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21.01.2011

17:11 Uhr

Alternativen zum BIP

Die schwierige Kunst, den Wohlstand zu berechnen

VonNorbert Häring

Das Bruttoinlandsprodukt ist der Maßstab für Wirtschaftskraft, in Medien und Politik gilt das BIP als der Wohlstandsindikator schlechthin. Doch über unser tatsächliches Wohlergehen sagt es nichts. Die Unzufriedenheit darüber wächst, Bürger und nun auch der Bundestag machen sich auf die Suche nach Alternativen.

Das BIP ist die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land als Endprodukte erzeugt werden. Doch was sagt der Wohlstandsindikator über das Wohlergehen der Bürger? dpa

Das BIP ist die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land als Endprodukte erzeugt werden. Doch was sagt der Wohlstandsindikator über das Wohlergehen der Bürger?

FRANKFURT. Mit den einfachsten Fragen tun die Ökonomen sich am schwersten. Was ist Wohlstand? Wie misst man ihn? Steigert Wachstum automatisch die Lebensqualität? Auf das, was Millionen Bürger interessiert, finden die Wirtschaftsexperten keine befriedigenden Antworten.

Sie sind seit Jahrzehnten gedrillt in der Disziplin des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Berechnet wird es als die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land oder einer Staatengemeinschaft als Endprodukte erzeugt werden. Das ist für die Ökonomen der wichtigste, wenn nicht sogar der alleinige Maßstab. Dabei amüsierte sich schon 1968 Robert Kennedy, der später ermordete Bruder des US-Präsidenten: „Das BIP misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht.“ Denn dieser Indikator erfasst alle wirtschaftlichen Aktivitäten, ob sinnvoll oder sinnlos, nützlich oder schädlich, ohne sie zu bewerten.

Das hat absurde Folgen: Der Bau und die laufende Produktion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ haben das BIP gesteigert. Die Versuche, die Folgen der Ölschwemme nach der Explosion der Plattform einzudämmen, haben es noch einmal kräftig erhöht. Doch wenn Deepwater Horizon nie gebaut worden wäre, ginge es der Menschheit zweifellos besser. Auch wie das Einkommen verteilt und die Arbeit organisiert ist, ignoriert das BIP, obwohl beides für die Lebensbedingungen eine große Rolle spielt.

Weit über die Wirtschaftspolitik hinaus gilt das BIP-fixierte Wachstumsdiktat. Maßnahmen, die nach diesem Kriterium als „wachstumsschädlich“ kritisiert werden können, etwa im Bereich der Sozialpolitik, haben von vornherein einen schweren Stand. Eine Senkung der Kriminalität etwa verbessert zweifellos unsere Lebensqualität, sie mindert aber das BIP, weil dann ja weniger Gefängnisse gebraucht werden und Unternehmen wie Privathaushalte weniger Sicherungseinrichtungen anschaffen.

Dennoch gilt das BIP in Medien und Politik als der Wohlstandsindikator. Ein anderes Maß, das die vielen Dimensionen des materiellen Wohlergehens einer Nation prägnant auf den Punkt bringt, haben wir nicht. Doch die Bürger sind zunehmend kritisch. Die Suche nach anderen Maßstäben nimmt zu, eine neue Wachstumsskepsis breitet sich aus. Die Enquetekommission des deutschen Bundestages, die in dieser Woche zu ihrer ersten Sitzung zusammentrat, ist ebenfalls Ausdruck der Unzufriedenheit mit dieser Situation. Die 17 Abgeordneten und 17 Experten sollen in den nächsten zweieinhalb Jahren prüfen, „wie die Einflussfaktoren von Lebensqualität und gesellschaftlichem Fortschritt angemessen berücksichtigt werden können“.

Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnerte bei der Konstituierung an die Finanzkrise. Ein guter Hinweis: Wie kaum ein anderer Sektor hat die Finanzindustrie in den vergangenen Jahren das BIP-Wachstum vorangetrieben. Doch was davon hat wirklich unseren Wohlstand vergrößert? Das fragen sich nicht nur die Menschen, die unmittelbar unter den Billionenverlusten seit Ausbruch der Krise leiden.

