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15.03.2017

12:48 Uhr

Wahl in Holland

Warum Wilders so viele Anhänger hat

VonElisabeth Atzler

Rechtspopulist Geert Wilders ist in Umfragen zurückgefallen. Dennoch ist es gut möglich, dass seine PVV heute die meisten Stimmen holt. Für viele Niederländer geht es um ihre Identität – und da trifft Wilders einen Nerv.

Viele PVV-Fans sind seit langem fest entschlossen, Geert Wilders ihre Stimme zu geben. dpa

Wahlen in den Niederlanden

Viele PVV-Fans sind seit langem fest entschlossen, Geert Wilders ihre Stimme zu geben.

FrankfurtLange Zeit sah es so aus, als ob die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders die stärkste Partei im niederländischen Parlament wird. Zuletzt fiel sie in den Umfragen etwas zurück. 14 Prozent dürfte sich laut dem „Peilingwijzer“, der mehrere Umfragen zusammenfasst, holen und damit etwas weniger als die rechtsliberale VVD von Premier Mark Rutte. Allerdings waren bis kurz vor der Abstimmung viele Wahlberechtige  unentschlossen, für wen sie votieren wollen. Die Zahl der Wechselwähler ist ohnehin seit Jahren hoch.

Viele PVV-Fans dagegen sind seit langem fest entschlossen, Wilders ihre Stimme zu geben. Sie sind oftmals unzufrieden mit der Situation in den Niederlanden und stellen Einwanderung sowie die Rolle des Islams in Frage – das seien, grob gesagt, ihre wichtigsten Themen, sagt der Politologe Koen Vossen.

Genau das entspricht im Grunde Wilders‘ einzigem Programmpunkt: Der Islam gehört nicht zu den Niederlanden, es dürften keine weiteren Einwanderer in das Land. „Die Niederlande müssen wieder uns gehören“, lautet seine Parole. Das Land soll deshalb auch aus der EU austreten.

Wer kann in Den Haag regieren? Die Szenarien

Wilders wird Ministerpräsident

Das ist faktisch ausgeschlossen. Wilders' PVV könnte nur dann alleine regieren, wenn sie 76 der 150 Mandate erringt. In den Umfragen liegt die PVV zur Zeit bei etwa 21-27. Keine andere Partei will eine Koalition mit Wilders. Mit einer Ausnahme: die Seniorenpartei 50plus. Die aber kann höchstens auf 10 Sitze hoffen. Das reicht nicht, um mit Wilders eine Mehrheit zu erzielen.

Rutte macht's wieder

Der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte hat trotz Verlusten beste Chancen, zum dritten Mal eine Regierung zu bilden. Doch dazu braucht er mindestens drei Partner. Seine VVD ist zur Zeit mit rund 16 Prozent oder 23-27 Sitzen die Nummer eins in den Umfragen. Mögliche Partner wären die christdemokratische CDA und die linksliberale D66.

Doch das reicht noch nicht aus. Ein möglicher weiterer Partner könnte die grüne Partei GroenLinks sein. Ob Ruttes bisheriger Partner, die sozialdemokratische Partei für die Arbeit, noch mal will, ist mehr als fraglich. Der Partei droht die größte Niederlage ihrer Geschichte - nur noch 12 statt jetzt 35 Sitze.

Mitte-Links-Regierung

Das wäre die Riesenüberraschung, doch rechnerisch möglich. Die Sozialdemokraten, die Sozialisten und GroenLinks könnten sich schnell einigen. Sie verstehen sich auch relativ gut mit den Linksliberalen der D66 und der linken ChristenUnie. Aber: Die konservativen Christdemokraten würden wohl nicht mitmachen.

Minderheitsregierung

Angesichts der total zersplitterten Parteienlandschaft ist auch das wahrscheinlich: Die rechtsliberale VVD könnte eine Minderheitsregierung mit den Christdemokraten und den Linksliberalen bilden. Diese würde wohl von den Sozialdemokraten, den Grünen und anderen kleineren Parteien geduldet werden.

Vossen hat 2013 ein Buch über Wilders geschrieben und darin auch dessen Wähler genau analysiert. „Grundsätzlich ist das Bild, das die PVV-Wähler abgeben, ziemlich durchschnittlich.“ Geht es um das Einkommen, befinde sich die Wählergruppe ziemlich in der Mitte der Gesellschaft. „Aber die PVV-Wähler sind etwas geringer qualifiziert als der Durchschnitt und auch etwas pessimistischer eingestellt“, beobachtet Vossen.

