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03.09.2014

12:40 Uhr

Ex-Ministerpräsident

Biedenkopf preist AfD-Chef Lucke als „hellen Kopf“

In der CDU mehren sich die Stimmen, die einen offeneren Umgang mit der eurokritischen Alternative für Deutschland fordern. Der ehemalige Ministerpräsident Biedenkopf findet sogar lobende Worte für AfD-Chef Lucke.

Schätzt den Austausch mit AfD-Vertretern: Kurt Biedenkopf, ehemaliger CDU-Ministerpraesident von Sachsen. ap

Schätzt den Austausch mit AfD-Vertretern: Kurt Biedenkopf, ehemaliger CDU-Ministerpraesident von Sachsen.

BerlinIn der CDU wird die Kritik am Umgang der Parteispitze mit der eurokritischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) lauter. Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) warnte davor, die AfD voreilig als rechte Partei abzustempeln. „Die AfD im bisher üblichen Sinne als rechts einzustufen ist voreilig“, sagte Biedenkopf der Wochenzeitung „Die Zeit“. „NPD und AfD in einem Atemzug zu nennen erscheint mir unangemessen“, ergänzte er.

Mit AfD-Vertretern hat Biedenkopf nach eigenen Angaben Briefwechsel über den Euro geführt und diesen inhaltlichen Austausch sehr geschätzt. Den Parteivorsitzenden Bernd Lucke lobte der CDU-Mann ausdrücklich: „Parteichef Bernd Lucke halte ich für einen hellen Kopf.“

Am Sonntag war der AfD bei der Wahl in Sachsen mit dem unerwartet starken Ergebnis von 9,7 Prozent erstmals der Sprung in ein Landesparlament gelungen. Der Wahlsieger, Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), hatte am Wahlabend zunächst eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht ausgeschlossen, schwenkte aber nach dem entschiedenen Nein von CDU-Generalsekretär Peter Tauber auf den Kurs der Bundes-CDU ein.

Dass die AfD mit mehr als 159.000 Stimmen auf ein Wahlergebnis von 9,7 Prozent kam, überrascht den Forsa-Chef Manfred Güllner nicht: „Bei der Europawahl vor wenigen Wochen waren es noch mehr - nämlich gut 164.000 Stimmen. Auch bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hatte die AfD in Sachsen schon 158.000 Stimmen“, sagte Güllner dem „Stern“.

Spitzenkandidaten Sachsen

STANISLAW TILLICH (CDU)

Er ist smart, mehrsprachig und bodenständig: Die Sachsen mögen den 55-Jährigen, der seit Mai 2008 Ministerpräsident und CDU-Landeschef ist. Bundespolitische Ambitionen hegt der zweifache Familienvater nicht. In die Politik kam er wie viele Ostdeutsche erst nach der Wende. Das CDU-Parteibuch hatte der Sorbe zu diesem Zeitpunkt schon. In den 1990er Jahren saß Tillich als Beobachter und Abgeordneter im EU-Parlament. 1999 kam er als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten nach Sachsen zurück. 2002 folgte das Amt als Chef der Staatskanzlei. Später leitete er die Ressorts Agrar und Umwelt sowie Finanzen.

RICO GEBHARDT (Linke)

Der 51-jährige Landeschef der Linken gilt als Verfechter eines rot-rot-grünen Bündnisses in Sachsen. Nur findet das bei SPD und Grünen kaum Widerhall. In seiner Partei war er lange damit beschäftigt, den Laden zusammenzuhalten. Denn zwischen altgedienten Parteikadern und einer „Jugendbrigade“ gibt es auch in Sachsen Spannungen. Mit seinem ausgleichenden Wesen scheint er der ideale Mann dafür. Gebhardt war bereits in der DDR SED-Mitglied. Seit 2004 sitzt er im Landtag. 2009 übernahm er den Parteivorsitz, 2012 die Fraktion. Der gelernte Koch gilt als bodenständiger Familienmensch. Drei kleine Kinder halten ihn privat auf Trab.

MARTIN DULIG (SPD)

Auch Sachsens oberster Sozialdemokrat ist ein Familienmensch. Das lässt sich schon an der Größe seines Haushalts ablesen: Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Dulig kam als 15-Jähriger zur Sozialdemokratie. Unter dem Eindruck der politischen Wende gründete er die SPD-Jugendorganisation Jusos in Sachsen mit. 2004 zog der Diplompädagoge in den Landtag ein, 2007 übernahm er den Fraktionsvorsitz. Nach der neuerlichen Schlappe bei der Landtagswahl 2009, bei der die SPD mit 10,4 Prozent der Stimmen das vorherige Resultat von 9,8 Prozent (2004) kaum verbessern konnte, übernahm er den Parteivorsitz. Seither gilt er als Hoffnungsträger.

