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12.09.2014

20:11 Uhr

Ramelow will Landeschef werden

Bodo Ja – Linkspartei Nein

VonBjörn Menzel

Bodo Ramelow könnte als erster Linken-Politiker Ministerpräsident werden. Bleibt die Frage: Kann Ramelow auch Wirtschaft? Wir hatten vor der Landtagswahl Unternehmer im Land besucht. Sie sind skeptisch.

Wahlkämpfer Ramelow: Die Thüringer Arbeiter haben ihm seinen Einsatz bis heute nicht vergessen. Die Arbeitgeber jedoch auch nicht. dpa

Wahlkämpfer Ramelow: Die Thüringer Arbeiter haben ihm seinen Einsatz bis heute nicht vergessen. Die Arbeitgeber jedoch auch nicht.

ErfurtManchmal spielt der Zufall Schicksal. Wie auch in diesem Fall. Ein großes Unternehmen aus dem Westen trieb einen aktiven Mann aus dem Westen in die linke Partei aus dem Osten. Bodo Ramelow wurde in den 1990er Jahren Mitglied der PDS. Schuld, wenn man so will, war der Konzern Kali+Salz. Er setze sich dafür ein, dass im thüringischen Bischofferode eine lukrative Salzgrube geschlossen wurde. Ramelow kam als Gewerkschafter aus Hessen über die Grenze und kämpfte an der Seite der Kali-Kumpel.

Die Thüringer Arbeiter haben ihm seinen Einsatz bis heute nicht vergessen. Die Arbeitgeber jedoch auch nicht.

Nun möchte Bodo Ramelow Ministerpräsident im Freistaat werden. Es wäre eine Sensation. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung würde erstmals ein Politiker der Linken ein Bundesland regieren.

„Mein Hund Attila wittert schon die Rostbratwurst“

Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Nach der jüngsten Umfrage liegt die Linke mit 28 Prozent nur 6 Punkte hinter der CDU. Zusammen mit der SPD und den Grünen könnte sie an die Macht gelangen. Hinzu kommt eine Wechselstimmung im Freistaat, die es weder unter dem Landesvater Bernhard Vogel (CDU) noch unter Dieter Althaus (CDU) gegeben hat. Da stellt sich die Frage: Wie steht eigentlich die Wirtschaft zu einem möglichen linken Ministerpräsident?

Wer darauf eine Antwort sucht, kann sich die Auftritte Ramelows im Wahlkampf ansehen. Natürlich nimmt der Protestant an Gottesdiensten teil, natürlich steht der Politiker auf Marktplätzen und redet von der Bühne. Doch Ramelow, der sich selbst scherzhaft Ministerpräsident i.L. (in Lauerstellung) nennt, scheut auch nicht den Kontakt mit der Wirtschaft. Viele Firmenbesuche stehen auf seinem Programm. In Gera etwa besichtigte er das Druckhaus, sprach mit der Unternehmensführung und setzte sich dann zusammen mit der Belegschaft an den Grill. „Mein Hund Attila wittert schon die Rostbratwurst“, sagt Ramelow bei solchen Gelegenheiten. Der Rüde ist einer seiner treuesten Wahlkampfhelfer.

Thüringens Wirtschaft in Zahlen

Arbeitsplätze

Im 1. Vierteljahr 2014 hatten im Durchschnitt 1.018.600 Personen einen Arbeitsplatz in Thüringen. Das waren 800 Personen mehr als im 1. Vierteljahr 2013.

Arbeitslosenquote

Im August 2014 waren in Thüringen 87.090 Menschen arbeitssuchend gemeldet. Das entsprach einer Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent (Gesamt-Deutschland: 6,6 Prozent).

Einkommen

Das durchschnittliche Haushalts-Einkommen in Thüringen lag 2012 bei 39.859 Euro im Jahr. Zehn Jahre zuvor waren es noch 32.946 Euro.

BIP

Das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt in Thüringen 23.168 Euro, in Deutschland sind es 33.355 Euro.

