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07.06.2013

16:36 Uhr

Kandidaten-Serie

Aus dem Kellner-Job in den Bundestag

VonStefan Kaufmann

Noch jobbt Luise Amtsberg in der Kneipe, aber im Herbst wird die grüne Spitzenkandidatin in Schleswig-Holstein als eine der jüngsten Abgeordneten in den Bundestag einziehen. Ihre Agenda für Berlin steht längst fest.

KielEs ist ein Plakat, das die fünf Herren und drei Damen auf dem Podium amüsiert. Luise Amtsberg hat es fotografiert, jetzt zeigt sie das Bild auf ihrem Smartphone. Zu sehen ist eine sattgrüne Landschaft, ein Rind weidet in dieser Idylle. Dazu der Slogan „Wiese statt Profit“ und drei Buchstaben: CDU. „Das würde ich sofort unterschreiben“, sagt Amtsberg, Spitzenkandidatin der Grünen in Schleswig-Holstein für die Bundestagswahl. „So sahen unsere Plakate in den 80ern aus.“

Kita-Plätze, Schulsanierung, Stadttunnel, Regionalbahn oder eben bedrohte Wiesen – Schleswig-Holstein steckt im Kommunalwahlkampf. Doch an diesem Morgen sitzen in einem Mehrgenerationenhaus in Kiel die Konkurrenten von Linkspartei bis CDU in einer ungewöhnlichen gemeinsamen Mission zusammen an einem Tisch. In ihrer Mitte: Luise Amtsberg.

Sie hat als Kieler Kreisvorsitzende der Grünen ein Bündnis gegen die NPD geschmiedet, die als Wahlalternative getarnt um den Wiedereinzug ins Kieler Rathaus ringt. „Jeder muss wissen, wer hinter dieser Liste steckt. Wir werben gemeinsam dafür, demokratisch zu wählen.“ Deshalb gibt es jetzt tatsächlich ein Plakat, auf das die Logos von FDP und Grünen gemeinsam gedruckt sind, neben denen der anderen demokratischen Parteien und Listen. Slogan: „Kein Platz für Nazis!“

Es ist ein ernstes Thema, das an diesem Morgen besprochen wird. „Muss ich deshalb mit der Stirn runzeln?“, fragt Amtsberg in die Runde ohne eine Antwort zu erwarten. Jeder, der sie kennt, weiß, dass eine künstlich aufgesetzte Besorgnis-Mimik nicht zu ihr passen würde. Sie lacht lieber, bringt mit dem Wiesen-Plakat andere zum Lachen – und lässt trotzdem keine Zweifel aufkommen, wie ernst es ihr damit ist, für ihre Vorstellungen einer lebenswerten Welt zu kämpfen.

Zweieinhalb Wochen hat Amtsberg beispielsweise für den „Kieler Konses“ und damit zwei ihrer Überzeugungen gerungen: Den Kampf gegen Nazis und die Demokratie als Wert. „Mir reicht es nicht, nur zu beobachten und dann zu jammern, wenn etwas nicht so läuft“, sagt sie, als sie die Plakate in den Kofferraum ihres vollgestopften roten Volvo („meine mobile Wahlkampfzentrale“) packt. „Ich will mich einmischen“, sagt sie später beim Gespräch im Café Taktlos, das im Kieler Studentenviertel liegt, noch einmal. Darum ist sie kurz nach Beginn ihres Islamwissenschaft-Studiums im Herbst 2004 auch in die Politik gegangen. Mit 24 zog sie für die Grünen in den Landtag ein, jetzt kandidiert sie für den Bundestag.

Im Herbst wird sie mit 28 als eine der jüngsten Abgeordneten dem neuen Parlament angehören. Sie ist Teil eines sehr erfrischenden Auftritts der Grünen im Norden: Konstantin von Notz sitzt bereits im Bundestag, Robert Habeck macht sich gerade als Landesumweltminister bundesweit einen Namen, die Spitzenkandidatin im Kommunalwahlkampf, Lydia Rudow, ist 22 Jahre alt.

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Mitte März wählte der grüne Landesverband Luise Amtsberg auf Listenplatz eins. Bei der Abstimmung setzte sie sich gegen die derzeitige Bundestagsabgeordnete Valerie Wilms durch. „Der Platz war vakant, deshalb habe ich mich beworben“, sagt sie ganz pragmatisch. Warum sollte sie sich in diesem Wettbewerb auch hinten anstellen. Wegen ihres Alters? „Ich will Politik für junge Menschen attraktiv machen und für meine Themen kämpfen.“ Dieses Angebot habe sie gemacht – und es sei angenommen worden.

Von Altkanzler Helmut Schmidt stammt das Bonmot, Politiker mit Visionen sollten zum Arzt gehen. Luise Amtsberg würde wohl jeden zu einem Doktor schicken, der ohne Visionen Politik machen will. Sie entwickelt ihre Leidenschaft aus der Idee, die Lebensumstände von Menschen verbessern zu können. Was tatsächlich möglich ist, hat sie in den drei Jahren im Landtag erfahren, in denen sie sich für Flüchtlinge stark gemacht hat.

„Bei meiner ersten Initiative und meiner ersten Rede ging es um die Abschaffung der Residenzpflicht für Flüchtlinge“, erzählt sie. „Dahinter steht der Grundrechtsgedanke der Bewegungsfreiheit.“

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