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18.09.2016

22:11 Uhr

Berlins Bürgermeister Michael Müller

Unscheinbar, aber machtbewusst

Vielen gilt Berlins Regierungschef Michael Müller als langweilig. Mit diesem Image spielte er im Wahlkampf. Für die nächsten fünf Jahre hat sich der SPD-Spitzenmann die Macht gesichert.

Wahl in Berlin

SPD über den Sieg der AfD: „Wir werden sie bekämpfen“

Wahl in Berlin: SPD über den Sieg der AfD:  „Wir werden sie bekämpfen“

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BerlinWenn Berlins Regierungschef lächelt, ziehen sich seine dünnen Lippen zu einer langen, fast schnurgeraden Linie. Er lacht eher mit den Augen. Überhaupt trägt Michael Müller (SPD) seine Emotionen im Gesicht. Wenn er unter Druck steht, verrät ihn das. Schmallippigkeit werfen ihm die Leute dann vor, nicht nur im wörtlichen Sinn. Das weiß der 51-Jährige - aber so sei er nun mal, sagt er dann: natürlich, bodenständig, ungeschminkt.

Nach seinem von Verlusten geprägten Wahlerfolg sieht sich Müller mit einem Regierungsauftrag ausgestattet. Im Amt ist er seit Dezember 2014, als sein Vorgänger Klaus Wowereit zurücktrat. Doch außerhalb der Hauptstadt kennen noch immer wenige seinen Namen.

Zu Beginn seiner Amtszeit schnellten Müllers Beliebtheitswerte in die Höhe, er bekam mehr Zustimmung als es Wowereit jemals schaffte. Inzwischen jedoch spürt auch Berlins beliebtester Politiker Ernüchterung.

Kritiker werfen dem gebürtigen Berliner vor, er sei genauso unscheinbar wie sein Name. Dabei kann der 51-Jährige, der wie Wowereit eine lange Karriere in der SPD vorzuweisen hat, auch ganz anders sein. Nachtragend, sagt man ihm nach, oft hintenherum und sehr strategisch.

Reaktionen Wahl Berlin

Frank Henkel (Berliner CDU-Chef)

„Für uns ist das Ergebnis absolut unbefriedigend. Das ist heute kein guter Tag für die Volksparteien.“

Sigmar Gabriel (SPD-Chef)

„Berlin bleibt sozial und menschlich anständig“, dies sei das wichtigste Ergebnis des Wahlabends. Über das zweistellige Abschneiden der AfD sagte Gabriel: „Klar finden wir das nicht gut, dass die da reinkommen ins Parlament.“

Michael Müller (Berlins regierender Bürgermeister, SPD)

„Wir haben unser Ziel erreicht: Wir sind stärkste politische Kraft in dieser Stadt geblieben und wir haben einen Regierungsauftrag.“

Manuela Schwesig (stellvertretende SPD-Vorsitzende)

„Die Entscheidung, welche Koalition Müller eingeht, liegt bei ihm und seinem Landesverband, da mischt sich der Bund nicht ein. Ich gehe davon aus, dass er auch mehrere Optionen ausloten wird.“

Katarina Barley, SPD-Generalsekretärin

„Es ist ganz klar, dass die Berlinerinnen und Berliner Michael Müller weiterhin als Regierenden Bürgermeister haben wollen.“

Michael Grosse-Brömer (Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag)

„Ich wär ein bisschen vorsichtig, das Ergebnis von Berlin jetzt sozusagen bundesweit gleich zu übertragen.“

Jörg Meuthen (AfD-Vorsitzender)

„Im Moment ist innere Sicherheit und Migrationsproblematik sicherlich das Thema unserer Zeit, das den Menschen am meisten unter den Nägeln brennt. Unsere Aufgabe als Partei ist es, die Menschen bei den Themen mitzunehmen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Das tun wir sicherlich mehr als andere Parteien.“

Georg Pazderski (AfD-Spitzenkandidat)

„Von Null auf zweistellig, das ist einmalig für Berlin. ... Die große Koalition ist abgewählt worden, zwar noch nicht im Bund, aber das kommt im nächsten Jahr.“

Cem Özdemir (Grünen-Parteichef)

Auf die Frage, ob die sich abzeichnende Koalition mit SPD und der Linken ein Modell für den Bund sei: „Das ist ein Modell für Berlin.“ Mit Verweis auf Regierungsbündnisse in anderen Bundesländern, an denen die Grünen beteiligt sind, fügt er hinzu: „Ich glaube, die Zeit von Modellen ist vorbei.“

Markus Söder(Bayerns Finanzminister, CSU)

„Das ist der zweite massive Weckruf in zwei Wochen. Der Union droht ein dauerhafter und massiver Vertrauensverlust in ihrer Stammwählerschaft. Dieser Trend bedroht auf Dauer die politische Stabilität des Landes. SPD und CDU müssen sich vor allem in der Flüchtlingsfrage wieder um mehr Zustimmung der Bürger bemühen und endlich die Zuwanderung strikt begrenzen und die Sicherheitsprobleme unter Kontrolle bringen“

Wenn es mit dem guten Regieren nicht klappt, weil seine Senatoren Probleme aussitzen, fallen auch harte Worte. Als Sozialsenator Mario Czaja (CDU) nur zögerlich auf steigende Flüchtlingszahlen reagierte, platzte dem Regierenden der Kragen. Genauso, als die CDU der Homo-Ehe nicht zustimmen wollte. Jedes Mal jedoch schreckte er vor der letzten Konsequenz, dem Bruch der Koalition, zurück.

In der Berliner SPD ist Müller vor allem an der Basis verwurzelt. Er hat ein feines Gespür für die normalen Leute. In der Kultur - im Nebenamt war Müller bisher auch Kultursenator - wehte ihm nach personellen Entscheidungen an Theatern und beim Staatsballett der Wind heftig ins Gesicht.

Inzwischen ist er seit 20 Jahren Abgeordneter, war 10 Jahre Fraktionschef, der zweitmächtigste Mann in der damals rot-roten Koalition, dann drei Jahre Stadtentwicklungssenator und nun eineinhalb Jahre Regierungschef. Auch den SPD-Landesvorsitz holte er sich zurück, nachdem er 2012 schmerzhaft gestürzt wurde.

Der Druckersohn aus Tempelhof mit der großen, runden Brille hat bewiesen, dass er ein Stehaufmännchen ist. Als der Bausenator den Volksentscheid über Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld verlor, stand er wieder auf, machte stoisch weiter, kämpfte sich durch.

Der Regierende ist ein Frühaufsteher – und gleichzeitig Spät-ins-Bett-Geher. Früher traf man den zweifachen Vater rudernd auf Berliner Gewässern. Inzwischen müssen Fitnessstudio und ab und an ein Stadionbesuch reichen.

Von

dpa

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