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07.05.2012

22:20 Uhr

Bildungsdebatte

„Den Fokus stärker auf die Lehrer richten“

VonDorit Marschall

Seit dem Pisa-Debakel geht es mit Deutschlands Bildungssystem langsam aufwärts. Doch noch immer gibt es große Leistungsunterschiede zwischen Schülern. Auf dem Munich Economic Summit forderten Experten ein Umdenken.

Schon im Alter von zehn Jahren wird über die Karriere eines Schülers entschieden. dpa

Schon im Alter von zehn Jahren wird über die Karriere eines Schülers entschieden.

MünchenDer Widerspruch, meinte Kurt Biedenkopf, könne größer nicht sein: „Heute können Lehrlinge zum Teil weder die Grundrechenarten noch ihren Lebenslauf fehlerfrei aufschreiben - und das in einem Zeitalter, in dem wir in einer Wissensgesellschaft leben.“ Allerdings, gab der ehemalige sächsische Ministerpräsident zu, lebten wir auch in einer Ära der Beschleunigung. Das Bildungssystem müsse den Menschen daher vor allem die Fähigkeit vermitteln, in diesem immer schnelleren Wandel bestehen zu können.

Die Bildung der Deutschen und ihre Bedeutung für die Volkswirtschaft war das Thema des elften Munich Economic Summit - und Biedenkopf einer der prominenten Gäste. Rund 160 Teilnehmer aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutierten auf Einladung des Münchener Forschernetzwerks CESifo und der BMW Stiftung Herbert Quandt zwei Tage lang in München über „Bildung und Ausbildung - die größte Hoffnung Europas“.

Das Fazit: Seit den für Deutschland ernüchternden ersten Pisa-Ergebnissen vor mehr als zehn Jahren entwickelt sich die Bildungspolitik in der Tendenz in die richtige Richtung. Damals sei eine „echte Schockwelle durch die Gesellschaft gegangen“, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Allerdings sind die Fortschritte klein und langsam. „Ein Teil der Schulabgänger ist heute weniger gut ausgebildet“, berichtete Margret Suckale, Vorstandsmitglied des Chemiekonzerns BASF. „Das bemerken wir an den Bewerbern für einen Ausbildungsplatz.“

Große Firmen wie BASF verlassen sich daher in Sachen Bildung nicht mehr nur auf den Staat. Bewerber, „die noch nicht die nötige Ausbildungsreife mitbringen“, so Suckale, macht das Unternehmen in Eigenregie fit für eine Ausbildung.

Was aber könnte die Politik verbessern? Die frühe Mehrgliedrigkeit des deutschen Bildungssystems sei eine Hypothek, sagte Ifo-Chef Sinn. Im Grunde werde schon im Alter von zehn Jahren über die Karriere eines Schülers entschieden. Dies führe dazu, dass die Ungleichheit zwischen den Leistungen von Grundschülern und denen von 15-Jährigen in keinem Land so groß sei wie in Deutschland.

Kommentare (16)

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07.05.2012, 23:13 Uhr

Die Revolution in den Schulen hängt in der Tat nicht vom 100. neuen Bildungstralalakonzept mit 80seitigem Methoden- und Kompetenzanhang ab, sondern von den Befugnissen der Schulen und Lehrern. Diese sehen sich nämlich immer öfter einer extrem unmotivierten, übersättigten und reizüberfluteten Schülerschaft gegenüber, der mit neuen Unterrichtsideen nur noch wenig beizukommen ist. 5 Euro automatische Abbuchung vom Elternkonto bei nicht erledigter Hausarbeit würden Revolutionen im Lernfortschritt auslösen. Es braucht wieder mehr das Fordern denn das ewige Bitten und Fördern...

Ben

07.05.2012, 23:22 Uhr

Als junger Lehrer ist mir vor kurzem eine Krux des Berufes aufgefallen.
Was habe ich eigentlich davon, wenn ich als Lehrer sehr gut arbeite und wie könnte man das objektiv wirklich gut messen?
(Externe Tests und Noten? Gewaltverhalten? Soziales Engagement der Schüler?)

Beides sind extrem relevante, aber auch komplexe Fragen und zugleich spielen diese in der allgemeinen Debatte kaum eine Rolle: Was motiviert Lehrer, die zentrale Schaltstelle im Bildungssystem, nachhaltig gut zu arbeiten? Darüber liest man erstaunlich wenig.

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08.05.2012, 03:11 Uhr

Ganz praktisch ist es so, dass viele Schulen erst gar keine Ganztagsbetreuung anbieten. Immerhin bieten inzwischen viele Schulen, in Kooperation mit Elternvereinen, eine kostenpflichtige Nachmittagsbetreuung an. Dafür werden dann Hilfskräfte rekrutiert, also keine Lehrer, da die zu teuer sind. Ein echtes Lehrangebot gibt es meist nicht. Immerhin kommen die Kinder ja auch am Nachmittag nach Hause, wo dann die Eltern noch einmal aktiv werden können. Vollzeitjob für beide Eltern ist so fast unmöglich. Die Eltern sind mit die wichtigsten Lehrer, dabei sollte man das doch den Profis überlassen.
Viele Schulen bieten Förderkurse an, aber nach Maßgabe der finanziellen Ressourcen. Läuft ein Förderprojekt aus, dann eben auch der Förderunterricht.
Es ist ziemlich egal wie die Schulform heißt, oder ob die Schulen viel oder wenig eigene Verantwortung haben. Solange die Finanzausstattung der Schulen derart schlecht ist, wie sie ist, werden leistungsschwächere Schüler, oder Kinder mit wenig gebildeten Eltern chancenlos bleiben. Beides ist nicht zufällig praktisch die gleiche „Zielgruppe“.
Beim Vergleich der Bundesländer sollte man immer auch die Ausgaben je Schüler mit dazu schreiben. Manchem ginge ein Licht auf.
Warum sind dann doch die Schulen schuld? Ganz einfach, an den Zuständigkeiten kann man immer etwas drehen, Politiker handeln ja so gern! Dass es nichts bringt wissen sie ganz genau. Immerhin wurde auf die unsäglichen Unterschiede zwischen den Bildungssystemen der Bundesländer hingewiesen. Es ist aber mehr als eine Mobilitätssperre. Es ist institutionalisierte Dummheit.

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