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09.03.2016

12:12 Uhr

Interview zu Landtagswahlen

„Die AfD der 80er-Jahre waren teilweise die Grünen“

VonDietmar Neuerer

Bernd Grimmer war Grünen-Mitbegründer, heute ist er einer von drei Chefs der Südwest-AfD. Im Interview spricht er über seine eigentümliche Politlaufbahn und erklärt, warum der Erfolg für seine Partei auch Risiken birgt.

Bernd Grimmer (r.), führt zusammen mit Jörg Meuthen und Lothar Maier (v. l. n. r.) die baden-württembergische AfD (Foto: dpa). Grimmer kann sich eine Unterstützung der neuen Landesregierung vorstellen.

AfD-Führungstrio.

Bernd Grimmer (r.), führt zusammen mit Jörg Meuthen und Lothar Maier (v. l. n. r.) die baden-württembergische AfD (Foto: dpa). Grimmer kann sich eine Unterstützung der neuen Landesregierung vorstellen.

BerlinBernd Grimmer ist ein umtriebiger Politiker. Er gehörte zu den Gründern der Grünen und schloss sich später den Freien Wählern an, deren Landesvorsitzender er kurzzeitig war. 2013 wechselte er zur AfD. Grimmer ist Jahrgang 1950 und stammt aus Pforzheim. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler ist einer von drei Vorsitzenden der AfD Baden-Württemberg. Am Sonntag hat er gute Chancen, in den Stuttgarter Landtag einzuziehen. Umfragen sehen die Südwest-AfD bei über zehn Prozent. Im Interview spricht Grimmer über seine eigentümliche Parteienlaufbahn und er erklärt, warum der Erfolg für seine Partei auch unkalkulierbare Risiken birgt. Der AfD-Funktionär zeigt sich zudem offen für Kooperationen mit anderen Parteien. Auch wenn das derzeit nicht sehr aussichtsreich ist, steht für ihn jetzt schon fest: als Landtagsabgeordneter will er bei Parlamentsabstimmungen hin und wieder auch für Projekte der Landesregierung stimmen.

Was hat die AfD, was die Freien Wähler oder die Grünen, denen Sie auch schon angehörten, nicht haben?
Meine politische Vergangenheit bei den Grünen ist für viele in der AfD erklärungsbedürftig. Die meisten wissen nicht, dass die Grünen früher eine ganz andere Partei waren, als sie es heute sind. Sie haben sich ungeheuer stark verändert. Der Grund, mich für die Grünen zu engagieren, war derselbe, warum ich heute bei der AfD bin - zunächst die demokratische Erstarrung des Landes. Damals in Form eines Drei-Parteien-Systems, wo keine Partei die Chance hatte, durchzudringen. Die Mehrheiten waren eigentlich immer dieselben, wenn auch manchmal wechselnd – mit der FDP als Zünglein an der Waage. Dabei war direkte Demokratie, also stärkere Bürgerbeteiligung, schon damals ein wichtiges Thema.

Und das hat Sie zu den Grünen geführt?
Ja, die Grünen sind ja auch stark basisdemokratisch geprägt. Und bei der AfD finden Sie dieses Element ebenfalls. Nur haben sich die Grünen inzwischen dem Parteienblock angepasst.

Die Gesichter der AfD

Frauke Petry

Geboren in Dresden, promovierte Chemikerin und Unternehmerin, Bundesvorsitzende der AfD. Mutter von vier Kindern, verheiratet mit dem AfD-Landeschef von Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell. Petry gilt als pragmatisch und ehrgeizig. Auch wenn sie verbal gerne Gas gibt – inhaltlich steht Petry eher in der Mitte der Partei.

Björn Hocke und Alexander Gauland

Björn Höcke, Chef der Thüringen-AfD, und Alexander Gauland, Brandenburger AfD-Chef und Bundesparteivize, haben einst gemeinsam „Fünf Grundsätze für Deutschland“ veröffentlicht. Darin wettern sie gegen die „multikulturelle Gesellschaft“ und behaupten, „die politische Korrektheit liegt wie Mehltau auf unserem Land“.

Jörg Meuthen

Meuthen ist geboren in Essen, promovierter Volkswirt, seit 1996 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Kehl (Baden-Württemberg), Co-Bundesvorsitzender der AfD, Fraktionschef seiner Partei im Landtagswahl von Baden-Württemberg; verheiratet, fünf Kinder. Meuthen gehört zu den wenigen prominenten Vertretern des liberalen Flügels, die nach dem Abgang von Bernd Lucke in der AfD geblieben sind.

Beatrix von Storch

Sie ist geboren in Lübeck, Jurastudium in Heidelberg und Lausanne (Schweiz), Rechtsanwältin, stellvertretende Bundesvorsitzende und AfD-Landesvorsitzende in Berlin, seit 2014 im EU-Parlament, verheiratet. Gilt als ultrakonservativ.

Marcus Pretzell

Marcus Pretzell (42) ist geboren in Rinteln (Niedersachsen), Jurastudium in Heidelberg, Rechtsanwalt und Projektentwickler, seit 2014 Vorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfalen, Vater von vier Kindern, verheiratet mit Frauke Petry. Der Europaabgeordnete hat die AfD als „Pegida-Partei“ bezeichnet. Parteifreunde rechnen ihn aber nicht zum rechtsnationalen Flügel.

Dann waren die Grünen damals gewissermaßen eine Alternative für Deutschland?
Die AfD der 80er-Jahre waren teilweise die Grünen. Vor allem im Hinblick auf das Thema direkte Demokratie. Auch die Blockkonfrontation zwischen West und Ost hat uns damals sehr beschäftigt. Wir waren der Ansicht, dass Deutschland wieder gleichberechtigter Partner der Völker werden sollte – mit dem Ziel, das Risiko eines neuen Konflikts mit der Sowjetunion zu reduzieren. Deutschland hatte damals die höchste Atomwaffendichte der Erde. Ähnlich positioniert sich die AfD heute, welche die Beteiligung an Kriegen, genannt Auslandseinsätze, ablehnt. Ich sehe uns eher als Friedenspartei.

Die Interpretation, dass die AfD den Grünen von damals in gewisser Hinsicht nahe steht, dürfte aber nicht jedem Ihrer Parteifreunde gefalle.
Das stimmt. Aber, ich glaube, dass ich das sehr gut erklären kann. Ich stehe zu 100 Prozent hinter den Positionen der AfD. Viele wissen aber eben nicht, dass große Teile der Grünen früher ähnlich positioniert waren.

Wie reagieren Ihre Parteifreunde auf Ihre Erklärungen?
Meine Ausführungen werden meist verwundert zur Kenntnis genommen.

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