Handwerk

Mit einem Umsatz von mehr als 11 Mrd. Euro pro Jahrnahezu 32.000 in der Handwerksrolle eingetragenen Betrieben, über 134.000 Beschäftigten und über 7.000 Auszubildenden ist das Handwerk ein bedeutender Arbeitgeber, Ausbilder und Wirtschaftsfaktor in Thüringen.

Kreativwirtschaft

Mehr als 1,6 Mrd. Euro Jahresumsatz, rund 22.500 Erwerbstätige und mehr als 3.200 Unternehmen arbeiten in Thüringen in der Kreativwirtschaft und machen den Bereich zu einem relevanten Wirtschaftsfaktor.

Exporte

Der Warenwert der Thüringer Exporte erreichte im 2. Vierteljahr 2014 ein Volumen von 3,3 Milliarden Euro und lag damit um 2,8 Prozent über dem Wert für das 2. Vierteljahr 2013.

Importe

Thüringens Einfuhren erreichten im 2. Vierteljahr 2014 ein Volumen von 2,1 Milliarden Euro und stiegen gegenüber dem 2. Vierteljahr 2013 im Warenwert um 1,7 Prozent an.

Inflationsrate

Die Jahresteuerungsrate stieg von 0,7 Prozent im Juli auf 0,8 Prozent im August. Im Monatsvergleich blieb der Verbraucherpreisindex mit einem Indexstand von 106,5 Prozent konstant.

Verschuldung

Die Landesverschuldung Thüringens ohne Bürgschaften erreichte zum Ende 2013 einen Wert von 16,57 Mrd. Euro, was einer Pro-Kopf-Verschuldung von 7.660 Euro je Einwohner entspricht. Mit Bürgschaften sind es 8.819 Euro, in Deutschland durchschnittlich 11.339 Euro.

Landeshaushalt

Das Haushaltsvolumen beträgt 2013 rund 9,066 Milliarden Euro und 2014 rund 8,954 Milliarden Euro. In den kommenden beiden Jahren sollen in Thüringen Schulden in Höhe von 130 Mio. Euro getilgt werden.

Quellen

Landesamt für Statistik, Arbeitsagentur, Landesamt für Statistik, Statista, Wirtschaftsministerium, Finanzministerium

Antworten geben aber auch Unternehmer selbst. Einer, der in Thüringens Wirtschaftskreisen als bestens vernetzt gilt, ist Matthias Grafe. Der Unternehmer führt seit 1991 einen Familienbetrieb. Am Sitz in Blankenhain, einem neu gebauten Areal am Ortsrand, produziert der Mittelständler Kunststoffteile und gibt etwa 300 Menschen Arbeit. „Bodo Ramelow hat sich in den vergangenen Jahren sehr geschickt der Wirtschaft genähert, ohne sich anzubiedern“, sagt Grafe. Das habe man zwar registriert, aber auch relativ gelassen zur Kenntnis genommen.

Doch langsam, umso näher der Wahltermin rückt, setze unter den Firmenbossen Panik ein. Es geht dabei nicht um Ramelow selbst. „Man ist schockiert über die Ideologie einzelner Menschen, die hinter Ramelow stehen“, sagt Grafe und meint die zweite Reihe. Jene aus der Linkspartei, die bei der Ein-Mann-Wahlkampf-Show so gut wie unsichtbar bleiben, aber zum Teil noch Berührung mit der Stasi hatten.

Was Unternehmer und Teile der CDU jedoch am meisten stört, ist die Schwäche der derzeitigen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU). Auch wenn sich die Firmenlenker die Landesmutter weiterhin an die Macht wünschen, einen guten Stand hat sie nicht. „Die Ministerpräsidentin ist aufgrund ihrer zurückliegenden Affären die beste Wahlkämpferin für Ramelow“, sagt Grafe. Und eine rote Regierung hätte fatale Folgen für den Freistaat.

Kommentare (1)

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Herr BGH Urteil

12.09.2014, 20:26 Uhr

Der Ramelow hat nicht mehr und nicht weniger Ahnung als die meisten anderen Ministerpräsis auch.
Also lasst die Linken endlich in Ruhe! Leben und leben lassen heisst das Motto.
Im übrigen scheint mir der Gysi manchmal schlauer in Wirtschaftsfragen als alle anderen zusammen. Das soll was heissen!

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