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19.03.2013

12:25 Uhr

Zypern

„Man will uns unser Geld stehlen“

VonGerd Höhler

Nikosia am Dienstag: Die Cafés sind leer, die Geschäfte verwaist. Den Zyprern ist das Geld ausgegangen. Die Wirtschaft der Insel ist gelähmt. Die Menschen sind verzweifelt – und sie zittern um ihr Erspartes.

Die Menschen in Zypern zittern um ihr Geld - vor allem die Rentner. ap

Die Menschen in Zypern zittern um ihr Geld - vor allem die Rentner.

NikosiaEs ist kühl an diesem Dienstagmorgen auf der Platia Eleftherias, dem Freiheitsplatz am Rand der verwinkelten Altstadt der zyprischen Inselhauptstadt Nikosia. Der Name erinnert an die Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft Ende der 1950er-Jahre und die die Unabhängigkeit der Inselrepublik 1960. Aber jetzt fühlen sich viele Zyprer erneut unterjocht. Eine „neo-koloniale“ Strategie fahre die EU, einen „Rachefeldzug“ führe sie gegen den Finanzplatz Zypern, klagt Markos Kyprianou, der Chef der kommunistischen Akel-Partei. Er meint das am vergangenen Wochenende von den Euro-Finanzministern beschlossene Rettungspaket, mit dem Zypern vor dem drohenden Staatsbankrott bewahrt werden soll – und vor allem die Zwangsabgabe, mit der die Kunden der zyprischen Banken an der Rekapitalisierung der praktisch insolventen Geldhäuser beteiligt werden sollen.

Noch trüber als der wolkenverhangene Himmel ist die Stimmung auf der Platia Eleftherias. Einige Dutzend Männer, vorwiegend Rentner, bevölkern den Platz. In kleinen Gruppen stehen sie herum, diskutieren. Viele lassen ein Komboloi durch Finger gleiten. So heißen die Perlenketten, die einem Rosenkranz ähnlich sehen. Sie sollen die Sorgen vertreiben, heißt es. Aber die werden immer größer statt sich zu verflüchtigen.

Müssen sich Sparer um ihr Geld sorgen?

Für wen soll die Sonderabgabe gelten?

Die Sonderabgabe auf Erspartes gilt ohne Ausnahme für alle, die ein Konto bei einer Bank auf Zypern haben. Nun haben die Euro-Finanzminister beschlossen, dass Kleinanleger mit einem Guthaben von unter 100.000 Euro ausgenommen werden. Auslandsniederlassungen zyprischer Banken sollen nicht betroffen sein. Wie viel die Sparer berappen müssen, hängt von der Höhe des Guthabens ab.

Sind auch andere Anlagenformen von der Abgabe betroffen?

Nein. In der Erklärung der Eurogruppe ist lediglich von Konteninhabern die Rede. Allerdings verspricht man sich weitere Einnahmen von Steuererhöhungen, zum Beispiel auf Kapitalerträge. Auf diese Weise würden auch Inhaber von Aktien und Anleihen stärker belastet - aber eben nicht im Rahmen der Sonderabgabe.

Schützt die EU nicht das Ersparte ihrer Bürger?

Im Falle einer Bankenpleite sind die Einlagen pro Kunde und Bank in allen EU-Staaten bis zu einer Summe von 100 000 Euro geschützt. So sieht es ein EU-Gesetz vor. Doch die geplante Beteiligung zyprischer Sparer geht nicht auf eine Bankenpleite zurück, sondern auf eine Steuer. Damit greift der europäische Einlagenschutz nicht.

Drohen nun auch Zwangsabgaben für Kleinsparer in anderen EU-Staaten?

Nein, sagen Experten. „Zypern ist sicherlich eher ein Einzelfall“, meint der Vorsitzende des Verbandes der Auslandsbanken in Deutschland, Stefan Winter. Commerzbank-Ökonom Jörg Krämer erklärt: „Zypern ist mit seinem völlig überdimensionierten Bankensystem und seinen laxen Geldwäscheregeln ein Sonderfall. Es ist verständlich, dass die Staatengemeinschaft die ausländischen Eigentümer meist hoher Bankeinlagen an den Rettungskosten beteiligen will.“

Sind die Ersparnisse der Deutschen noch sicher?

Prinzipiell ja. Auch Politik und Bankenverbände verweisen auf die Besonderheiten des zyprischen Bankensektors. „Deutsche Sparer müssen sich keine Sorgen machen“, versicherte auch Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon am Montag.

