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28.01.2010

15:04 Uhr

EZB-Studie

Die wahren Ursachen der griechischen Tragödie

VonNorbert Häring

Eine EZB-Studie zeigt: Es war vor allem die Bankenrettung, die das Land in Not brachte. Denn das Kreditrisiko stieg massiv, während das der Banken in gleichem Ausmaß sank. Jetzt verlangen die Verursacher von dem Land Risikoaufschläge.

Das Wahrzeichen von Athen, die Akropolis. Griechenland hat mit den Folgen der Rettungspakete zu kämpfen. ap

Das Wahrzeichen von Athen, die Akropolis. Griechenland hat mit den Folgen der Rettungspakete zu kämpfen.

FRANKFURT. Nördlich des Breitengrades von Mailand ist das Urteil über den hochdefizitären Staat Griechenland klar: "Selber schuld", heißt es, "erwartet bloß nicht, dass wir Euch rauspauken". Schließlich habe die griechische Regierung jahrelang viel zu viel Geld ausgegeben - nur deshalb stecke sie in Schwierigkeiten. Verschwenderische Länder vor dem Bankrott zu retten, würde die Anreize für eine sparsame Haushaltsführung bei dieser und bei anderen Regierungen beseitigen, wird die Ablehnung begründet.

Das Argument klingt stimmig, berücksichtigt die Fakten aber nur sehr selektiv. Ein Arbeitspapier aus der Europäischen Zentralbank (EZB) mit dem Titel "The Janus-Headed Salvation" (Die Janusköpfige Rettung) zeigt sehr deutlich, was die griechischen Schwierigkeiten vor allem hervorgerufen hat: die Finanzkrise und insbesondere die Pleite von Lehman Brothers.

Durch die Rettungspakete wurden die Bank-Risiken zu Staatsrisiken

Nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Mitte September 2008 haben die meisten Staaten - darunter Griechenland - umfangreiche Garantien für ihre Banken abgegeben. Außerdem päppelten viele Länder ihre angeschlagenen Geldhäuser mit neuem Eigenkapital auf und gaben Milliarden für riesige Konjunkturpakete aus, um die Schäden für die Realwirtschaft abzumildern.

Die beiden EZB-Ökonomen Jakob Ejsing und Wolfgang Lemke haben in ihrer Studie untersucht, wie sich das auf die Beurteilung des Ausfallrisikos von Staatsanleihen und von Bankanleihen ausgewirkt hat. Sie konzentrierten sich dabei auf den Preis für Versicherung gegen Zahlungsausfälle der Staatsanleihen, die sogenannten Credit Default Swaps. Das Ergebnis: Das Kreditrisiko der Staaten ist durch die Rettungspakete massiv gestiegen, das der Banken in etwa gleichem Ausmaß gesunken. Griechenland war davon nach Irland unmittelbar nach der Lehman-Pleite am stärksten betroffen.

Mit diesem einmaligen Anstieg war es aber nicht getan, wie die Autoren feststellen. Nach den Rettungsaktionen führte jede Verschlechterung der Wirtschaftsperspektiven bei den Staatsanleihen zu einem stärkeren Anstieg der Risikoprämien als vor Ausbruch der Krise. Bei den Banken war es umgekehrt. Dort verflachte der Anstieg. Letztlich bedeuteten die staatlichen Rettungsaktionen für die Finanzbranche also: Die Risiken, die in den Bilanzen der privaten Banken schlummerten, wurden von den Staaten übernommen. Dies führte dazu, dass an Finanzmärkten das Vertrauen in die Solidität der Staatsfinanzen sank.

"Die gleichen Marktteilnehmer, die die Regierungen vieler Länder in eine desaströse Haushaltslage gebracht haben, verlangen nun ?Risikoprämien', weil sie diesen Regierungen nicht mehr trauen", schreiben Heiner Flassbeck, Direktor der Division Globalisierung und Entwicklungsstrategien der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad), und seine Ko-Autorin Sonia Boffa in einem Aufsatz mit dem Titel "The Unbearable Lightness of Financial Markets" (Die Unerträgliche Leichtigkeit der Finanzmärkte). "Dieses Paradox muss von der globalen Gemeinschaft der Regierungen auf entschiedene Weise angegangen werden", fordern Flassbeck und Boffa.

Einige Argumente sprechen zudem dafür, dass vor allem die Regierungen der großen Länder an der Finanzkrise eine Mitschuld tragen. Sie haben den Ökonomen geglaubt, die die Effizienz der Finanzmärkte gepredigt haben, und sie haben sich von der mächtigen und finanzkräftigen Bankenlobby einwickeln lassen. Aus diesen Gründen haben sie die Finanzmärkte und das Bankgeschäft immer mehr dereguliert, und so die derzeitige Krise erst möglich gemacht, wie eine Studie von Moritz Schularik von der FU Berlin und Alan Taylor von der University of California at Davis nahelegt.

Kommentare (13)

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SM

25.01.2010, 16:30 Uhr

interessante Untersuchung aber falscher Aufhänger. Griechenland hat meines Wissens seine banken gar nicht in nennenswertem Umfang gestützt, da sie von der Krise zunächst nicht betroffen waren.

Joachim Mueller

25.01.2010, 19:55 Uhr

Artikel sehr interessant mit guter Anregung zum Weiterdenken!

Als in den USA lebender Deutscher sehe ich den starken Einfluss der Grossunternehmen auf die Politik. im Grunde genommen ist die Politik zum verlaengerten Arm der Wirtschaftsinteressen verkommen. in den USA ist die Zentralbank das, was der Name sagt, naemlich die Zentrale der banken, und nicht eine unabhaengige institution mit Verantwortung gegenueber der Allgemeinheit. Daher wird ruecksichtslos Roulette gespielt und im Zweifelsfall der Steuerzahler weiter belastet.

Die Politiker, von denen die meisten (wie in Deutschland) nie selber Geld verdient haben, sehen es als ihre Aufgabe Gesetze zu machen mit denen Gelder umhergeschaufelt werden. Da es nicht das Geld der Politiker ist, sehen die Politiker keinen Grund, sich zurueckzuhalten. Selbst wenn sie aus dem Amt getrieben werden, bekommen sie hoch bezahlte Jobs im "Vortragszirkus". Fuer 100 k Dollar pro Abend geben sie vortraege fuer geltungsbeduerftige Millionaere. Mit diesen skupellosen und korrupten Amateuren ist "kein Staat zu machen".

Micha

26.01.2010, 10:38 Uhr

Man muß nur lange genug suchen, dann findet sich immer ein Grund, warum Deutschland wieder zahlen soll. Die Griechen können überhaupt nichts dafür und sind völlig unschuldig - Opfer der Politik und Wirtschaft. Ein so ehrliches, sparsames und fleißiges Volk hat das nicht verdient. Denen muß man unbedingt helfen.

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