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15.03.2013

13:16 Uhr

Zwei Jahre Volksaufstand

Syrien implodiert – sehr, sehr langsam

VonMartin Gehlen

Bashar Assad ist immer noch an der Macht, aber sein Land liegt in Trümmern. Das syrische Regime zerfällt, aber auch die Opposition ist zu schwach, um einen Sieg zu erzwingen. Damit wären die Probleme auch nicht vom Tisch

EU streitet über Waffenhilfe für Syriens Rebellen

Video: EU streitet über Waffenhilfe für Syriens Rebellen

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KairoZu Beginn des Arabischen Frühlings hatte sich Bashar al-Assad unerschütterlich gegeben. Syrien habe zwar größere Probleme als viele arabische Nachbarn, sei dennoch deutlich stabiler. Grund dafür sei die enge Bindung seiner Führung „an die Überzeugungen des Volkes“. Wenn es einen Riss gebe zwischen offizieller Politik und den Interessen der Bevölkerung, entstehe jenes Vakuum, das Unruhen erzeuge, belehrte Syriens Präsident wortreich seine westlichen Interviewpartner. Er jedenfalls habe, prahlte er selbstgewiss, anders als Tunesiens Ben Ali und Ägyptens Hosni Mubarak, vom ersten Tag im Amt mit Reformen begonnen.

Heute, zwei Jahre danach, liegt sein Land in Trümmern. Jahrzehnte von Aufbau, Entwicklung und Wohlstand sind zerstört. 24 Monate unsäglicher Gewalt und Leid liegen hinter der 22-Millionen-Nation. Am 15. März 2011 hatten die Bürger bei ihrer ersten landesweiten Massendemonstration noch mit heroischem Mut versucht, sich nicht provozieren zu lassen, ihre Rechte gewaltfrei einzufordern. Wochenlang trotzten sie den Schüssen der Sicherheitskräfte, den Greifkommandos des Regimes sowie den systematischen Folterkampagnen.

Studie: Assads militärische Fähigkeiten schwinden

Studie

Assads militärische Fähigkeiten schwinden

Baschar al-Assads Armee hat sich einem Bericht zufolge seit Herbst 2012 halbiert.

Dieses zivile Aufbegehren jedoch ist längst Geschichte, untergegangen in einem schier endlosen Strom von Bestialität. Hatten nach einem Jahr im März 2012 bereits 8500 Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren, sind es jetzt Ende des zweiten Jahres bereits zehn Mal so viele – ohne dass irgendeine Lösung in Sicht wäre. „Wir dürfen nicht noch ein weiteres Jahr verlieren”, flehte das Uno-Kinderhilfswerk Unicef und beklagte „den Kollaps der Kindheit für Millionen Heranwachsender“.

Denn die Schlachten toben überall, auch in Damaskus. Städte wie Aleppo, Homs, Hama, Deraa und Deir Ezzor sind schwer verwüstet und müssen teilweise ganz neu aufgebaut werden. Die syrische Armee ist demoralisiert und erschöpft, Wehrpflichtige lassen sich kaum noch rekrutieren. Die meisten noch kampffähigen Eliteeinheiten sind jetzt rund um die Hauptstadt konzentriert.

Zwei Jahre blutiger Kampf um die Macht

15. März 2011:

Erste Protestdemonstration in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.

18. März:

Tausende demonstrieren gegen Assad, es gibt Tote. Am 22. April gehen 100 000 auf die Straße, mindestens 112 sterben.

23. Juni:

Nach Einschlägen syrischer Granaten auf türkischem Gebiet schießt Syrien nahe der Stadt Latakia einen türkischen Militärjet ab. Ankara stationiert daraufhin Raketenabwehrsysteme an der Grenze.

31. Juli:

Das Regime erobert die Widerstandshochburg Hama. Laut Opposition sterben mindestens 100 Menschen.

3. August:

Der UN-Sicherheitsrat einigt sich auf eine „Präsidentielle Erklärung“ zur Verurteilung des Regimes in Damaskus. Eine gewichtigere Resolution scheitert am Veto Russlands und Chinas. Beide Länder blockieren in den folgenden Monaten zwei weitere Resolutionen.

2. Oktober:

Die syrische Opposition bildet einen Nationalrat.

22. Dezember:

Erste Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Vier Wochen später wird ihr Einsatz wegen der Gewalt beendet.

23. Dezember:

In Damaskus sterben bei den ersten Selbstmordanschlägen im Bürgerkrieg mindestens 44 Menschen, mehr als 160 werden verletzt.

4. Februar 2012:

Aus der Protesthochburg Homs wird das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.

13. Februar:

Das Regime weist den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken. Kurz darauf nennt Assad den 26. Februar als Termin für ein Verfassungsreferendum. Die Verfassung tritt am 28. Februar in Kraft.

25. Februar:

In Tunis gründen mehr als 60 Staaten die „Freundesgruppe“ für ein demokratisches Syrien.

27. März: Syrien akzeptiert den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan, der eine von den UN beobachtete Waffenruhe vorsieht.

25. Mai:

Bei einem Massaker im Ort Al-Hula kommen mehr als 100 Zivilisten ums Leben.