Schützt die Bundesregierung unsere Sparguthaben?

Als die Lehman-Pleite im Herbst 2008 Schockwellen um den Globus schickte, erklärte Kanzlerin Angela Merkel (CDU): „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ Ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) unterstrich, niemand müsse befürchten, auch nur einen Euro seiner Einlagen zu verlieren. Nach damaligen Angaben der Regierung ging es um 568 Milliarden Euro. Die Garantie habe Bestand, versicherte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin.

Kann die deutsche Regierung die Garantie der Spareinlagen erfüllen?

Der damalige Bundesfinanzminister Steinbrück ließ 2011 in einem Interview keine Zweifel daran, dass Deutschland die Zusage im Ernstfall erfüllen müsste. Er räumte aber ein, machbar wäre das nur über eine massive Ausweitung der Staatsverschuldung. Die gesetzliche Einlagensicherung in Deutschland schützt Einlagen bis zu 100 000 Euro pro Kunde. Zusätzlich gibt es hierzulande ein freiwilliges Sicherungsnetz der privaten Banken mit höheren Summen.

Immer mehr Staaten brauchen Hilfe: Woher kommen die Milliarden?

Die Europäer haben um die Eurozone einen Schutzwall gebaut - aus Rettungsschirmen, Hilfen für Irland, Portugal und Griechenland. Größter Brocken ist der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM), der Euroländern Hilfen von bis zu 500 Milliarden Euro geben kann. Anders ausgedrückt: Bisher helfen die Steuerzahler der finanziell stabileren Länder klammen Staaten und Banken. In Zypern sollen nun erstmals die Kunden der maroden Banken selbst zur Kasse gebeten werden.

Und was kostet das Deutschland?

Deutschland steuert zum ESM 21,7 Milliarden Euro in bar und 168,3 Milliarden Euro an Garantien bei. Nach Berechnungen der Commerzbank summieren sich die deutschen Hilfszahlungen bis dato auf 76,2 Milliarden Euro für Portugal, Griechenland, Spanien und Irland. Dennoch betont „Finanztest“-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen im Gespräch mit dem dpa-Audiodienst: „Im Augenblick ist es so, dass wir als Deutsche von der Krise profitieren. Unser Finanzminister muss so wenig Zinsen für unsere Schulden zahlen wie noch nie, Baukredite kriegen wir so billig wie nie, also im Augenblick sind wir gerade Krisenprofiteure und nicht etwa jene, die an der Krise leiden.“

Wer bekommt das Geld?

Die Erlöse der zyprischen Sonderabgabe gehen zunächst einmal an die dortigen Steuerbehörden. Gut zehn Milliarden Euro soll Zypern zur Sanierung seiner klammen Banken nutzen, mit weitere Milliarden sollen fällige Staatsschulden vollständig finanziert werden: „Zypern braucht also bis Ende 2016 keine Mittel am Kapitalmarkt aufnehmen“, erläutert Commerzbank-Volkswirt Krämer.

Machen sich Sparer in Deutschland mehr Sorgen um ihr Geld?

Die Angst vor massiver Geldentwertung hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt: Die Hyperinflation vernichtete 1923 die Ersparnisse der kleinen Leute, Banknoten wurden zu wertlosem Papier. Je länger die Euro-Schuldenkrise anhält, umso größer die Sorgen vieler Verbraucher, die Geschichte könnte sich wiederholen.

„Man will uns unser Geld stehlen“, sagt Andreas Theophanis. Der Pensionär sitzt auf einer Bank an der Platia und füttert die Tauben. Etwas trockenes Brot kann er für die Vögel noch erübrigen, aber ansonsten geht es ihm schlecht. Knapp 4.000 Euro hat er auf der Bank. Die geplante Zwangsabgabe von rund 30 Euro könnte er zwar verkraften. „Aber dabei wird es nicht bleiben“, glaubt Theophanis. „Unser Geld ist nicht mehr sicher bei den Banken“, sagt er. Und die staatliche Einlagensicherung für Guthaben bis zu 100.000 Euro? Der Rentner schüttelt den Kopf: „Wer nach dem vergangenen Wochenende noch an solche Märchen glaubt, ist doch naiv!“ Am liebsten würde er deshalb seine Konto komplett auflösen und die Banknoten mit nach Hause nehmen. Aber das geht nicht. Denn auch am Dienstag blieben die Bankfilialen in ganz Zypern geschlossen.

