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14.02.2011

11:22 Uhr

American Economic Review

Die 20 wichtigsten Aufsätze der VWL

VonOlaf Storbeck

Der „American Economic Review“ (AER) gehört zu den mit Abstand renommiertesten VWL-Fachmagazinen der Welt. Zum 100. Geburtstag hat eine Forschergruppe die 20 wichtigsten Artikel ausgewählt, die dort jemals veröffentlicht wurden.

huGO-BildID: 20896486 AER-Anniversary, ED: 14.02.11, Illustration Quelle: Klaus Meinhardt

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Für das Geburtstagsgeschenk mussten die sechs Herren tief ins Archiv steigen. Aus Zehntausenden von Aufsätzen, die seit 1911 im „American Economic Review“ (AER) erschienen sind, suchte eine Forschergruppe um Nobelpreisträger Kenneth Arrow die 20 wichtigsten heraus.

Das Ergebnis dieser Fleißarbeit präsentieren die Forscher jetzt in der Jubiläumsausgabe der Zeitschrift, die vor genau 100 Jahren zum ersten Mal erschienen ist. Die Zeitschrift, die die American Economic Association herausgibt, ist Pflichtlektüre für jeden, der sich professionell mit aktueller wirtschaftswissenschaftlicher Forschung auseinandersetzt. Eine Liste der 20 wichtigsten Arbeiten aus 100 Jahren AER ist so etwas wie die „Hall of Fame“ der Volkswirtschaftslehre. Sie verrät viel über die großen Trends des Fachs, aber auch über die Vorlieben des Auswahlkomitees, das aus etablierten Vertretern der Profession bestand.

Die wohl klarste Botschaft der Top-20-Liste ist: Die Forschung, die vor 1945 stattgefunden hat, ist heute nahezu bedeutungslos. Nur ein einziger Aufsatz aus dieser Zeit schafft es in das Ranking – eine Arbeit von 1928, in der Charles Cobb und Paul Douglas eine Produktionsfunktion herleiten, die heute als „Cobb-Douglas-Funktion“ zum Standardlehrstoff in jedem Grundstudium gehört.

Davon abgesehen hatte offenbar nichts aus den ersten AER-Jahrzehnten bleibenden Wert. „Wir hatten einige Sorgen, dass wir wichtige Artikel übersehen, die in den frühen Tagen des AER erschienen sind“, gesteht das Auswahlkomitee ein. Allerdings habe die Recherche gezeigt: Große Namen wie Irving Fisher hätten zwar viel in der Zeitschrift veröffentlicht, „aber es waren meist kleinere oder vergängliche Beiträge“.

Bei der Auswahl der wichtigsten Arbeiten verließen sich die sechs Forscher – unter ihnen waren neben Arrow die beiden Nobelpreisträger Daniel McFadden und Robert Solow – auf ihr Bauchgefühl. Sie verzichteten auf ein formales Verfahren, um die wichtigsten Arbeiten zu bestimmen. Bei fast allen Beiträgen seien sie sich schnell einig gewesen, schreiben sie.

Auffällig ist, wie rückwärtsgewandt das Ranking ist: Die jüngste ausgewählte Arbeit ist bereits 30 Jahre alt. Nimmt man die Liste wörtlich, ist nach 1981 keine wirklich wichtige Studie mehr im AER erschienen. Die goldene Zeit des AER lag demnach zwischen 1960 und 1980 – in den zwei  Jahrzehnten erschienen 15 der 20 ausgewählten Arbeiten. Tatsächlich zeigt diese Auswahl vor allem, wie konservativ die führenden Vertreter der Fachs sind. Neue Ideen akzeptieren sie erst dann, wenn sie sich über Jahrzehnte etabliert haben.

Zudem offenbart das Ranking eine klare Vorliebe des Auswahlgremiums für neoklassische Modell-Ökonomik. Die große Mehrheit der Arbeiten dreht sich um theoretische Modelle, in denen alle Akteure streng rational agieren, ihren Nutzen maximieren und es ein stabiles Gleichgewicht gibt. Diese Art der Volkswirtschaftslehre ist in den vergangenen Jahren innerhalb der Disziplin immer stärker in die Kritik geraten.

Arbeiten von verhaltensorientierten Forschern und Experimentalökonomen dagegen sucht man bis auf eine Ausnahme vergeblich – dabei sind auch und gerade im AER in den vergangenen Jahren etliche wichtige Arbeiten dazu erschienen. Nur scheint das Auswahlkomitee nicht viel davon zu halten.

Kommentare (1)

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Maynard

22.02.2011, 21:12 Uhr

Löbliche Zusammenstellung, die sicher ihren wissenschaftlichen Wert innehat. Dennoch darf man nicht vergessen, dass die neoklassische Sicht mit ihren Annahmen (streng rationaler, nutzenmaximierender Protagonist = Homo oeconomicus) nur eine eingeschränkte Wahrheit darstellen kann. Auch die dort daraus restultierende verbreitete Darstellung eines genau zu quantifizierenden Risikos lässt zweifeln. Da halte ich es doch mit Keynes, der der neoklassischen Lehre zwar in einigen Punkten durchaus Akzeptanz zuspricht, aber auch von der allseits bekannten "Unsicherheit" ebenso ausgeht. Ein stabiles Gleichgewicht existiert demnach leider auch nicht, es existieren eher mehrere Gleichgewichte. Na das ist ja nur ein Kurzkommentar :) Vielen Dank für die Vorstellung und den Hinweis auf das Werk. Beste Grüße

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