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01.09.2014

18:16 Uhr

Zweiter Weltkrieg

„Achtung! Hier Gleiwitz“

VonJens Mattern

Vor 75 Jahren begann mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Symbol dafür ist der Sender Gleiwitz, den als Polen verkleidete SS-Schergen überfielen. Heute ist die Anlage ein Museum. Ein Ortsbesuch.

Sender Gleiwitz: „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“ Getty Images

Sender Gleiwitz: „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“

Gleiwitz„Großmutter gestorben.“ Mit diesem Code löst Reinhard Heydrich, Chef der Gestapo, am 31. August 1939 eine Provokation aus – die Adolf Hilter als Vorwand dient, die Zweite Polnische Republik durch die Wehrmacht angreifen zu lassen. Empfänger des telefonischen Auslösebefehls ist SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks im Hotel „Haus Oberschlesien“ in Gleiwitz, der sich sofort mit einigen weiteren Männern in Zivil zur Sendeanlage mit dem Turm aus Lärchenholz begibt.

Der 1936 erbaute Mast und das Sendehaus haben den Krieg überstanden, die Anlage bildet heute das Museumsgelände „Radiostacja“ der polnischen Stadt Gliwice. Im Inneren: ein großer Raum mit Sendeanlage, ein Antennenpult und ein riesiger schwarzer Schaltschrank. An der Wand eine alte Siemens-Uhr, der Stundenzeiger zeigt genau auf die acht.

Zu dieser Uhrzeit drang damals Naujocks mit seinen Agenten ein und überwältigte das technische Personal. Eine Nachricht auf Polnisch sollte verlesen werden, um Deutschland wie das Ausland davon zu überzeugen, dass hier ein Angriff von polnischer Seite stattfinde. Dann wollte Hitler zurückschlagen.

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Beinahe wäre der Coup misslungen, denn das Sendegebäude neben dem 111 Meter hohen Sendeturm für Mittelwelle hatte gar kein eigenes Studio. „Er strahlte vor allem das Programm des Reichssenders Breslau aus“, sagt der Museumsverwalter Andrzej Jarczewski. Die SS-Leute hätten eigentlich das vier Kilometer entfernte Radiostudio überfallen sollen. Der pensionierte Elektro-Ingenieur holt ein mobiles altes Mikrofon mit einer einer Stehplatte hervor und steckt es in eine Buchse. Es sei nicht das Original, das hätten 1945 Rotarmisten mitgehen lassen.

Es ist ein „Gewittermikrofon“ , mit dem man das Ausschalten des Radioprogramm ankündigte, um Blitzschäden bei dem hölzernen Sendeturm zu vermeiden. Dieses Gerät wurde von der SS gefunden oder mittels Zwang aufgetrieben, damit konnte einer der Schergen den vorbereiteten Text „Achtung! Hier Gleiwitz, der Sender befindet sich in polnischer Hand“ auf Polnisch durchgeben, was auch in Großbritannien und Frankreich, den Verbündeten Polens, gehört wurde.

Der als Pole verkleidete SS-Mann verlas noch weiteres Pamphlet, doch vermutlich, so Andrzej Jarczewski, stoppte ein technischer Mitarbeiter die Übertragung heimlich mittels eines Schalters. Die Flüchtenden hinterließen einen Toten, einen pro-polnischen Oberschlesier, der als mutmaßliches Opfer der Attacke vor das Sendegebäude gelegt wurde.

Am frühen Morgen des 1. Septembers schoss dann das Schulschiff „Schleswig Holstein“ auf das polnische Munitionsdepot auf der Westerplatte bei Danzig. „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“ – so stimmte Hitler die deutsche Bevölkerung auf den Angriff auf Polen ohne Kriegserklärung ein, den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die deutschen Medien berichteten ausführlich über die „polnische Provokation“ in Gleiwitz.

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