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04.05.2011

09:41 Uhr

Aufgeschobene Erledigungen

Aufschieberitis mit Nebenwirkungen

VonHans Christian Müller

"Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen", dieser Spruch gilt nicht immer. Ökonomen haben untersucht, warum Menschen den Drang haben, unliebsame Arbeiten in die Zukunft zu verschieben.

Schreibstarre: Am Ende gibts Ärger mit dem Chef. Quelle: dpa/picture alliance

Schreibstarre: Am Ende gibts Ärger mit dem Chef.

KölnEigentlich hätte dieser Artikel ja schon viel früher erscheinen sollen. Ärgerlich, dass das Schreiben doch wieder so lange gedauert hat. Sicher, es gab keine Abgabefrist, also konnte man es ruhig angehen lassen - erst mal den Schreibtisch aufräumen, Urlaub planen, Krümel aus der Tastatur saugen. Und weil ein angebrochener Tag ohnehin nicht ausreicht für einen langen Artikel, macht es ja Sinn, erst morgen mit dem Schreiben zu beginnen.

Prokrastination nennen Verhaltensökonomen dieses Verhalten: Wir lassen wichtige Aufgaben gerne erst einmal liegen und ziehen unwichtige vor. Am Ende steht der Ärger über die eigene Bummelei oder die Kritik vom Chef. Doch wie eine Motte, die sich nicht merken kann, dass die Straßenlaterne heiß und gefährlich ist, passiert uns immer derselbe Fehler.

Verhaltensökonomen erforschen die Aufschieberitis mit Hochdruck, denn der wirtschaftliche Schaden ist immens: Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto schätzte 1906, dass der Mensch beim Arbeiten 80 Prozent seiner Aufgaben in 20 Prozent der Arbeitszeit erledigt - nämlich in den wenigen Momenten, in denen er wirklich konzentriert arbeitet. Würden wir das immer tun, könnten wir in derselben Zeit viermal so viel schaffen.

Was das Problem verschärft: Nicht nur kleine Aufgaben schiebt man auf die lange Bank: Firmen nehmen Produktflops zu spät vom Markt; Arbeitnehmer fangen nicht früh genug an, eine Zusatzrente anzusparen; Regierungen vertagen immer wieder den Schuldenabbau.
Forscher begründen die Erledigungsblockade mit einer starken Vorliebe für die Gegenwart. Wir verkalkulierten uns, wenn wir den Schaden bewerten, den eine Verzögerung verursacht: Unangenehme Dinge sofort zu erledigen, erscheint als große Kraftanstrengung - doch morgen dürfte es überhaupt kein Problem sein. Wegen dieser tückischen Zeitpräferenz würden sich Menschen selten so verhalten, wie es langfristig am besten für sie wäre, schreibt Nazaria Solferino von der Universität Kalabrien in einer Studie.

Dass Prokrastination ans Portemonnaie gehen kann, zeigt ein Experiment dreier Ökonomen aus Chicago: Sie ließen 430 Studenten Glücksspiele spielen - ihre Gewinne sollten sie erst zwei Wochen später ausbezahlt kriegen. Die Studenten hatten jedoch die Möglichkeit, auf einen Teil des Geldes zu verzichten und im Gegenzug den Scheck sofort zu bekommen.

Zum Download der im Text zitierten Studien - klicken Sie hier.

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