Kommentare (3)

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Peterle

22.01.2011, 08:05 Uhr

Oh Gott, ich fass' es nicht. Da gibt man 34 bestbezahlten Funktionären 2 1/2 Jahre Zeit, um
irgend welche ideen zu gebären, sich selbst schillernd
darzustellen und sich gegenseitig mit Argumenten zu bekriegen - und denen das Schicksal des grössten Teils der bevölkerung dank ihrer Position am Rücken vorbeigeht. Man kann sich vorstellen, wie lange es dann dauert, bis in 17 Länderparlamenten Akzeptanz erreicht wird. Da vergeht ein Jahrzehnt: das
Verhältnis von Schaffenden zu Rentnern und Pensionären hat sich inzwischen auf 1 : 3 verschärft, die bildung der Schattenseiten-Kinder
ist nicht besser geworden, aus Schwellenländern sind ganz harte Konkurrenten geworden - und weitere Krisen aller Art sind eingetreten. Und die Arbeit der 34 Staatsretter war für die Katz. Nein, und nochmals nein, soviel Zeit hat Deutschland nicht !

Stefan L. Eichner

22.01.2011, 19:30 Uhr

Wie "Wettbewerbsfähigkeit" gemessen wird, ist genau so fragwürdig und es verwundert gerade angesichts der Debatte über die Frage, wie die Schuldenstaaten aus der Krise kommen, dass sich niemand darum schert.

Ob "biP" oder "Wettbewerbsfähigkeit" - ein Grundproblem ist gerade auch die ökonomische Theorie des Mainstreams, die die Wirtschaft immer noch als entwicklungslose Kreislaufwirtschaft ansieht. Das Problem wird klar, wenn man an das Wirtschaftswunder-Deutschland der Nachkriegszeit und der Jetztzeit denkt: Wohlstand wird ebenso wie Wettbewerbsfähigkeit u.a. Kennzahlen gemäß des historischen Kontextes und entsprechend des Entwicklungsstadiums von Volkswirtschaften anders definiert werden.

blaublütiger hochadel

24.01.2011, 07:16 Uhr

Lebensqualität oder expertokratische Symbolformung?

Vielleicht ist es einigen Damen und Herren entgangen, dass der begriff der “Lebensqualität” schon ein zentrales Fortschrittskriterium der zweiten sozialliberalen bundesregierung zu beginn der 1970er Jahre gewesen ist. Schon damals wurde eine interministerielle Arbeitsgruppe zur Erarbeitung und Auswertung sozialer indikatoren eingesetzt, anhand derer die Lebensqualität zu messen versucht wurde.

Die daraus zu erzielen gedachten Ergebnisse sollten politische Antworten auf die der Lebensqualität zuwiderlaufenden Tendenzen ermöglichen. Hierbei fanden ökologische Aspekte erstmals eine herausragende Rolle. Gewiss dominierte noch ein Zeitgeist vom Ausbau des Wohlfahrtsstaates, allerdings nicht mit den Zielen - wie sie heute noch immer von bestimmter Seite vorgebracht werden - eines die individuelle Freiheit unterdrückenden Kollektivismus alla Sowjetunion. im Gegenteil, es fand ein Streben nach höheren Anspruchsformen der Partizipation der Gesellschaftsmitglieder statt - und die damalige SPD/FDP-Regierung stand dieser Entwicklung aufgeschlossen gegenüber.

“Mehr Demokratie wagen” beinhaltete den Aufruf zum sozial engagierten bürger, ihm nämlich bei sozialstaatlicher Absicherung der Existenz und des Lebensstandards die politische Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen mit den Wirkungen, Antworten auf Fragen zur Lebensqualität auch selber geben zu können. Und damit die in einer modernen Demokratie erforderlichen Einflüsse bereitzustellen, die erforderlich sind, auf den Gebieten des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens innovative Ziele unter dem Aspekt der Qualitätssteigerung zu setzen.

Peng, dann kam die geistig-moralische Wende.

