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21.03.2011

12:58 Uhr

Erdbeben

Die Lehren von 1755

VonOlaf Storbeck

In jeder Krise steckt eine Chance - das gilt auch für Naturkatastrophen. Wie das geht, haben die Portugiesen nach dem fatalen Erdbeben von 1755 gezeigt.

Erdbeben Lissabon 1755, aus dem Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin Wikipedia

Erdbeben Lissabon 1755, aus dem Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin

LondonDie Katastrophe begann um 9.30 Uhr: In drei Wellen zerstörte ein gigantisches Erdbeben die Hauptstadt. 40 Minuten später schwappte ein Tsunami an die Küste. In der zerstörten Stadt brachen Brände aus, die fünf Tage lang wüteten. 40000 bis 50000 Menschen kamen ums Leben.

Am 1. November 1755 erschütterte ein Erdbeben Lissabon - es war sogar in Hamburg und auf den Azoren zu spüren. Geologen schätzen seine Stärke auf 8,7 bis 9 Punkte auf der Richter-Skala - damit wäre es ähnlich stark wie das Beben, das jetzt Japan getroffen hat.
Welche Folgen haben solche Unglücke für Wirtschaft und Gesellschaft? Ökonomen rund um die Welt stellen sich diese Frage derzeit - Alvaro Pereira, Professor an der University of Vancouver, hat sie für das Beben von 1755 beantwortet.

Die Katastrophe in Japan verhilft seiner 2009 erschienen Arbeit eine ungeahnte Aktualität. Zwar sind direkte Vergleiche zwischen einer Renaissance-Gesellschaft und einer führenden Wirtschaftsmacht im 21. Jahrhundert nicht möglich. Einige grundsätzliche Einsichten sind aber bis heute von Interesse.

So zeigt das Beispiel Portugal: Gutes Krisenmanagement kann die mittel- bis langfristigen Schäden deutlich eindämmen. Solche Naturkatastrophen sind zudem eine seltene Gelegenheit für grundsätzliche Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft. Portugal wusste sie damals zu nutzen, so Pereira. "Trotz der vielen Opfer und der erheblichen wirtschaftlichen Schäden hat Portugal ökonomisch langfristig von dem Erdbeben von 1755 profitiert", lautet daher das Fazit der Arbeit mit dem Titel "The Opportunity of a Disaster: The Economic Impact of the 1755 Lisbon Earthquake", die 2009 im "Journal of Economic History" erschienen ist.

Die direkten Kosten des Bebens schätzt der Forscher auf 32 bis 48 Prozent der portugiesischen Wirtschaftsleistung. Lissabon - damals eine der reichsten Städte Europas - war zu zwei Dritteln unbewohnbar, alle größeren Gebäude lagen in Trümmern.

Nach dem Desaster gerieten Preise und Löhne aus dem Gleichgewicht: Zwischen 1756 und 1757 schossen die Preise von Weizen und Hirse in Lissabon um mehr als 80 Prozent in die Höhe, Gerste kostete gar 171 Prozent mehr. Wichtige Baumaterialien wie Holz und Kalk verteuerten sich um 60 Prozent. Handwerker waren so knapp, dass selbst die Königsfamilie Probleme hatte, Arbeiter zu finden, die ihr eine neue Unterkunft bauten.

Der Wiederaufbau der Stadt ging trotz allem schnell voran: Schon 1780 lebten mehr Menschen in der Stadt als 1755. Allerdings verschlechterten sich die Staatsfinanzen wegen der immensen Kosten des Wiederaufbaus drastisch. Hinzu kam, dass die Goldimporte aus Brasilien versiegten und ab 1756 der Siebenjährige Krieg das Land belastete. 1762 war die portugiesische Regierung so klamm, dass sie Großbritannien um einen Notkredit anbettelte - vergeblich. "Die wirtschaftliche Situation war unhaltbar", schreibt Pereira.

Die Regierung trat die Flucht nach vorne an - Premierminister Sebastião José de Carvalho e Mello betrieb in den Jahren nach dem Beben einen tiefgreifenden Umbau von Staat und Wirtschaft, der Portugal langfristig wirtschaftlich sehr genutzt hat, argumentiert Pereira.

Mello erwarb sich mit seinem effizienten Krisenmanagement ein hohes Ansehen - das erst habe seine Reformpolitik möglich gemacht. Er modernisierte die Verwaltung, kappte die Bürokratie und etablierte zentralstaatliche Strukturen. Zudem reduzierte er die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Handelspartner Großbritannien. Gezielt investierte der Staat in Unternehmen wie Seiden- und Papierfabriken sowie Webereien.

Ohne das Erdbeben hätte es all diese Reformen nicht gegeben, so Pereira. Die Krise habe die perfekte Rechtfertigung für Reformen geboten. US-Außenministerin Hillary Clinton hat dieses Prinzip gut 250 Jahre später so umschrieben: "Never waste a good crisis." ("Lasse nie die Reformmöglichkeiten ungenutzt, die eine Krise mit sich bringt.")

Diesen Rat sollte auch die japanische Regierung in diesen Tagen beherzigen.

Kommentare (1)

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Realo

01.04.2011, 00:23 Uhr

Und nicht bloß Japan! Davon ist heute in Portugal nichts mehr zu merken.

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