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01.09.2014

06:39 Uhr

Kommentar zur Sachsen-Wahl

Der König ist tot – es lebe der König?

VonOliver Stock

Im Freistaat Sachsen ist eine Partei gestorben. Eine gerade geborene hat ihren Weg aber noch nicht gefunden. Was erwartet die Menschen nun?

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Wie lange braucht eine Partei, um zu denen zu gehören, die sich etabliert nennen? Und: Gibt es so etwas wie einen natürlichen Lebenszyklus einer Partei - Geburt unter Schmerzen, Jugend im Windschatten der Großen, dann gestalten und irgendwann abtreten und abgehen?

Die erste Frage, die nach dem etabliert sein, stellt sich die AfD. Aus dem Stand ein fast zweistelliges Ergebnis zu schaffen – das ist ein toller Erfolg. Der Glückwunsch bleibt einem jedoch schon wieder im Hals stecken mit Blick auf die Themen, mit denen die AfD punktete. Es ist ein Sammelsurium von Zuwanderung über Kriminalität bis zu Europa und sein Zustand. Es gibt vor, Werte zu vermitteln, aber ist vor allem dazu konzipiert, die Unzufriedenen und die Zukurzgekommenen zu bedienen.

Spitzenkandidaten Sachsen

STANISLAW TILLICH (CDU)

Er ist smart, mehrsprachig und bodenständig: Die Sachsen mögen den 55-Jährigen, der seit Mai 2008 Ministerpräsident und CDU-Landeschef ist. Bundespolitische Ambitionen hegt der zweifache Familienvater nicht. In die Politik kam er wie viele Ostdeutsche erst nach der Wende. Das CDU-Parteibuch hatte der Sorbe zu diesem Zeitpunkt schon. In den 1990er Jahren saß Tillich als Beobachter und Abgeordneter im EU-Parlament. 1999 kam er als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten nach Sachsen zurück. 2002 folgte das Amt als Chef der Staatskanzlei. Später leitete er die Ressorts Agrar und Umwelt sowie Finanzen.

RICO GEBHARDT (Linke)

Der 51-jährige Landeschef der Linken gilt als Verfechter eines rot-rot-grünen Bündnisses in Sachsen. Nur findet das bei SPD und Grünen kaum Widerhall. In seiner Partei war er lange damit beschäftigt, den Laden zusammenzuhalten. Denn zwischen altgedienten Parteikadern und einer „Jugendbrigade“ gibt es auch in Sachsen Spannungen. Mit seinem ausgleichenden Wesen scheint er der ideale Mann dafür. Gebhardt war bereits in der DDR SED-Mitglied. Seit 2004 sitzt er im Landtag. 2009 übernahm er den Parteivorsitz, 2012 die Fraktion. Der gelernte Koch gilt als bodenständiger Familienmensch. Drei kleine Kinder halten ihn privat auf Trab.

MARTIN DULIG (SPD)

Auch Sachsens oberster Sozialdemokrat ist ein Familienmensch. Das lässt sich schon an der Größe seines Haushalts ablesen: Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Dulig kam als 15-Jähriger zur Sozialdemokratie. Unter dem Eindruck der politischen Wende gründete er die SPD-Jugendorganisation Jusos in Sachsen mit. 2004 zog der Diplompädagoge in den Landtag ein, 2007 übernahm er den Fraktionsvorsitz. Nach der neuerlichen Schlappe bei der Landtagswahl 2009, bei der die SPD mit 10,4 Prozent der Stimmen das vorherige Resultat von 9,8 Prozent (2004) kaum verbessern konnte, übernahm er den Parteivorsitz. Seither gilt er als Hoffnungsträger.

ANTJE HERMENAU und VOLKMAR ZSCHOCKE (Grüne)

Die 50-jährige Hermenau ist als Landtagsfraktionschefin das bekannteste Gesicht der Grünen im Freistaat. Die Sprachlehrerin und Verwaltungswissenschaftlerin saß bereits in Sachsens erstem Landtag. Von 1994 bis 2004, als die Grünen nicht im Landesparlament waren, hatte sie ein Bundestagsmandat. Sie hat sich als Finanzexpertin einen Namen gemacht und liebäugelt immer mal wieder mit Schwarz-Grün. Der 45-jährige Zschocke ist so etwas wie der ruhige Gegenpol zur temperamentvollen Hermenau. Der Chemnitzer war bisher vor allem Kommunalpolitiker aktiv. Seit 2010 ist der Sozialpädagoge einer der grünen Landeschefs.