Experten-Gespräch

„Mitgehangen, mitgefangen – das Motto der Währungsunion“

Experten-Gespräch: „Mitgehangen, mitgefangen – das Motto der Währungsunion“

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An der Platia Eleftherias gibt es zwei Geschäftsstellen, eine der Bank of Cyprus und eine der Laiki Bank. Ausländische Fernsehteams filmen die geschlossenen Eingänge. „Closed“ steht auf den Schildern in den Glastüren. In den Kassenräumen kann man schemenhaft Sicherheitspersonal ausmachen. Wenigstens funktionierten am Dienstag die meisten Geldautomaten wieder. Am Sonntag war in vielen Automaten das Geld ausgegangen, in der Nacht zum Dienstag wurden sie aber wieder aufgefüllt. Die zyprische Zentralbank habe ausreichende Bargeldbestände für die Automaten, heißt es.

Trotzdem macht sich Geldknappheit bemerkbar. Auf der Ledra-Straße, der sonst belebten Einkaufsmeile in Nikosias Altstadt, waren nur wenige Menschen unterwegs. „Heute kam der erste Kunde gegen Mittag“, sagt ein Ladeninhaber. Untätig stehen die Taxifahrer neben ihren Autos - keine Fahrgäste. In den Restaurants und Cafes sind nur wenige Tische belegt. Die Wirtschaft der Insel wirkt zunehmend gelähmt.

Kommentare (54)

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observer

19.03.2013, 15:50 Uhr

+++++ Keine will die Mauer ++++
+++++ Die Renten sind sicher +++++

++++++++++++++++++++++++++++++++++++



Mohamed El Erian, Chef des größten Vermögensverwalters der Welt, sprach in einem Interview mit dem Wirtschaftssender CNBC von einer „Dynamit-Stange“, die am Wochenende gezündet wurde. Die EU habe die „Heiligkeit der Bankeinlagen“ infrage gestellt und riskiere jetzt massive soziale Unruhen.

Wer ist der Nächste?

In der Tat, in einem beispiellosen Akt der Willkür greifen die europäischen Regierungen jetzt auf die Spareinlagen der Bürger zu. Noch betrifft dies „nur“ das kleine Zypern. Doch ab sofort kann niemand mehr sicher sein, dass nicht morgen ähnliche Beschlüsse auch in anderen europäischen Ländern getroffen werden.

Die Entscheidung vom Wochenende erscheint aus vielerlei Hinsicht, sagen wir mal, dubios. „Vernünftig“ wäre gewesen, zunächst ein Insolvenzverfahren einzuleiten, bei dem Bankaktionäre und Schuldner, später möglicherweise auch die Gläubiger zur Kasse gebeten werden. So wie in Griechenland. Die Spareinlagen der Kunden zu enteignen ist jedoch ein Schlag ins Gesicht der Bürger. Das Vertrauen wird regelrecht mit Füßen getreten. Dabei ist es genau jenes Vertrauen, auf dem das gesamte Papiergeldsystem basiert.

Unterdessen lügt uns Finanzminister Wolfgang Schäuble frech ins Gesicht und behauptet, in Deutschland sei Vergleichbares gar nicht vorstellbar.

Franz

19.03.2013, 15:53 Uhr

Die Zyprer wollen unsere Hilfe nicht.

Um das zu demonstrieren demontieren sie die Fahne unserer Botschaft.

http://www.youtube.com/watch?v=xmuRPkRAFBo

An die Vereinbahrungen wollen sie sich auch nicht halten. Die Sonderabgabe wurde entschärft, und soll nur noch 5 Mrd € statt der anvisierten 5,8 Mrd. € bringen.

Bleibt zu hoffen, dass Merkel sich nicht, so wie von den Griechen gezeigt, an der Nase durch die Arena führen lässt.

Account gelöscht!

19.03.2013, 15:56 Uhr

Wie lange wollt ihr hier noch die armen Opfer einer maroden InselFinanzwirtschaft beweinen?
Habt ihr für die Arbeitslosen und Rentner in Griechenland, Spanien, Irland, Portugal nicht gemacht, da wurde brav und systemkonform deren angebliche Faulheit hervor gekehrt.
Was hat sich geändert? Auf Zypern gibts doch genauso viel Sonne.

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