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03.10.2012

07:28 Uhr

Arbeitsmarkt-Ökonomie

Gefangen in der Niedriglohn-Spirale

VonMalte Buhse

Wie sinnvoll ist es, Arbeitslosen die Unterstützung zu streichen, wenn diese sich nicht sofort einen neuen Job suchen? Forscher geben nun eine verblüffende Antwort - und warnen vor einem Niedriglohn-Teufelskreis.

Mitarbeiterin eines Callcenters in Frankfurt an der Oder. dpa

Mitarbeiterin eines Callcenters in Frankfurt an der Oder.

KölnEs ist eine späte Genugtuung und er genießt sie sichtlich: Zehn Jahre nach dem Beginn der Agenda 2010 lässt sich Gerhard Schröder als Vater des deutschen Arbeitsmarktwunders feiern. Und Lob gibt es reichlich - zuletzt etwa bei der Göttinger Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Ökonomen.

Mit der Einführung von Hartz IV hatte die rot-grüne Koalition den Druck auf Arbeitslose erhöht, sich schnell eine neue Stelle zu suchen. Und tatsächlich: Die deutsche Arbeitslosenquote sinkt seitdem kontinuierlich.

Doch der vordergründige Erfolg des "Förderns und Forderns" könnte fatale Nebenwirkungen haben, wie eine neue Studie mit Schweizer Daten nahelegt.

Ein Forscherteam um Rafael Lalive von der Universität Lausanne hat sich die Karrierewege von mehr als 20.000 Schweizern angesehen, die im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal ihren Job verloren und Arbeitslosengeld bekamen.

Die Politik der Eidgenossen ähnelt dabei dem deutschen Hartz-IV-System: Wer seinen Job verliert, wird dazu gedrängt, sich schnell eine neue Stelle zu suchen. Betroffene müssen jeden Monat rund zehn Bewerbungen abschicken und Weiterbildungsseminare besuchen. Wer das nicht tut oder zumutbare Jobangebote ablehnt, dem wird die Stütze gekürzt.

Die Sanktionen drohen dabei gleich von Beginn der Arbeitslosigkeit an und können drastisch ausfallen: Teilweise gibt es über zwei Monate lang überhaupt kein Arbeitslosengeld mehr. Der Druck, möglichst schnell wieder einen Job anzunehmen, ist dementsprechend groß.

Auf den ersten Blick klappt das System gut: Schon die Androhung einer Kürzung bewirkt, dass Arbeitslose zügig einen neuen Anstellungsvertrag unterschreiben, zeigen Lalive und seine Co-Autoren. Der zusätzliche Druck erhöht also die Geschwindigkeit der Jobsuche.

Allerdings: Wem das Arbeitslosengeld gekürzt worden war, machte beim Wiedereinstieg in die Berufswelt schmerzhafte Abstriche. Nicht nur, dass er weniger verdiente als in der Zeit vor der Arbeitslosigkeit - sein Lohn war auch geringer als der von gleich gut qualifizierten Ex-Arbeitslosen, die die Behörden in Ruhe gelassen hatten.

Kommentare (31)

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Account gelöscht!

03.10.2012, 08:15 Uhr

Wenn ich heute in DEUTSCHLAND von ehrlicher Arbeit nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, zeitgleich über Steuern und Abgaben so dermassen abgezockt werde dass es sogar das Raubrittertum übertrifft, dann stimmt ganz einfach etwas nicht!!!! Punkt, weiter muss man da nicht diskutieren.

Freakshow

03.10.2012, 08:37 Uhr

Schade das dieser Artikel total an de Realität vorbei geht. Es ist halt so wie wenn sich TOP-Ökonomen wie von Sinn / Bofinger über den €Uro und die Finanzkrise unterhalten - jeder hat seine Sichtweise, doch die Wahrheit liegt dazwischen.
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Fakt ist, dass sich die Zahl der realen Arbietslosen in Deutschland seit Helmut Kohl bei 8 - 10 Mio hält.
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Fakt ist ebenso, dass es seit Einführung von Hartz IV praktisch unverändert eine feste Zahl von 4,9x Mio Hartz IV-Empfängern gibt trotz aller menschenverachtenden Sanktionen.
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Bei diesen Fakten ist ersichtlich, dass es weder ein JOBWUNDER noch sonst welche segensreichen Erungenschaften gab. Lediglich die Umverteilung von unten nach oben und die Abschaffung der ehemaligen Mittelschicht und massives Lohndumping sind erreicht worden und das sind beileibe keine SEGENSREICHEN Wunder sondern traurige Realität!

xyz

03.10.2012, 09:21 Uhr

wartet mal ab, wenn die PKW-Maut auf allen Straßen und besonders teuer zu Pendlerzeiten kommt. Dann werden immer mehr Bürger freiwillig zu Hause sitzen bleiben, da finanziell stranguliert. Der Weg zur Arbeit kostet dann mehr als der gesamte HartzIV-Regelsatz hergibt.

und übrigens: ein Grund, warum in DE die Arbeitslosigkeit sinkt liegt in der demographischen Entwicklung: seit 2010 verlassen mehr den Arbeitsmarkt als neue hinzutreten --- natürlich sind dann mehr Arbeitsmöglichkeiten vorhandne.

überkompensiert wurde der Effekt bisher nur von einer stärkeren Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt - diese wiederum füllen zu 70% den Niedriglohnsektor.

und der Staat macht sich auf, Konsumenten und Arbeitnehmer finanziell immer stärker zu strangulieren..... bei gleichzeitigen Niedriglöhnen geht die Rechnung dauerhaft so wieso nicht auf - wir bekommen EU-Weit mit Sicherheit ein langes Nullwachstum.

Das sieht man doch schon überall - glaubt doch keiner mehr, dass ein "Weiter So" zu lasten der Arbeitnehmer noch dauerhaft funktionieren kann. Entweder Massenpleiten oder Massenaufruhr bekommen wir. Alles nur eine Frage der Zeit.

die Wirtschaft lebt nunmal vn konsumenten -- Parasiten kann man nicht ewig aussaugen ohne Folgen und die Wirtschaft wird auch noch merken, dass der Arbeitnehmer ja zeitgleich der Konsument ist.

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