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06.03.2006

07:00 Uhr

Arbeitsmarktforschung

Arbeitsmarkt-Interventionen haben einen Zahnpasta-Effekt

VonOlaf Storbeck

Mindestlöhne sind wie Zahnpasta. Wenn man die aus der Tube gedrückt hat, gibt es kein zurück mehr. Ähnliches gilt für staatliche Eingriffe in die Lohnstruktur, lautet das Fazit eines deutsch-schweizerisches Forscherteams. Wenn man einen Mindestlohn abschafft, wirkt er weiter. Und nicht nur Niedriglöhner sind betroffen – die gesamte Lohnstruktur der Wirtschaft rutscht nach oben.

Die Ökonomen Armin Falk (Bonn), Ernst Fehr und Christian Zehnder (Zürich) haben diese Ergebnisse mit einer für Arbeitsmarktforscher recht neuen Methode ermittelt: In Laborexperimenten bauten sie künstliche Arbeitsmärkte. 240 Züricher Studenten übernahmen die Rolle von Unternehmern und Beschäftigten. Löhne und Gewinne wurden mit Spielgeld abgerechnet, das am Ende in Schweizer Franken umgerechnet wurde.

In der Modell-Ökonomie galten einfache Gesetze: Der Umsatz eines Unternehmens stieg mit der Zahl der Mitarbeiter, ebenso wie die Personalkosten. Mit wachsender Belegschaft sank zudem die Produktivität eines weiteren Beschäftigten. Jede Firma konnte in jeder Spielrunde bestimmen, wie vielen Beschäftigten sie zu welchem Lohn einen Job anbot. Jeder Arbeiter konnte entscheiden, ob er auf die Offerte einging. Wenn nicht, war er eine Runde arbeitslos und hatte kein Einkommen.

Ohne staatliche Interventionen pendelte sich der Lohn im Mittel bei 188 Geldeinheiten (GE) ein. Eine Firma mit zwei Beschäftigten erwirtschaftete dabei einen Gewinn von 364 GE. Nach 15 Spielrunden führte der Staat einen Mindestlohn in Höhe von 220 GE ein – der Marktlohn aber pendelte sich deutlich darüber ein. Im Mittel zahlten die Firmen ihren Beschäftigen fortan 238 GE. Bei zwei Mitarbeitern schrumpfte ihr Gewinn um mehr als ein Viertel. 93 Prozent aller Löhne lagen höher als 220 GE – vorher waren es nur acht Prozent.

Die Autoren erklären diesen Effekt so: Durch den Mindestlohn verschoben sich für die Beschäftigten die Maßstäbe. Ein Gehaltsangebot von 220 GE erschien den Arbeitern als fair und generös, so lange die Unternehmen die Möglichkeit hatten, auch weniger anzubieten. Als die Firmen aber gezwungen waren, mindestens 220 zu zahlen, kam das gleiche Angebot als unfair oder geizig daher. Weil sich Menschen nicht gern ausgebeutet fühlen, würden viele Arbeiter so ein Angebot im Zweifel lieber ganz ablehnen.

Der so genannte Reservationslohn, unter dem ein Beschäftigter keinen Job annimmt, stieg also durch den Mindestlohn. Dieser Effekt blieb bestehen, wenn der Modell-Staat seinen Eingriff ins Gehaltsgefüge rückgängig machte: Die Markt-Löhne waren auch lange danach noch deutlich höher als ohne Intervention. „Eine zeitweilige Einführung von Mindestlöhnen hat dauerhafte Effekte auf die tatsächlich gezahlten Gehälter“, schreiben die Autoren. Offenbar hatten sich die Arbeiter an bessere Bezahlung gewöhnt und waren später nicht bereit, für weniger zu arbeiten.

Bemerkenswert sind die Beschäftigungseffekte des Mindestlohns: Die Zahl der Jobs fiel nicht etwa, sie stieg – pro Unternehmen um 14 Prozent. Der Grund: Durch den Mindestlohn sinken in manchen Fällen die Grenzkosten für die Einstellung eines weiteren Beschäftigten.

Denn ohne Mindestlohn hatten nur die Arbeitnehmer einen Job, die auch für relativ wenig Geld bereit waren zu arbeiten. Hätte ein Unternehmen seine Belegschaft aufstocken wollen, hätte es zusätzliche Mitarbeiter in vielen Fällen mit höherem Lohn locken müssen. Dadurch wären aber die Personalkosten für die gesamte Belegschaft gestiegen. Denn die Firmen konnten neuen und alten Beschäftigten nicht unterschiedliche Gehälter zahlen. Die Grenzkosten einer Neueinstellung entsprachen daher nicht nur dem Lohn für den neuen Mitarbeiter – hinzu kam die Lohnerhöhung für die bisherige Belegschaft. Dies änderte sich durch den Mindestlohn: Für die schon angestellten Arbeiter stieg der Lohn ohnehin – die Grenzkosten für einen neuen Beschäftigten entsprachen in vielen Fällen nur noch dessen Lohn.

Allerdings warnen die Autoren, das Ergebnis steigender Beschäftigung lasse sich nicht eins zu eins auf die Realität übertragen. Denn in der Modell-Ökonomie gab es weder Investitionen noch Firmenpleiten. Durch den Mindestlohn sanken aber die Unternehmensgewinne deutlich. Dies könnte im wirklichen Leben dazu führen, dass Betriebe ihre Investitionen zurückfahren oder ganz aus dem Markt ausscheiden. Beides hätte negative Arbeitsmarkteffekte. Allerdings: Arbeitsmarktforscher haben die gleichen positiven Beschäftigungseffekte, die die Forscher im Labor festgestellten, im US-Bundesstaat New Jersey auch in der Realität beobachtet.

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