotika. Es müssten zudem mehr Anstrengungen unternommen werden, um die Entwicklung neuer Präparate zu fördern. Dazu seien eine stärkere internationale Abstimmung der Forschung in diesem Bereich sowie Anreize notwendig. Chan sagte, multiresistente Erreger lösten große Besorgnis aus. Etwa gebe es für die Krankheit Gonorrhoe inzwischen fast kein wirksames Antibiotikum mehr. Ziel sei es, dass die Preise bezahlbar blieben. Sie verwies auf Initiativen und Partnerschaften in diesem Bereich. Eine Möglichkeit sei, die Kosten von Forschung und Entwicklung von den Produktpreisen zu entkoppeln. Chan beklagte auch einen Mangel an Impfstoffen gegen Cholera und Gelbfieber.

Taktiken um Antibiotika richtig einzusetzen

Antibiotika richtig dosieren

Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen dann an die Nachkommen weiter.

Antibiotika sparsam verwenden

Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

Früh diagnostizieren

Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Sorgfältig desinfizieren

Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

Die WHO-Chefin betonte zugleich, die Welt sei zwar besser gegen die nächsten schweren Krankheitsausbrüche gewappnet. "Aber wir sind immer noch nicht gut genug vorbereitet." Chan wie Merkel begrüßten, dass die Minister bei ihrer Konferenz gemeinsam mit WHO und Weltbank den Ernstfall eines grenzüberschreitenden Krankheitsausbruchs erproben wollen, bei der sich eine Seuche über die Atemwege verbreitet. Es werde in der mikrobiellen Welt immer wieder Mutationen und Anpassungen geben, die die Menschen überraschten, sagte Chan. Die Weltgemeinschaft habe sich inzwischen vom eher passiven Ansatz wegbewegt und versuche Krankheiten nicht an der Grenze aufzuhalten, sondern Ausbrüche an der Quelle einzudämmen.

Gröhe mahnte als Gastgeber der Konferenz die Staaten, wer seine Bevölkerung schützen wolle, dürfe sich nicht abschotten, sondern müsse verstärkt zusammenarbeiten. "Die nächste Gesundheitskrise mit globalen Auswirkungen wird kommen." Merkel unterstrich, Deutschland habe als Präsidentschaftsland der G20 bewusst das Thema Gesundheit zu einem seiner Schwerpunktthemen erwählt. "Wir wünschen uns, dass dieses Thema Gesundheit nicht wieder in Vergessenheit gerät, sondern so aktuell bleibt, wie es ist."

Von

rtr

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