Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.09.2014

14:22 Uhr

AfD-Spitzenkandidatin Petry im Interview

„Je länger uns die CDU ignoriert, umso besser für uns“

VonJan Mallien

ExklusivBei der Sachsen-Wahl ist die AfD aus dem Stand fast so stark wie die SPD. Im Interview äußert sich Spitzenkandidatin Frauke Petry über eine Koalition mit der CDU, den Niedergang der FDP – und die Familienpolitik.

AfD zu Wahlergebnissen in Sachsen

Selbstbewusste AfD: „CDU wird weiter Wähler verlieren"

AfD zu Wahlergebnissen in Sachsen: Selbstbewusste AfD: „CDU wird weiter Wähler verlieren"

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Es war eine kurze Nacht für Frauke Petry. Heute morgen, als sie mit Handelsblatt Online spricht, ist die Spitzenkandidatin der AfD bei der sächsischen Landtagswahl auf dem Sprung nach Berlin zur Gremiensitzung. Es gibt einen großen Sieg zu feiern: Die eurokritische Partei holte am Sonntag in Sachsen aus dem Stand 9,7 Prozent – und zieht damit in den Landtag ein.

Frau Petry, wie haben Sie geschlafen?
Kurz, aber gut.

Sachsens CDU-Ministerpräsident Tillich hat eine Koalition mit ihnen ausgeschlossen. Sind Sie enttäuscht?
Nein, wir haben das erwartet. Die CDU wäre sonst ja gezwungen, sich inhaltlich mit uns auseinander zu setzen. Das hat sie aber die ganze Zeit vermieden, und das hat sie auch die vielen Stimmen an die AfD gekostet. Frau Merkel und Herr Kauder (Unions-Fraktionschef im Bundestag – d. Red) haben mehr als ein Mal ein Machtwort gesprochen. Offenbar kann die Sachsen-CDU da keine eigene Linie fahren. Es ist enttäuschend für die Sachsen, dass Herr Tillich das so befolgt.

Wären Sie denn auf ein Gesprächsangebot eingegangen?
Natürlich hätten wir mit ihm gesprochen. Der Auftrag des Wählers ist, dass man mit dem politischen Konkurrenten nach der Wahl spricht.

Spitzenkandidaten Sachsen

STANISLAW TILLICH (CDU)

Er ist smart, mehrsprachig und bodenständig: Die Sachsen mögen den 55-Jährigen, der seit Mai 2008 Ministerpräsident und CDU-Landeschef ist. Bundespolitische Ambitionen hegt der zweifache Familienvater nicht. In die Politik kam er wie viele Ostdeutsche erst nach der Wende. Das CDU-Parteibuch hatte der Sorbe zu diesem Zeitpunkt schon. In den 1990er Jahren saß Tillich als Beobachter und Abgeordneter im EU-Parlament. 1999 kam er als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten nach Sachsen zurück. 2002 folgte das Amt als Chef der Staatskanzlei. Später leitete er die Ressorts Agrar und Umwelt sowie Finanzen.

RICO GEBHARDT (Linke)

Der 51-jährige Landeschef der Linken gilt als Verfechter eines rot-rot-grünen Bündnisses in Sachsen. Nur findet das bei SPD und Grünen kaum Widerhall. In seiner Partei war er lange damit beschäftigt, den Laden zusammenzuhalten. Denn zwischen altgedienten Parteikadern und einer „Jugendbrigade“ gibt es auch in Sachsen Spannungen. Mit seinem ausgleichenden Wesen scheint er der ideale Mann dafür. Gebhardt war bereits in der DDR SED-Mitglied. Seit 2004 sitzt er im Landtag. 2009 übernahm er den Parteivorsitz, 2012 die Fraktion. Der gelernte Koch gilt als bodenständiger Familienmensch. Drei kleine Kinder halten ihn privat auf Trab.

MARTIN DULIG (SPD)

Auch Sachsens oberster Sozialdemokrat ist ein Familienmensch. Das lässt sich schon an der Größe seines Haushalts ablesen: Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Dulig kam als 15-Jähriger zur Sozialdemokratie. Unter dem Eindruck der politischen Wende gründete er die SPD-Jugendorganisation Jusos in Sachsen mit. 2004 zog der Diplompädagoge in den Landtag ein, 2007 übernahm er den Fraktionsvorsitz. Nach der neuerlichen Schlappe bei der Landtagswahl 2009, bei der die SPD mit 10,4 Prozent der Stimmen das vorherige Resultat von 9,8 Prozent (2004) kaum verbessern konnte, übernahm er den Parteivorsitz. Seither gilt er als Hoffnungsträger.

ANTJE HERMENAU und VOLKMAR ZSCHOCKE (Grüne)

Die 50-jährige Hermenau ist als Landtagsfraktionschefin das bekannteste Gesicht der Grünen im Freistaat. Die Sprachlehrerin und Verwaltungswissenschaftlerin saß bereits in Sachsens erstem Landtag. Von 1994 bis 2004, als die Grünen nicht im Landesparlament waren, hatte sie ein Bundestagsmandat. Sie hat sich als Finanzexpertin einen Namen gemacht und liebäugelt immer mal wieder mit Schwarz-Grün. Der 45-jährige Zschocke ist so etwas wie der ruhige Gegenpol zur temperamentvollen Hermenau. Der Chemnitzer war bisher vor allem Kommunalpolitiker aktiv. Seit 2010 ist der Sozialpädagoge einer der grünen Landeschefs.