Bert Bakker, Politikprofessor an der Universität von Amsterdam, stimmt Vossen zu: „Es gibt mehrere Gründe dafür, warum Wähler für die PVV stimmen.“ Stark verbreitet seien eine Haltung gegen den Islam und gegen Europa, erklärt Bakker. „Dabei zeigen sich Wähler, die gegen den Islam eingestellt sind, sich oft auch anti-europäisch. Dazu kommt eine Haltung gegen die Eliten – zu denen auch die Politiker gezählt werden.“ Es sei eine relativ große Gruppe, die darauf anspringe, so Bakker. Es gehe aber insgesamt mehr um ein Gefühl.

Bei diesem Gefühl spielt die Frage der Identität eine große Rolle. Die Niederlande gelten schließlich als besonders tolerantes und offenes Land. Toleranz sei noch immer prägend für das Selbstbild der meisten Niederländer, sagt Vossen. „Und viele meinen, dass man ab und zu intolerant sein muss, gerade um die Toleranz im Land zu schützen - bis hin zu der Vorstellung, dass der Islam die niederländische Kultur verdirbt.“

Allerdings dürfte die soziale und ökonomische Situation doch eine gewisse Rolle spielen. Die PVV gilt als besonders beliebt in Regionen, die sich wirtschaftlich abgehängt fühlen.  Etwa im Süden, in Limburg zum Beispiel, wo die PVV bei den letzten Wahlen bis zu 19 Prozent der Stimmen holte - dort schrumpft und altert die Bevölkerung besonders schnell, wie das Analysehaus Bureau Louter ermittelte. In der Gemeinde Kerkrade im Süden Limburgs etwa kam die PVV auf 26 Prozent.

Kommentare (9)

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Herr Renatus Isenberg

15.03.2017, 13:32 Uhr

Was der Professor Bert Bakker in seiner Untersuchung behauptet, ist entweder falsch ins Deutsche übersetzt oder eine schlechte Verallgemeinerung. Eventuell meint der Mann, dass Wilders Freunde Anti- Eu sind, aber nicht Anti-Europäer - das ist ein wichtiger Unterschied. Die EU ist nicht Europa, aber Europa ist auch die EU.

Solange nicht über den Islam und seinen Gründer Mohamed in Deutschland diskutiert werden darf, und entsprechende Kommentare von fast allen Medien zensiert werden, haben wir keine demokratische Möglichkeit in Deutschland - anders als in den Niederlanden - zu verstehen, warum der Islam eine gefährliche Ideolgie ist, die den Zielen des Christentums und des humanitären Atheismus entgegen gesetzt ist und Europa ruinieren könnte.

Frau Annette Bollmohr

15.03.2017, 13:43 Uhr

"Warum Wilders so viele Anhänger hat"

Dazu auch sehr interessant:
http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/rechtsruck_niederlande-100.html

Herr Rudolf Ott

15.03.2017, 14:04 Uhr

@ Hr. Isenberg: Schützt die Religionsfreiheit zwangsweise Islamkritik? Schaut man sich in der veröffentlichten Meinung (z.B. Käsmann, Bedford-Strom, Kardinal Marx) an, so scheint es in diese Richtung zu laufen und das ist erstaunlich. In Emma Brunner-Traut (Hrsg): Die 5 Weltreligionen wird der Islam als im positiven (sic!) totalitär charakterisiert. Das Büchlein ist nicht in einem rechtsradikalen Verlag erschienen, sondern 1991 im renommierten Freiburger Herder Verlag. Auch die Frankfurter Religionswissenschaftlerin Prof. Susanne Schroeter sieht den Mainstream-Islam des Nahen Ostens keineswegs so harmlos an, wie manche Mainstream-Journalisten das gerne hätten. Immerhin hat eine dpa-Korrespondentin vor ca. 1 Jahr die Interviewaussagen von Fr. Schroeter verfälscht und dieses Interview an die AZ in Mainz verkauft. Das Blatt druckte das "Alternative-Fakten"-Interview ab. Der darauf angesprochene Redakteur der AZ meinte, man könne gekaufte Beiträge nicht auf den Wahrheitsgehalt überprüfen und sich lau für die Falslchinformation entschuldigt. Ich bin überzeugt, die schreibende Zunft hat bezüglich des Islam eine sehr selektive Wahrnehmung.

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