Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.01.2010

16:58 Uhr

Studie

Forscher fordern höhere Alkoholsteuer

VonAxel Schrinner

Alkohol ist für manches Problem die richtige Lösung. Jetzt könnten mit einer Steuererhöhung auf alkoholische Getränke die Löcher im Bundeshaushalt gestopft werden. Eine neue Studie verspricht nicht nur höhere Einnahmen für den Bund, sondern auch weniger volkswirtschaftliche Schäden und gesündere Menschen.

Eine höhere Steuer auf Alkohol könnte gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. dpa

Eine höhere Steuer auf Alkohol könnte gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

DÜSSELDORF. Wer feiern will, soll auch die ganze Zeche zahlen - dieser Meinung sind jedenfalls die beiden Wissenschaftler Michael Adams und Tobias Effertz. Auf der Suche nach Möglichkeiten, die Löcher in den öffentlichen Haushalten zu stopfen, haben die beiden Experten die Alkoholsteuern entdeckt. Würde Deutschland die Steuern auf Bier, Wein und Schnaps auf EU-Durchschnittsniveau erhöhen, könnte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zusätzlich 3,8 Mrd. Euro pro Jahr einnehmen, rechnen die Hamburger Experten in einer neuen Studie vor. Würde der Fiskus gar so heftig wie die Skandinavier zuschlagen, wären 7,3 Mrd. Euro drin.

Charmant ist die Idee, weil nicht nur die Staatseinnahmen erhöht, sondern auch Ausgaben und gesamtwirtschaftliche Schäden sinken würden. Denn wie bei allen Steuererhöhungen passen auch bei Alkohol-Steuern die Betroffenen ihren Konsum an die neuen Preise an. Was sonst Ökonomen ein Graus ist, weil solche Verhaltensänderungen den Marktprozess stören, wird dann zum Wohl, wenn die gegenwärtigen Preise nicht alle gesamtwirtschaftlichen Kosten widerspiegeln. So können etwa Umweltsteuern zu sinnvollen Schadstoffvermeidungen führen.

Ganz Ähnliches gilt beim Alkohol: Nach Berechnungen von Adams und Effertz verursacht das Trinken 10,9 Mrd. Euro direkte gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für medizinische Behandlungen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum, für vorbeugende und betreuende Maßnahmen sowie Sachschäden und Unfälle, bei denen Trunkenheit im Spiel ist. Hinzu kommen 16,7 Mrd. Euro indirekte Kosten, etwa wegen Einkommensverlusten durch Frühverrentung, Krankheit oder vorzeitigen Todes. Wissenschaftliche Analysen zeigten, dass vor allem Jugendliche stark auf Preiserhöhungen reagierten. Steigt der Bierpreis um ein Prozent, sinkt die Nachfrage um 0,46 Prozent, bei Spirituosen beträgt der Rückgang gar 0,8 Prozent; selbst Süchtige verringern ihren Konsum um 0,28 Prozent, wenn der Preis um ein Prozent steigt.

Alkoholmissbrauch steigt stark an

Gegenwärtig wird Bier in Deutschland mit neun Cent, Branntwein mit 4,30 Euro, Schaumwein mit 1,36 Euro pro Liter Getränk besteuert; Wein bleibt steuerfrei. Da die Steuern feste Euro-Beträge und keine Prozentsätze sind, sinkt der Anteil der Steuerlast mit der Inflation. Um EU-Schnitt zu erreichen, müsste Bier um 35 Cent, Branntwein um 80 Cent und Wein um 55 Cent pro Liter teurer werden. Würde skandinavisches Niveau angestrebt, müsste Bier um 91 Cent, Schnaps um 7,52 Euro, Sekt um 64 Cent und Wein um 1,87 Euro pro Liter zusätzlich besteuert werden.

Tatsächlich nimmt der Alkoholmissbrauch besonders bei Jugendlichen zu. 2008 wurden 25 700 Menschen zwischen 10 und 20 Jahren aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär im Krankenhaus behandelt - elf Prozent mehr als 2007; im Vergleich zum Jahr 2000 beträgt das Plus gar 170 Prozent. Die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans erkennt das Problem: Gegen das "Rauschtrinken dieser ständig wachsenden Gruppe von Kindern und Jugendlichen muss mehr getan werden", meint sie.

Gleichwohl lehnt die Juristin höhere Steuern ab. "Die würden die Gesamtbevölkerung treffen und sind daher keine geeignete Maßnahme, um nur die jugendliche Zielgruppe zu erreichen", sagte die FDP-Politikerin dem Handelsblatt. Vielmehr müsse das Jugendschutzgesetz durch stärkere Kontrollen konsequenter umgesetzt werden - eine bemerkenswerte Aussage der Suchtexpertin, deren Partei sonst eher auf Marktwirtschaft als auf Verbote setzt.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Kontrabass

16.01.2010, 14:24 Uhr

Was die Hamburger Experten vorbringen, ist in Fachkreisen längst klar, auch die WHO und die EU sind in diese Richtung aktiv; nur will es die Politik nicht wissen, weil sie die interessen der Alkoholwirtschaft statt die des Volkes vertritt. Es sollte eine Lenkungsabgabe nach dem Verursacherprinzip darstellen, keine fiskalische Steuer. Und die Einnahmen sollten zur Deckung der Sozialkosten und für die Prävention eingesetzt werden. Die neue Drogenbeauftragte liegt mit ihrer ablehnenden Äusserung falsch, es treffe die Gesamtbevölkerungk, das sei also die unpassende Lösung. in Wirklichkeit trifft es Jugendliche und starke Konsumenten. Am wenigsten trifft es die Nicht- und Mässigkonsumenten, d.h. die Mehrheit. Sie zahlen keine oder wenig Abgaben und profitieren voll vom Rückgang der Sozialkosten und der Steigerung der Lebensqualität in Familie und Öffentlichkeit. Es wäre schön, wenn die neue Drogenbeauftragte sich mehr von Fachleuten als von ihrer vorgefertigten ideologie leiten liesse. Allerdings ist von dieser Regierung noch weniger zu erwarten als von der Vorgängerin, die hatte wenigstens noch eine gewisse Fachkompetenz.
Da dieser Artikel im Handelsblatt steht, noch ein Wort zur Wirtschaft. Leider verhält sich die "Wirtschaft" meist solidarisch mit der Alkoholindustrie, was echte Lösungen meist verunmöglicht. Dabei schneidet sie sich ins eigene Fleisch. Sie leidet auch kostenmässig unter den Alkoholproblemen im betrieb und Geld, das nicht in den Alkoholkonsum investiert wird, fliesst in andere branchen oder zu den banken, wo es investiert wird. Das Spitalpersonal würde einen Rückgang der alkoholbedingten belastung sicher auch begrüssen.

kalif

29.10.2010, 17:35 Uhr

Hier darf also wieder der Europäische Vergleich gezogen werden. Wenn es dann aber um Verögenssteuer, Mindestlohn usw geht, sollen wir uns nicht immer an den Anderen orientieren. Es wird immer verlogener, wie uns Entscheidungen verkauft werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×