HOLGER ZASTROW (FDP)

Mit 1,96 Meter Körpergröße ist er eine Art Leuchtturm der Sachsen-FDP. Gut die Hälfte seines Lebens hat der 45-Jährige für sie gearbeitet. Zur Wende baute er den FDP-Nachwuchs mit auf. Nach dem Absturz der Partei bei der Landtagswahl 1999 (1,1 Prozent) übernahm er als 30-Jähriger den Vorsitz der frustrierten Liberalen. 2004 gelang nach zehn Jahren der Wiedereinzug in den Landtag. Zweieinhalb Jahre war Zastrow dann auch Vize der Bundespartei; nach der Wahlschlappe bei der Bundestagswahl 2013 zog er sich aber aus Berlin zurück. Der gelernte Industriekaufmann hat BWL studiert und ist in Dresden Chef einer eigenen Werbeagentur.

FRAUKE PETRY (AfD)

Die 39-jährige Dresdnerin ist nicht nur Landesvorsitzende der euroskeptischen Alternative für Deutschland, sondern auch eine von drei Sprechern der Bundespartei. Durch Auftritte in Talkshows hat sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Die promovierte Chemikerin ist seit 2007 als Unternehmerin aktiv. Für die Entwicklung eines ökologischen Kunststoffs wurde sie mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Ende 2013 musste sie für ihre Leipziger Firma aber Insolvenz anmelden. Inzwischen steht sie auch vor einer Privatinsolvenz, wie sie unlängst einräumte. Die vierfache Mutter singt im Kammerchor der Leipziger Thomaskirche.

Herr Tillich sagt, er weiß nicht, wofür die AfD steht…
…dann soll er mal das Programm lesen.

Er sagt, Sie hätten die Tolerierung von Rot-Rot-Grün angeboten und er wisse nicht, ob die AfD rechts oder links sei. Sie haben im Wahlkampf von einer „rechten demokratischen Politik“ gesprochen. Wo steht denn die AfD im Parteienspektrum?
Statt Zeitungsenten zu wiederholen, hätte Herr Tillich mich ja persönlich fragen können. Das hat er aber zu keinem Zeitpunkt getan. Was ich damals gesagt habe, war: Wenn man über parlamentarische Arbeit spricht, sollte man nicht nur über Koalitionen sprechen, sondern gegebenenfalls auch über Duldungen. Ich habe aber zu keinem Zeitpunkt gesagt, dass wir Rot-Rot-Grün dulden würden.

Ab wann wäre eine Zusammenarbeit mit der CDU möglich?
Frühestens dann, wenn die CDU auch endlich bereit ist, sich inhaltlich mit uns auseinanderzusetzen. Sie strafen ihre eigenen Mitglieder ab, die diese Auseinandersetzung fordern. Je länger die CDU dazu braucht, desto stärker wird die AfD wachsen. Und es wird Zeit, dass sie das erkennt.

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ronald Bernard

01.09.2014, 14:42 Uhr

"Je länger die CDU uns ignoriert, desto stärker werden wir"

Das sollte doch im Sinne der AfD sein. Oder nicht?

Herr Eugen Schmidt

01.09.2014, 14:42 Uhr

Wenn man Frau Petry so zuhört: Was ist daran eigentlich "Rechts", wo mit "Rechts" doch immer die Poltiker der NPD bezeichnet hat. Da müssen sich die Journalisten jetzt bald einmal eine neue Kategorie einfallen lassen.
Wie wärs mal mit "Vernünftig" ?
Ich halte es schon für einen Witz wenn Herr Tillisch die Wähler der AfD als "zu Rechts" einstuft. Die 37000 Wechselwähler waren bei den vorigen Wahlen doch noch bei der CDU, oder? Hat die CDU denn soviel Rechtsradikale unter ihren Wählern oder Mitgliedern. Das sind doch immer noch dieselben Menschen.
Ich glaube die CDU und die heutige FDP haben ein Problem ?!

Herr C. Falk

01.09.2014, 14:54 Uhr

Nun, dieses Interwiew mit Frau Petry zeigt, wie die AfD wirklich tickt und zwar tickt sie nicht so, wie es einige Medien, die grundsätzlich die AfD als softe NPD, dem Publikum nahebringen wollen.

Die Union handelt so, wie Parteien immer handeln, wenn eine Konkurrenz auftaucht, die in Wählerschichten unterwegs ist, die quasi ihr als Eigentum angesehen werden.

Den Wählern gehört ihre Stimme allerdings ganz alleine und sie wählen die Partei, von der sie glauben, dass sie ihre Interessen am besten vertreten wird.

10% der Sachsen, die gewählt haben, sind der Meinung, das sei die AfD

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×