Sicherlich nicht über Nacht. Denn statt der angestrebten Pazifizierung der diversen interessenlagen durch das auf Lebensqualität ausgerichtete Reformwerk, begann sich eine aus zunehmenden interessenkämpfen bestehende Abwehrhaltung zu etablieren, die schließlich in eine offensive, nach und nach strukturell gefestigte Wendepolitik mündete. Die Abkehr vom Fortschrittskriterium Lebensqualität war besiegelt. So wurden ja schon früh von sogenannter konservativer Seite Gefahren der Auflösung der Dualismen von Staat und Wirtschaft, von Arbeit und Konsum behauptet. Demnach stände durch die Sozenpolitik das Leistungsprinzip auf dem Spiel, die individuelle Freiheit sei gefährdet, Formen der Dekadenz würden sich ausbreiten und das bewusstsein für Fleiß und Pflicht aushöhlen usw. Es handelte sich um weitgehend haltlose Unterstellungen und beschimpfungen, welche noch immer gebraucht werden, wenn aktuelle Einbildungen zu Äußerungen führen, der Staat würde die ganze Wirtschaft vereinnahmen oder Gewerkschaften würden die privaten Produktionsmittel in Arbeitnehmerhand überführen. Leider haben solche propagandistischen Praktiken zur Folge, dass etwa entstehende Effekte, die von in ihrer Existenz sozialstaatlich umfassend gesicherten bürgern auf die gestaltende Dynamik organisatorischer, konsumtioneller und technologischer innovationen ausgehen, regelmäßig ausgeblendet werden. Schließlich hält ein sozialstaatlich gewährleisteter effizienter Einsatz individueller Ökonomie ein breiteres Spektrum an Potenzialen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft bereit, als eine auf unbedingten Kampfeinsatz beruhende Workfare-Politik, die vorwiegend den geistigen Horizont schon allein dadurch vernebelt, indem das Subjekt auf ein einzelgängerisches “know how”-Denken zurückgeworfen wird und sich innerhalb dieses verengten Kanals zu bewegen hat.

Knapp vierzig Jahre sind seit dem sozialliberalen Fortschrittskriterium der Lebensqualität vergangen. Statt welfare dominiert workfare. Statt einer sich wenigstens untereinander wettbewerbsfreundlich - im Sinne der ideenvielfalt - bewegenden Expertokratie, hat sich über Jahrzehnte eine Expertokratie des Marktdogmas etabliert. Von Partizipation des bürgers, der selber Antworten auf seine Vorstellungen von Lebensqualität gibt, sind wir, so scheint es, weit entfernt ... trotz web 2.0. Und wagt sich der bürger doch dazu zu äußern, dann kann er möglicherweise auf der nächsten Demonstration bekanntschaft mit dem schwingenden Knüppel schließen.

Nun, Lebensqualität ist zuallererst eine Leerformel, die besetzt sein will. Leerformeln sind auch so Wörter wie Marktwirtschaft, Eigenverantwortung oder beschäftigungsfähigkeit. Diese aufgeführten Wörter werden zu begriffen und Symbolen geformt, die längst ihren Einzug in die Sozialgesetze gefunden haben: Der Mensch habe sich eigenverantwortlich um seine beschäftigungsfähigkeit zu bemühen, um den Ansprüchen der Marktwirtschaft zu genügen. Die Deutungshoheit steht: Wer in diese Gesetze fällt, weist Defizite auf.

Wie wird auf Grundlage dieser einzig expertokratisch festgelegten Deutungshoheit die zum Symbol gemachte Lebensqualität aussehen, zumal Deutung zumindest über zwei Sprachen erfolgt - nämlich der Fach- und der Alltagssprache? Und somit unterschiedliche Verständnisse über das hoheitlich gedeutete und so fixierte Symbol bestehen könnten, wobei schließlich nicht ein einheitlich kollektives Verständnis verfügbar gemacht wird, sondern schlimmstenfalls mit einer ideologischen Fachsprache reine Manipulation und Suggestion die Folge sind.

Wie auch immer, es sollte von der vom bundestag eingesetzten Kommission zur Ermittlung sozialer indikatoren zur Messung der Lebensqualität erwartet werden dürfen, dass die vergangenen vierzig Jahre einer äußerst peniblen Analyse unterstellt werden. Denn es wäre an Ergebnissen zu zweifeln, die die Entstehungsgeschichte zu Versuchen der Wertung des begriffs der Lebensqualität ausgeblendet ließen.

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