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02.01.2009

19:45 Uhr

Interview mit Werner Plumpe

„Alle zahlen jetzt die Zeche“

VonMichael Brackmann und Jens Münchrath

Der Vorsitzende des Deutschen Historikerverbands, Werner Plumpe, warnt trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise vor Schwarzmalerei. Im Handelsblatt-Interview spricht der Chefhistoriker über den Vergleich zwischen aktueller Krise und Großer Depression aus dem Jahre 1929 sowie die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels.

Menschenmenge vor der Wall Street im Jahre 1929: Historisch ohne Beispiel ist die gegenwärtige Krise nicht. Foto: ap ap

Menschenmenge vor der Wall Street im Jahre 1929: Historisch ohne Beispiel ist die gegenwärtige Krise nicht. Foto: ap

Handelsblatt: Herr Plumpe, funktionierten die Jahrmärkte des Mittelalters besser als die heutigen Finanzmärkte?

Plumpe: Sie scherzen. Vergleichen lässt sich das wohl kaum. Dennoch: Im Mittelalter stellten die städtischen Wochenmärkte die Alltagsversorgung der Bevölkerung sicher. Zweimal im Jahr gab es dann noch Jahrmärkte, zu denen auswärtige Händler anreisten, die auf den Wochenmärkten nicht zugelassen waren. Auf den Jahrmärkten konnte die Bevölkerung Luxuswaren kaufen. Die Märkte waren stark reguliert, aber der Marktmechanismus funktionierte.

Und heute? Ist bei den erratischen Kursausschlägen an den Börsen noch Adam Smith’ „unsichtbare Hand“ im Spiel?

Natürlich geht es an den Börsen nach wie vor um Angebot und Nachfrage. Doch die „unsichtbare Hand“ war ja immer nur eine Metapher – die theoretische Vorstellung vom Markt als dem Ort, wo Angebot und Nachfrage über den Preis zum Ausgleich gebracht werden. In der Wirklichkeit gibt es unterschiedliche Märkte, die alle mehr oder weniger stark reguliert sind. Schon im Mittelalter schrieb der Staat beispielsweise vor, wann die Märkte geöffnet sind und welche Waren dort verkauft werden durften.

Und wie sieht es mit der viel zitierten Selbstreinigungskraft des Marktes aus?

Auch die ist zunächst nur eine theoretische Vorstellung, wenn auch eine faszinierende. Klar ist jedenfalls, dass Märkte in der Praxis keineswegs zum Gleichgewicht neigen. Schon Schumpeter ...

... Österreichs berühmter Ökonom, der Wirtschaftsentwicklung als Prozess schöpferischer Zerstörung beschrieb ...

... hat ja mit dieser Illusion aufgeräumt. Güter- und Dienstleistungsmärkte können zwar mehr oder weniger effizient sein, ein Gleichgewicht aber stellen sie nicht her. Sonst wären sie ja statisch. Für den Kapitalismus sind zyklische Krisen typisch. Wenn wir die hohe Produktivität des Kapitalismus haben wollen, müssen wir die Krisen in Kauf nehmen. Im Übrigen: Auch Blasen sind keine dem Markt fremde Erscheinungen.

Wollen Sie uns das Desaster auf den Märkten als bloßen Schicksalsschlag verkaufen?

Nein. Die gegenwärtige Krise hat drei konkrete Voraussetzungen: Computerisierung, Globalisierung und Derivatisierung. Vor allem die Derivatisierung der Finanzmärkte hat die Komplexität des Systems extrem erhöht.

Sie meinen die Tatsache, dass das Volumen der weltweit gehandelten Derivate mindestens zehnmal so hoch ist wie das globale Bruttosozialprodukt.

Genau, an den Finanzmärkten wird heute mit Hebeln gearbeitet, die bis vor einigen Jahren noch unvorstellbar waren. Die Derivatemärkte haben längst jeden Bezug zur realen Wirtschaft verloren. Wenn dann die Märkte auch noch, wie von der US-Notenbank, jahrelang mit billigem Geld geflutet werden, kommen Prozesse in Gang, die eine erhebliche Dramatik entfalten können.

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