ANTJE HERMENAU und VOLKMAR ZSCHOCKE (Grüne)

Die 50-jährige Hermenau ist als Landtagsfraktionschefin das bekannteste Gesicht der Grünen im Freistaat. Die Sprachlehrerin und Verwaltungswissenschaftlerin saß bereits in Sachsens erstem Landtag. Von 1994 bis 2004, als die Grünen nicht im Landesparlament waren, hatte sie ein Bundestagsmandat. Sie hat sich als Finanzexpertin einen Namen gemacht und liebäugelt immer mal wieder mit Schwarz-Grün. Der 45-jährige Zschocke ist so etwas wie der ruhige Gegenpol zur temperamentvollen Hermenau. Der Chemnitzer war bisher vor allem Kommunalpolitiker aktiv. Seit 2010 ist der Sozialpädagoge einer der grünen Landeschefs.

HOLGER ZASTROW (FDP)

Mit 1,96 Meter Körpergröße ist er eine Art Leuchtturm der Sachsen-FDP. Gut die Hälfte seines Lebens hat der 45-Jährige für sie gearbeitet. Zur Wende baute er den FDP-Nachwuchs mit auf. Nach dem Absturz der Partei bei der Landtagswahl 1999 (1,1 Prozent) übernahm er als 30-Jähriger den Vorsitz der frustrierten Liberalen. 2004 gelang nach zehn Jahren der Wiedereinzug in den Landtag. Zweieinhalb Jahre war Zastrow dann auch Vize der Bundespartei; nach der Wahlschlappe bei der Bundestagswahl 2013 zog er sich aber aus Berlin zurück. Der gelernte Industriekaufmann hat BWL studiert und ist in Dresden Chef einer eigenen Werbeagentur.

FRAUKE PETRY (AfD)

Die 39-jährige Dresdnerin ist nicht nur Landesvorsitzende der euroskeptischen Alternative für Deutschland, sondern auch eine von drei Sprechern der Bundespartei. Durch Auftritte in Talkshows hat sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Die promovierte Chemikerin ist seit 2007 als Unternehmerin aktiv. Für die Entwicklung eines ökologischen Kunststoffs wurde sie mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Ende 2013 musste sie für ihre Leipziger Firma aber Insolvenz anmelden. Inzwischen steht sie auch vor einer Privatinsolvenz, wie sie unlängst einräumte. Die vierfache Mutter singt im Kammerchor der Leipziger Thomaskirche.

Biedenkopf führt den Erfolg der AfD darauf zurück, dass sich CDU und SPD kaum mehr unterschieden: „Was fehlt, ist eine ernst zu nehmende politische Kraft, die sich mit den beiden großen Parteien und ihrer Politik auseinandersetzt“, sagte der 84-Jährige. „Die Superkoalition in Berlin hat die Gewaltenteilung praktisch außer Kraft gesetzt.“

Kommentare (11)

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Herr Jens Großer

03.09.2014, 12:56 Uhr

Biedenkopf war schon immer ein vernünftiger Politiker der sich wohltuend von den heutigen Unions-"Spitzenkräften" wie Tauber und Co. abgehoben hat.

„Ich vermute jedoch, dass sie unter den Bedingungen politischer Verantwortung auseinanderfallen könnte.“

Natürlich ist die Gefahr da aber ich gehe einfach mal davon aus, das Petry den Laden zusammenhält!

elly müller

03.09.2014, 12:59 Uhr

Die Verteufelung der AfD, hauptsächlich aus den Reihen der CDU bringt dieser Partei sicher noch mehr stimmen!

Dass Lucke ein kluger Kopf ist, bestreitet niemand. Allerdings glaube ich schon, dass es noch einige Zeit dauert bis sie tatsächlich fest etabliert haben.

Es wird sich zeigen wie sie sich im EU-Parlament bewähren und als Opposition in Landtagen.

Sicher erhält die AfD auch bei den nächsten anstehenden Landtagswahlen genügend Stimmen um mitzumischen!
Vor allem braucht die tröge Parteienlandschaft Abwechslung!

Wo sind die Zukunftsthemen aus den Reihen der CDU?
CDU gleich Merkel und das ist schlichtweg zu wenig!!!!!

Herr Old Harold

03.09.2014, 13:16 Uhr

Dem Kommentar zur AfD von Kurt Biedenkopf kann ich nur vollumfänglich zustimmen.

Ich habe die AfD zur Europawahl zwar noch nicht gewählt, weil ich erst einmal abwarten will, wie sich diese Partei selbst findet und stabilisiert, aber zumindest deren im Internet veröffentlichtes Parteiprogramm sehr aufmerksam gelesen.

Dabei bin ich allen Journalisten und Kommentatoren weit, weit überlegen, die aus Faulheit nur von anderen abschreiben und die AfD einfach in die rechtsradikale Ecke schieben, weil das momentan en vogue zu sein scheint.

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