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12.04.2012

13:08 Uhr

Amartya Sen

„Viele Ökonomen nehmen ihre simplen Modelle zu ernst“

VonDorit Marschall, Olaf Storbeck

Vor dem Ökonomengipfel in Berlin geht Nobelpreisträger Amartya Sen mit der Wirtschaftspolitik hart ins Gericht. Im Interview mit dem Handelsblatt fordert er, mehr auf die Schwachen zu blicken.

Nobelpreisträger Amartya Sen beobachtet in Europa ein Versagen der Demokratie. ap

Nobelpreisträger Amartya Sen beobachtet in Europa ein Versagen der Demokratie.

Handelsblatt: Professor Sen, ziehen Ökonomen und Politiker die richtigen Lehren aus der schlimmsten Krise seit der Großen Depression?

Amartya Sen: Leider überhaupt nicht. Ich bin ziemlich enttäuscht - sowohl über das ökonomische Denken als auch über die Verbindung von Ökonomie und Politik.

Was läuft denn schief?

Mir machen mehrere Punkte Sorgen, vor allem in Europa. Zum Ersten erleben wir ein Versagen der Demokratie. Wirtschaftspolitik muss letztlich für die Menschen nachvollziehbar und verständlich sowie von ihnen akzeptiert werden. Das ist es doch, was Demokratie ausmacht. Das alte Prinzip „Keine Besteuerung ohne parlamentarische Repräsentation“ gilt momentan in Europa nicht.

Wie meinen Sie das?

In Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zählen die Ansichten der Wähler wesentlich weniger als die der Banker, der Ratingagenturen und anderer Finanzinstitutionen. Die Bevölkerung hat in vielen dieser Länder keine Stimme mehr - das ist eine Konsequenz der Währungsunion ohne politische Integration. Die Wirtschaftspolitik ist abgekoppelt von der politischen Basis. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler und widerspricht komplett den Idealen der großen europäischen Bewegung, die sich für ein demokratisches, vereintes Europas starkgemacht hat.

Vita Amartya Sen

Der Wissenschaftler

1933 wird Amartya Sen im indischen Santiniketan in eine traditionsreiche Akademikerfamilie hineingeboren. Die Unruhen in Indien und die große bengalische Hungersnot prägen seine spätere Arbeit. Heute forscht und lehrt der Ökonom und Philosoph an der amerikanischen Eliteuni Harvard.

Seine Themen

Für seine Arbeit zur Wohlfahrtsökonomie erhält Sen 1998 den Nobelpreis für Ökonomie. So lieferte er etwa die Grundlage für den Human-Development-Index, einen Indikator der Vereinten Nationen, der neben dem Pro-Kopf-Einkommen das Bildungsniveau und die Lebenserwartung der Menschen eines Landes misst.

Der Abbau der Staatsschulden ist zur ersten Priorität der Politiker in Europa geworden. Viele Ökonomen begrüßen das.

Die Staatsschulden in Europa müssen sinken, das ist keine Frage. Aber ich halte das Timing für falsch. Momentan scheinen die Politiker zuerst die Schulden senken zu wollen und sich dann erst später Gedanken über Wirtschaftswachstum zu machen. Das halte ich für einen großen Fehler.

Wieso?

Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass Staatsschulden in Zeiten mit hohem Wachstum deutlich leichter abgebaut werden können. Das war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg so, in den USA unter der Clinton-Regierung und in Schweden in den 90er-Jahren.

Kommentare (10)

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OlliverBergau_

12.04.2012, 14:20 Uhr

Was soll ich dazu sagen? Ich zitiere hier nochmals:

"Gauß ist tot, es lebe Gauß!

Zumindest was die Logik der fraktalen Zufälligkeit und deren Verteilung betrifft, muss man Mandelbrot wie auch Nassim Nicholas Taleb anerkennen, dass sie einige der wenigen sind, die die Komplexität der menschlichen Unfähigkeit aufnahmebereit zu sein, zumindest was unbequeme Neuigkeiten anbelangt und für die meisten, auch aus den Fachgebieten, unbegreiflich zu sein scheint, kritisieren und sich trotz aussichtsloser Lage weiterhin um Aufklärung bemühen.
Dass Sie darauf anspielen, dass wir nicht so viel wissen, wie wir gerne vorgeben, zeugt von enormer Weitsicht, die die für die künftigen Wissenschafter verantwortlichen ausbildenden Professoren wohl gezielt werden ignorieren müssen, obwohl die einfache Lösung ? mittelst Gauß?scher Glockenkurve ? Verteilungen zu berechnen und daraus Risiken, die die Zukunft betreffen, abzuleiten, indem man versucht, durch Betrachtung der Vergangenheit, die künftige Entwicklung zu interpretieren, in bezug auf wirtschaftswissenschaftliche Themen mehr als fehlgeschlagen ist und da die wirtschafts-, die finanzmathematische, besonders aber die statistische Theorie ohne dieses Falsums nicht nur den Herren an den Universitäten die Lebensgrundlage entzöge: Die Ignoranz der meisten Wissenschafter gegen das mandelbrotische System und die dadurch unterlassene Sensibilisierung für die Risiken am Finanzmarkt lässt erkennen, dass sich auch künftig nichts ändern wird. Ganz nach dem Motto:

Gauß ist tot, es lebe Gauß!"

splitter

12.04.2012, 14:51 Uhr

er hat ja recht: die simplifizierung machts eben.
Da gehen alle drauf wie die Fliegen.
Der Rest wird halt eben Blutvergissen sein: stehen da die Menschen vor!
Mir von Simpeln Hochkompelxität auch noch erklären zu lassen: da warte ich ja geradzu drauf.

kleiner_doofie

12.04.2012, 14:57 Uhr

man muß das den leuten einfach versimpelt erklären: weil alle sind ja so doof.

ja das lobe ich mir doch vor dem Herrn!

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