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15.09.2016

16:02 Uhr

Grünen-Wahlkampf mit Kretschmann

Ein müder Schwabe in Berlin

VonSilke Kersting

Endspurt in Berlin, Sonntag ist Wahl. Die Grünen, die mit der CDU um Platz zwei konkurrieren, bekamen Wahlunterstützung von ihrem Star aus Baden-Württemberg. Doch der Schwabe Winfried Kretschmann hat es schwer in Berlin.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann weilte in Berlin auf fremden Terrain. dpa

Wahlhilfe für Berln

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann weilte in Berlin auf fremden Terrain.

BerlinDie Sonne brennt, es ist Mittagszeit. Aber der baden-württembergische Ministerpräsident leistet seine Wahlkampfhilfe für die grüne Berliner Spitzenkandidatin Ramona Pop in grauem Anzug. Winfried Kretschmann legt sein Jackett partout nicht ab.

Die beiden Parteifreunde haben sich zum Wahlkampfendspurt getroffen; am Sonntag wird in der Hauptstadt gewählt – und auch wenn sich die Grünen keine Sorgen machen brauchen, dass sie in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten sein müssen, ist ein gutes Wahlergebnis mitnichten ein Selbstläufer.

Eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Umfrageinstituts Forsa für die „Berliner Zeitung“ zeigte einen Vorsprung der SPD – die Sozialdemokraten landen demzufolge bei 24 Prozent. Union und Grüne liegen mit jeweils 17 Prozent gleichauf, die Linken kommen auf 15 Prozent. Die Rechtspopulisten der AfD werden bei 13 Prozent verortet. Fast die Hälfte der etwa 2,5 Millionen Wahlberechtigten in Berlin sei sich allerdings noch nicht völlig sicher, ob und welche Partei sie am Sonntag wählen wollen.

Und so lassen sich Kretschmann und Pop heute in der Factory Berlin von der Aufbruchstimmung der Berliner Start-up-Szene erzählen, von den Impulsen, die von den jungen Unternehmen hier, wo einst die Mauer stand, in alle Welt hinausgehen. Und wer weiß, vielleicht wollen die beiden Grünen damit versuchen, selbst ein Bild des Aufbruchs zu erzeugen.

Die Factory Berlin, vor drei Jahren eröffnet, beherbergt heute mehr als 200 Start-ups, vor allem Leute um die 25 bis 30 Jahre sitzen hier in der umgebauten ehemaligen Brauerei an ihren aufgeklappten Laptops, viele haben ihr Smartphone am Ohr. Kretschmann ist beeindruckt: „Was machen die Leute hier?“, fragt der 68-Jährige, der im Mai zum zweiten Mal zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gewählt worden war. „Das sind alles Gründer“, erklärt Niclas Rohrwacher, selbst Co-Gründer der Factory, der noch schnell Werbung in eigener Sache macht: Man wollte eine Plattform für die neue Welt bauen und „sind schnell größter Start-up-Standort in Deutschland geworden“.

Kretschmann, der zu einer Flasche Zitronenlimo der Berliner Fruchtmanufaktur greift, macht einen müden Eindruck; er war bereits auf dem Herbstempfang der Berliner Morgenpost, ein Interview ist anberaumt und am Abend muss er noch zu einer Veranstaltung in der Landesvertretung. Als Rohrwacher sagt, er glaube nicht, dass die Millionärsdichte hier in der Factory besonders hoch sei – nicht zu vergleichen mit Baden-Württemberg – da huscht ein Lächeln über Kretschmanns Gesicht. Dass auch der Internetkonzern Google in der Factory vertreten ist, findet er komisch: „Was hat der hier zu suchen?“

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Bayerns Landeshauptstadt München gilt als Deutschlands Digitalstandort Nummer eins. Dabei hat Berlin durchaus das Zeug, besser zu sein, meint die Spitzenkandidatin der Hauptstadt-Grünen in ihrem Gastbeitrag.

Aber wie alte und neue Welt miteinander verbunden werden können, das ist ein zentrales Thema auch für Kretschmann. „Unsere Unternehmen“, sagt er, „machen gute Produkte“, spannend sei nun, wie sie „an die IT-Welt andocken“. Und wichtig, es brauche in Deutschland eine neue Risikokultur – denn Risiko sei viel eher „eine Chance nicht zu ergreifen“, statt „Geld in den Sand zu setzen“.

Sicher ein kluger Satz, unsicher ob der Auftritt am Ende für Spitzenkandidatin Pop die gewünschte Endspurthilfe war. Von Wahlkampf jedenfalls war nicht viel zu spüren. Heutzutage müsse man ja bis zum letzten Tag kämpfen, bedauert er seine Parteifreundin zum Abschied. Und Ramona Pop? Die lächelt tapfer.

