Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.06.2011

12:52 Uhr

Datenschutz

Das geht Sie gar nichts an!

VonHans Christian Müller

Gerade hat der Zensus 2011 begonnen, doch die Deutschen misstrauen der Volkszählung. Darunter zu leiden haben die heimischen Spitzenforscher.

Vor allem in Deutschland ist der "gläserne Bürger" ein weit verbreitetes Schreckensszenario. Für heimische Ökonomen ist das ein Wettbewerbsnachteil. Quelle: dapd

Vor allem in Deutschland ist der "gläserne Bürger" ein weit verbreitetes Schreckensszenario. Für heimische Ökonomen ist das ein Wettbewerbsnachteil.

Wissen Sie wie viele Menschen in Deutschland leben? Ungefähr 80 Millionen, stimmt. Viel genauer wissen es die Behörden auch nicht: Die offizielle Zahl von 81,8 Millionen sei um 1,3 Millionen zu hoch, teilte das Statistische Bundesamt kürzlich mit – aber auch das sei nur eine Schätzung. Auch andere wichtige Zahlen sind unbekannt: Etwa die der Wohnungen oder der Kindergartenplätze.
Für Wissenschaftler ist das ein Alptraum. Wer repräsentative Daten erheben möchte, braucht eine Stichprobe von Befragten, die der Gesamtbevölkerung in allen Bereichen ähnelt. Mit vagen Informationen ist das nicht möglich. Und wie soll man das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ohne die genaue Zahl der Köpfe ausrechnen? Auch die Politik braucht dringend bessere Einwohnerzahlen: Schließlich hängen davon die Ausgleichszahlungen der Bundesländer ab.
Seit den letzten, in Westdeutschland von scharfem Protest begleiteten Volkszählungen in den 80er-Jahren wird die amtliche Statistik nur noch mit Hilfe der Daten der Kommunen über Umzüge, Geburten und Todesfälle fortgeschrieben. Doch die Rathäuser haben große Anreize zum Schummeln, schließlich bekommen sie für jeden Einwohner Zuschüsse vom Land.

Die Forscher fiebern daher der jetzt gestarteten Volkszählung 2011 entgegen, in der die Bürger unter anderem nach Beruf, Herkunft und Bildung gefragt werden. Doch auch der neue Zensus ist bei den Befragten unbeliebt: Im Internet kursieren Tipps, wie man die Erhebung per Eilverfahren verzögern kann, Datenschützer protestieren massenhaft.
Dass viele Kritiker sich um die Datensicherheit sorgen, halten die Forscher für überzogen: Für Kriminelle seien Kundendaten von Unternehmen interessanter als Zensusinformationen.
Für deutsche Forscher ist die Skepsis der Bürger ein handfester Wettbewerbsnachteil: In keinem anderen EU-Land stößt eine Volkszählung auf derartige Gegenwehr, viele Bürger möchten schlichtweg nicht, dass Staat und Statistiker viel über sie wissen. „Eine Ursache ist die Erfahrung mit der Überwachung in Nazi- und DDR-Deutschland“, sagt Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein. Und auch die starke Bürgerrechtsbewegung der 80er-Jahre wirke nach. Viele hatten damals erfahren müssen, wie der Staat – gedeckt durch den sogenannten Radikalenerlass – potenziellen Staatsdienern hinterherschnüffelte und Berufsverbote verhängte.

Zum Download der im Text zitierten Studien, klicken Sie - hier.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

20.05.2011, 10:48 Uhr

Es ist mir persönlich egal, wie die Nordischen Staaten mit den Daten ihrer Bürger umgehen. Diese Länder hatten keine Diktaturen wie wir, ich bin der Ansicht diese Volkszählung ist eine Farce und bringt dem Bürger nichts, außer Mehrbelastungen und den Unternehmen neue Aufträge, und dies und nur dies ist der Grund dieser sogenannten Volkszählung. Auch bin ich gegen dieses Volkszählung, weil sie von der EU-Kommision gefordert wurde, diese Organisation ist eine Nachfolge der Stasi und anderer diktatorischen Vereinigungen.
Basta.
Danke.

Sylvia

29.05.2011, 22:23 Uhr

Die skandinavischen Länder haben aber auch einen Staat, der gegenüber dem Bürger offener agiert. Wir dagegen wurden nicht einmal zu EU-Beitritt und Euro-Einführung befragt oder gehört. Das nur zu den kleinen, aber feinen Unterschieden, die der von der Presse als "überfordert" geredete Bürger sehr wohl bemerkt.

Woher also soll bitteschön das Vertrauen des Bürgers denn kommen, wenn er lernen musste, dass Vertrauen stets nur einseitig einfordert wird?

Zensus wie die Einführung der Gesundheitskarte versucht unser angeblich so demokratischer Staat nun ebenfalls billigst (für sich) per Zwang (für den Bürger) durchzuführen. Gesellschaftlicher Konsens wird so seit langem schleichend, aber dafür umso sicherer in immer weitere Ferne rücken. Vom ehemals viel gelobtem sozialen Frieden in Deutschland schon gar nicht mehr zu reden.

Wer stetig Wind sät ...

Pancho_Sanso

04.06.2011, 13:19 Uhr

Was die skandinavischen Länder tun, interessiert mich ehrlich gesagt einen feuchten Kehricht. Wir sind hier in Deutschland und müssen mit unserer eigenen Spezifik klarkommen, als da wäre: Scheindemokratie, latentes Misstrauen der Herrschenden gegenüber dem Volk, staatlicher Drang zu Überwachung und Umverteilung bis aufs letzte Hemd, Blockwartmentalität, Untertanengeist, Unfreiheit, exponenziell zunehmende Kaltpressung der letzten Steuerzahler zugunsten in- und ausländischer Banken und "befreundeter" Pleitestaaten.
Es ist doch so: Immer wenn hier eine neue Sauerei eingeführt werden soll, findet sich angeblich ein Land, in dem diese Praxis angeblich so bedenkenlos angenommen wird und wunderbar funktioniert.
Wenn man es dann hinterfragt - oh, ist ja alles ganz anders und nicht übertragbar...
Kurzum, wundert mich nicht, dass die Bürger die "Erfassungsbemühungen" eher skeptisch sehen. Wer weiß schon, wozu jetzt der Boden bereitet wird... Gutes ist von einem Staat, der das Wohl des eigenen Volkes mit Füßen tritt, sicher nicht zu erwarten...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×