13. Juli:

Nach Angaben der Opposition sollen bei einem Massaker nahe Hama bis zu 250 Menschen von Regierungstruppen getötet worden sein.

18. Juli:

Bei einem Bombenanschlag der Rebellen auf den nationalen Krisenstab kommen mehrere Mitglieder der syrischen Führung ums Leben - darunter der Verteidigungsminister und Assads Schwager.

2. August:

UN-Vermittler Annan gibt auf. Es werden neue Massaker an syrischen Zivilisten gemeldet.

16. August:

Wegen der ausufernden Gewalt wird die UN-Beobachtermission beendet.

24. Oktober:

Der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi als neuer UN-Vermittler erklärt, beide Seiten seien zu einer Feuerpause bereit. Die auf vier Tage angelegte Waffenruhe hält keine drei Stunden.

11. November:

Regimegegner bilden die „Nationale Koalition“ und wählen den Prediger Ahmed Muas Al-Chatib zum Vorsitzenden. Zuvor gab der Syrische Nationalrat Ansprüche auf eine Vormachtstellung auf.

6. Januar 2013:

Assad will mit einer nationalen Mobilmachung seinen Sturz verhindern. Er verspricht in seiner ersten öffentlichen Rede seit sieben Monaten Reformen, eine neue Verfassung und Regierung. Eine politische Lösung mit bewaffneten Rebellen schließt er aus.

28. Januar:

Die Nato schützt die Türkei mit „Patriot“- Raketenabwehrstaffeln vor Angriffen aus Syrien. Zur Durchsetzung einer Flugverbotszone über Syrien dürfen sie nicht eingesetzt werden.

21. Februar:

In Damaskus kommen bei einem Bombenanschlag nahe der Zentrale von Assads Baath-Partei mindestens 53 Menschen ums Leben. Das Hauptquartier des Militärs wird mit Granaten beschossen.

28. Februar:

Die Staaten der „Freundesgruppe“ wollen Syriens Opposition politisch und finanziell helfen, aber keine Waffen liefern.

3. März:

Assad lehnt einen Gang ins Exil weiterhin ab. Im Interview mit der britischen Zeitung „Sunday Times“ zeigt er Bereitschaft zu Gesprächen mit der Opposition. Voraussetzung sei aber, dass Militante ihre Waffen niederlegten.

5. März:

Syrische Rebellen melden die Einnahme der Stadt Al-Rakka. Für die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Provinz Aleppo lassen Oppositionsparteien erstmals lokale Vertretungen wählen.

9. März:

Nach drei Tagen in der Hand syrischer Rebellen sind 21 Blauhelm-Soldaten wieder auf freiem Fuß.

Trotzdem herrscht seit Monaten ein militärisches Patt. Weder in Homs, noch in Aleppo oder Damaskus können Assads Soldaten die Rebellen aus ihren Vierteln vertreiben. Umgekehrt schaffen es die Aufständischen nicht, die drei größten Städte Syriens komplett unter ihre Kontrolle bringen.

Die Armee habe genug Soldaten und Waffen zur Verfügung, um die Bevölkerung noch auf Jahre gegen die Terroristen zu verteidigen, brüstete sich kürzlich die staatliche Zeitung Al-Watan – zumal der Nachschub aus Russland und Iran weiterhin funktioniert. Tatsächlich aber ist die syrische Armee nach Einschätzung des International Institute for Strategic Studies (IISS) um rund die Hälfte auf nur noch 110.000 Mann geschrumpft. Neben den Verlusten im Kampf gegen die Aufständischen seien viele syrische Armee-Angehörige desertiert oder zu den Rebellen übergelaufen. Im Grunde könne die Regierung in Damaskus sich nur der Loyalität von etwa 50.000 Soldaten sicher seien, bei denen es sich um Elite-Einheiten oder Alawiten handle.

Anhaltende Gefechte in der Rebellenhochburg Aleppo. dpa

Anhaltende Gefechte in der Rebellenhochburg Aleppo.

Kommentare (13)

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Harald

15.03.2013, 13:26 Uhr

Liebe Redakteure. In Syrien geht es einzig und alleine um Öl und Bodenschätze die der Westen haben möchte. Daher wird dieses Land destabilisiert, danach mit westlichen Puppen besetzt und ausgebeutet. Genauso war es im Irak und in anderen Ländern die angeblich die eigene Bevölkerung mit Chemiewaffen töten wollten! Die Bürger glauben eure Lügenpropaganda nicht mehr! Es ist vorbei!

Account gelöscht!

15.03.2013, 13:45 Uhr

Korrekt! Es geht aber auch um den militärischen Status, um von Syrien in den Iran zu gelangen! Wenn Syrien fällt können sich alle Kräfte auf ihn konzentrieren!
Die wahren Massenmörder für diese Spektakel sitzen in der City of London, der einzigen "Regierungszentrale" der Welt! Liebe HB Jounalisten! In den meisten Fällen ist es besser nichts zu schreiben als diese ständigen Lügen weiter zu verbreiten!

RumpelstilzchenA

15.03.2013, 13:52 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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