Die Spitzenkandidaten der Berlin-Wahl

Michael Müller - das Stehaufmännchen der SPD

Der 51-Jährige ist seit Dezember 2014 Regierender Bürgermeister. Ins Amt kam der gelernte Drucker ohne Wahl, weil er den zurückgetretenen Klaus Wowereit ablöste. Am Anfang schossen Müllers Beliebtheitswerte in die Höhe - mittlerweile aber sind viele Berliner ernüchtert. In der SPD/CDU-Regierung krachte es häufiger. Kritikern gilt der zweifache Vater als blasser Langweiler und als nachtragend. Zugleich nehmen ihn viele Berliner als glaubwürdig und gewissenhaft wahr.

Frank henkel - Zögerer mit Hau-Ruck-Ressort

Der CDU-Chef und Innensenator tritt zum zweiten Mal an. Tapfer hält der 52-Jährige seinen Anspruch auf das Regierungsamt aufrecht, obwohl ein Erfolg fast aussichtslos scheint. Denn mögliche Koalitionspartner haben sich von ihm distanziert. Als Innensenator wirkte er manches Mal entscheidungsschwach. Die dringend nötige Verwaltungsreform zögerte er hinaus. Der gebürtige Berliner war nach einer Kaufmannslehre als Journalist und PR-Berater tätig. In der CDU arbeitete sich Henkel hoch: Vom Büroleiter des Ex-Regierungschefs Eberhard Diepgen über den Generalsekretär zum Partei- und Fraktionschef, der die heillos zerstrittene Partei einte.

Ramona Pop, Antje Kapek, Bettina Jarasch und Daniel Wesener - das grüne Quartett

Die Grünen treten als Viererteam an. Formal auf Platz 1 steht Fraktionschefin Ramona Pop (38), es folgen Co-Fraktionschefin Antje Kapek (39) sowie die beiden Parteivorsitzenden Bettina Jarasch (47) und Daniel Wesener (40). Die gebürtige Rumänin Pop gilt als engagierte Rednerin und führt die Fraktion seit 2009.

Die Geografin Kapek stieß mit dem Hauptthema Stadtentwicklung 2012 zur Fraktionsspitze dazu. Jarasch und Wesener gelang es, den zerstrittenen Landesverband nach der Wahl 2011 einigermaßen zu einen.

Die Reala und der Linke repräsentieren beide Flügel der Partei. Die gebürtige Bayerin Jarasch sitzt im Bundesvorstand der Grünen. Der gebürtige Hamburger Wesener arbeitete in Kreuzberg für den altlinken Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele.

Klaus Lederer - demokratischer Sozialist mit Hang zur Kultur

Klaus Lederer sitzt seit 2003 im Abgeordnetenhaus, zwei Jahre später wurde der 42-Jährige Linke-Landeschef. Im Parlament ist der studierte Jurist rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Früher wollte er mal Astro-Physiker werden, inzwischen hat er ein Faible für Kulturpolitik.

Zugleich sagt er: „Berufspolitiker werde ich nicht auf ewig sein.“ Lederer stammt aus Mecklenburg, wuchs in Frankfurt (Oder) und Berlin auf. Zu den Bundestagswahlen 2009 und 2013 trat er als Direktkandidat in Berlin-Mitte an, konnte aber kein Mandat erreichen.

Sebastian Czaja - im Schatten des großen Bruders

Der 33-Jährige ist der jüngste Spitzenkandidat. Seit einem Jahr ist er Generalsekretär der Berliner FDP - und will die Partei nach fünf Jahren Abstinenz zurück ins Parlament führen. Geboren und aufgewachsen ist Czaja in Berlin. Politisch setzt sich der als smarter Typ Auftretende vor allem für eine leistungsfähige Verwaltung und das Offenhalten des Flughafens Tegel ein.

Die meisten Berliner kennen den Nachnamen des gelernten Elektrotechnikers in anderem Zusammenhang: Sein älterer Bruder Mario ist Sozialsenator für die CDU und musste in der Flüchtlingskrise einige Kritik einstecken.

Georg Pazderski - Soldat und Landespolitik-Neuling

Der AfD-Spitzenkandidat ist in Berlin eher unbekannt. Der Diplombetriebswirt und Ex-Bundeswehr-Oberst im Generalstab (64) war 41 Jahre Soldat mit internationalen Stationen in Brüssel, Kanada, den USA und Portugal. Er hebt vor allem seine internationale Erfahrung in seiner militärischen Laufbahn hervor.

In der Landespolitik ist er erst seit kurzem aktiv, zugleich sitzt er im AfD-Bundesvorstand. Pazderski vertritt eher den gebildeten, liberaleren Flügel der AfD. Beim Thema Flüchtlingsintegration lässt er aber keinen Zweifel am rechtspopulistischen Kurs der Partei: Abgelehnte Asylbewerber sollten konsequent abgeschoben werden, Flüchtlingen die Leistungen gekürzt werden.

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