HOLGER ZASTROW (FDP)

Mit 1,96 Meter Körpergröße ist er eine Art Leuchtturm der Sachsen-FDP. Gut die Hälfte seines Lebens hat der 45-Jährige für sie gearbeitet. Zur Wende baute er den FDP-Nachwuchs mit auf. Nach dem Absturz der Partei bei der Landtagswahl 1999 (1,1 Prozent) übernahm er als 30-Jähriger den Vorsitz der frustrierten Liberalen. 2004 gelang nach zehn Jahren der Wiedereinzug in den Landtag. Zweieinhalb Jahre war Zastrow dann auch Vize der Bundespartei; nach der Wahlschlappe bei der Bundestagswahl 2013 zog er sich aber aus Berlin zurück. Der gelernte Industriekaufmann hat BWL studiert und ist in Dresden Chef einer eigenen Werbeagentur.

FRAUKE PETRY (AfD)

Die 39-jährige Dresdnerin ist nicht nur Landesvorsitzende der euroskeptischen Alternative für Deutschland, sondern auch eine von drei Sprechern der Bundespartei. Durch Auftritte in Talkshows hat sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Die promovierte Chemikerin ist seit 2007 als Unternehmerin aktiv. Für die Entwicklung eines ökologischen Kunststoffs wurde sie mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Ende 2013 musste sie für ihre Leipziger Firma aber Insolvenz anmelden. Inzwischen steht sie auch vor einer Privatinsolvenz, wie sie unlängst einräumte. Die vierfache Mutter singt im Kammerchor der Leipziger Thomaskirche.

Allerdings verfängt dieses Konzept nun bereits seit zwei Jahren - so lange gibt es eine wahrnehmbare AfD. Und es verfängt um so mehr, je weiter die Partei sich löst von dem ursprünglichen Gedanken der reinen Anti-Euro-Partei. Was an Themen dazu gekommen ist, ist alles andere als originell – aber es genügt.

Was die AfD noch stoppen kann, ist sie selbst. Junge Parteien müssen hart an ihren Strukturen arbeiten: Sie müssen die Emporkömmlinge durch die Marathonläufer ersetzen, die Radaubrüder durch die Kompromissfähigen. In diesem Prozess steckt die AfD. Ihr Ergebnis in Sachsen und vielleicht auch die Stimmen. die sie in den nächsten Wochen in Thüringen und Brandenburg auf sich vereinigen kann, verschaffen ihr dafür eine Legislaturperiode Zeit und höchste Aufmerksamkeit.

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Ganz anders die FDP. Die Liberalen hatten nie ein einfaches Thema, mit dem sie sich identifizieren ließen. Ihre Funktion besteht sein einem halben Jahrhundert in Deutschland darin, einer rechten oder linken Regierung eine liberale Note hinzuzufügen. Für sich genommen ist Liberalismus eine sehr abstrakte Idee, die sich nicht für Parolen, Träume - oder Alpträume - eignet.

Solche Ideen haben es erst recht dann bei uns Wählern schwer, wenn es an einem Menschen mangelt, der ihnen Wärme, Blut und Leben einhaucht. Dieses Führungspersonal - es fehlt keiner Partei so sehr wie der FDP. Deswegen tritt sie jetzt ab von der deutschen Parteibühne.

Die Bilanz nach der Wahl in Sachsen sieht also so aus: CDU und SPD, rechts und links haben mit der FDP einen Jahrzehnte alten Koalitionspartner verloren. Ob ein neuer nachwächst, können sie noch nicht entscheiden.

Der König, oder besser: Der Königsmacher ist tot, der neue aber ist noch nicht erwachsen. Und so lange dieser Zustand anhält, werden sie sich in den Ländern und auch im Bund mit ihren bekannte Mehrheitsbeschaffern oder einfach miteinander beschäftigen müssen.

Kommentare (32)

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Account gelöscht!

01.09.2014, 07:37 Uhr

@Hr. Stock
Ich frage mich ja schon, ob ihr deutschen Medienvertreter immer nur so tut als ob ihr nichts wisst oder wirklich im Land der Ahnungslosen seit. Lest einfach das Wahlprogramm der AfD, dann wisst ihr was diese Partei will.

Herr Leonhard Fischer

01.09.2014, 07:45 Uhr

Erschreckend, dass so viele mit direkten (NPD) und indirekten (AfD) Nazi-Nachfolgern sympathisieren und gewählt haben, da sie sich als Globalisierungs- und Gesellschaftsverlierer empfinden. Aber Lebensversager (besonders in Dunkel-Ossiland) sind eben leicht empfänglich für diese subtile Art von Rattenfängern - wie einst auf Hitler.

Daher ist es von immenser Bedeutung, dass die CDU sich von dieser braunen Brühe deutlich distanziert und ihnen keine Machtoption gibt, sonst müsste ich meine Steuern (7-stellig im Jahr) anderswo zahlen. Mit solch perspektivlosen Dummköpfen diskutiert man nicht, man ignoriert diese Schmuddelkinder. Und zieht ggfs. seine Schlüsse. So einfach ist das. Over and out !

Herr Thomas Melber

01.09.2014, 08:01 Uhr

Herr Fischer, wir wissen nicht, was wir ohne Sie machen werden, aber wir sollten es 'mal versuchen.

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