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04.09.2016

19:34 Uhr

AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm

Das Schreckgespenst der Etablierten

Er steht für den Aufstieg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern: Spitzenkandidat Leif-Erik Holm kommt auf den ersten Blick höchst sympathisch daher. Kein Wunder – er hat viele Jahre Erfahrung als Radiomoderator.

Für die Politik gab Leif-Erik Holm seinen Traumjob als Radiomoderator auf. Als Spitzenkandidat der AfD wird er den etablierten Parteien gefährlich. dpa

AfD-Kandidat in Mecklenburg-Vorpommern

Für die Politik gab Leif-Erik Holm seinen Traumjob als Radiomoderator auf. Als Spitzenkandidat der AfD wird er den etablierten Parteien gefährlich.

BerlinDrei-Tage-Bart, frisches Lächeln und eingängige Stimme: Der Mann, der die etablierten Parteien in Mecklenburg-Vorpommern das Fürchten lehrt, kommt auf den ersten Blick höchst sympathisch daher. Leif-Erik Holm hat die AfD im Nordosten erstmals in den Landtag geführt. Höchst selbstbewusst feierte der smarte Mittvierziger am Sonntagabend den Erfolg und sich selbst: „Wir schreiben hier heute in Mecklenburg-Vorpommern Geschichte.“

Das im Vorfeld vollmundig ausgegebene Wahlziel, die AfD habe auch das Zeug zur stärksten Kraft, wurde klar verfehlt. Für Holm war es dennoch der perfekte Wahlabend. Das "Sahnehäubchen" sei schließlich gewesen, die CDU von Platz zwei zu verdrängen.

Im Wahlkampf gab sich Holm betont heimatverbunden. „Ich bin im Grunde Ur-Mecklenburger“, sagt der gebürtige Schweriner, der in einem Dorf unweit der Landeshauptstadt lebt. Ein AfD-Werbevideo zeigt ihn, wie sein Blick über saftig-grüne Wiesen schweift, er mit seinem dreijährigen Sohn im Sandkasten spielt oder sich am Ostseestrand von der Abendsonne bescheinen lässt.

Was man über die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wissen muss

Die Fakten

Rund 1,33 Millionen Wahlberechtigte sind zur Stimmabgabe aufgerufen. Das ist die bislang niedrigste Zahl – Ausdruck jahrelanger Abwanderung und geringer Geburtenzahlen. Die Wahlbeteiligung hatte bei der Landtagswahl 2011 mit 51,5 Prozent den bisherigen Tiefpunkt erreicht. Zur Landtagswahl schicken 17 Parteien 382 Kandidaten ins Rennen um die 71 Parlamentssitze in Schwerin. Dazu kommen 7 Einzelbewerber. Am Wahlsonntag öffnen knapp 1700 Wahllokale, etwa 13.000 Wahlhelfer werden im Einsatz sein.

(Quelle: dpa)

Das Wahlrecht

Jeder Wähler hat zwei Stimmen. In den 36 Wahlkreisen wird per Erststimme je ein Abgeordneter direkt gewählt. Die übrigen 35 Mandate werden entsprechend der Zweitstimmen über die Landeslisten auf die Parteien verteilt.

Die Ausgangslage

Bislang waren fünf Parteien im Landtag vertreten. Stärkste Kraft war bei der Wahl 2011 mit 35,6 Prozent der Stimmen die SPD (27 Sitze) geworden, gefolgt von ihrem Koalitionspartner CDU mit 23,0 Prozent (18). Stärkste Oppositionspartei wurde die Linken mit 18,4 Prozent (14). Die Grünen kamen auf 8,7 Prozent (7). Die rechtsextreme NPD war mit 6,0 Prozent im Parlament geblieben (5 Sitze) - als einzige NPD-Fraktion in einem der 16 Bundesländer.

Das Personal

Die SPD wird - wie schon bei ihrem Sieg 2011 – von Ministerpräsident Erwin Sellering (66) in den Wahlkampf geführt. Sein Herausforderer um das Spitzenamt ist erneut CDU-Landeschef und Innenminister Lorenz Caffier (61). Ebenfalls zum zweiten Mal tritt Helmut Holter (63) als Spitzenkandidat der Linken an. Die Grünen werden von der Doppelspitze Silke Gajek (54) und Jürgen Suhr (57) angeführt. Die AfD tritt mit ihrem Landeschef Leif-Erik Holm (46) an. Die FDP stellte die gebürtige Französin Cécile Bonnet-Weidhofer (33) an die Spitze. Auf Platz eins der NPD steht Udo Pastörs (64).

Die Themen

Die Flüchtlingsfrage und die Auswirkungen auf die Gesellschaft dominierten die öffentlichen Diskussionen. In einer Umfrage war Zuwanderung das meistgenannte Thema für die Wahlentscheidung. Danach folgten soziale Gerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Wirtschaft und Familie. Entsprechend lauten die Wahlversprechen. Sie reichen von mehr Tariftreue bei Löhnen, Ost/West-Rentenanpassung und mehr Geld für Kinderbetreuung sowie benachteiligte Regionen bis hin zu zusätzlichen Polizisten, mehr Landärzten, weniger Bürokratie und mehr Ökolandbau.

Die Umfragewerte

Wenige Tage vor der Landtagswahl sehen Umfragen die SPD mit 28 Prozent wieder vorn. Ihr Koalitionspartner CDU kommt darin auf 20 bis 22 Prozent und liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der noch nicht im Landtag vertretenen AfD mit Werten von 21 bis 23 Prozent. Die Linke als bislang drittstärkste Kraft fällt mit 13 bis 15 Prozent auf Platz vier zurück. Die Grünen können mit 5 bis 6 Prozent darauf hoffen, im Parlament zu bleiben. Alle anderen Parteien, darunter die FDP und die NPD (beide 2 bis 3 Prozent), blieben in den Umfragen unterhalb der 5-Prozent-Hürde.

Die Optionen

Würden die Umfrageergebnisse am Wahltag bestätigt, könnten SPD und CDU ihre Koalition möglicherweise mit knapper Mehrheit fortsetzen. Alternativ könnte es auch knapp für Rot-Rot-Grün reichen, was mit Sellering als Regierungschef aber als unwahrscheinlich gilt. SPD, CDU, Grüne und Linke schlossen eine Zusammenarbeit mit der rechtspopulistischen AfD bereits aus.

„Vielleicht kennen Sie mich noch aus dem Radio“, sagte der 46-Jährige in einem Wahlspot. Holm arbeitete seit 1990 viele Jahre als Radiomoderator – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern bei dem Privatsender Antenne MV. Dort moderierte er Musik- und Unterhaltungssendungen, für politische Themen oder Nachrichten war er nicht zuständig. Nebenher studierte Holm in Berlin Volkswirtschaft, was sich einige Jahre hinzog.

Mit der Gründung der AfD im Frühjahr 2013 wurde aus dem Radiomoderator plötzlich ein Vollblutpolitiker. Im Herbst 2013 war Holm bereits als Bundestagskandidat für die Rechtspopulisten auf Stimmenfang. Dass er nun als AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl den ganz großen Coup landete, kam ihm schon im Vorfeld der Wahl ein wenig "unheimlich" vor.

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