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16.01.2010

14:38 Uhr

Finanzkrise

Der Markt macht keine Fehler – oder doch?

VonFlorian Paulus Meyer

Der Markt macht keine Fehler - an diesem volkswirtschaftlichen Dogma hielten Wissenschaftler und Notenbanker lange fest. Nun müssen sie umdenken und die Hypothese der effizienten Märkte, die den Grundstein vieler wirtschaftswissenschaftlicher Modelle bildete, neu bewerten.

Die Börse reguliert die Wirtschaft mit einer Geschwindigkeit und Entschlossenheit, die keine Regulierung überbieten kann, meint Eugene Fama. dpa

Die Börse reguliert die Wirtschaft mit einer Geschwindigkeit und Entschlossenheit, die keine Regulierung überbieten kann, meint Eugene Fama.

MÜNCHEN. Die Kandidatenauswahl britischer Buchmacher für den Wirtschaftsnobelpreis sorgte im vergangenen Jahr für hämische Kritik: Als möglichen Favoriten handelten die Wettanbieter den Chicagoer Finanzprofessor Eugene Fama, Begründer der Theorie der effizienten Märkte. Ausgerechnet der marktgläubige Fama sollte nach der Finanzkrise den Nobelpreis erhalten.

Immerhin hatte der Professor aus Chicago ein volkswirtschaftliches Dogma geprägt: die Hypothese der effizienten Märkte, die den Grundstein vieler wirtschaftswissenschaftlicher Modelle bildete. Danach ist der Markt der beste Weg, um Preise zu bilden, denn im Gegensatz zum Menschen handelt er immer rational. Alle Spekulationen, alle Unternehmenszahlen, alles Wissen steckt in den Kursen auf den Finanzmärkten, die sich wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt jeden Tag auf ein neues Gleichgewicht einpendeln.

Doch obwohl manche Ökonomen die These vom unfehlbaren Markt bereits in den 70er-Jahren kritisierten, war die Idee zu einleuchtend, zu leicht nachvollziehbar, als dass einige zweifelnde Wissenschaftler sie aus den Köpfen von Investoren und Händlern hätten vertreiben können. Während sich die Gegenstimmen mehrten, hielten daher viele an der Effizienz des Marktes fest - allen voran Eugene Fama.

Als jedoch die New-Economy-Blase platzte und die US-Immobilienkrise nach dem Konkurs von Lehman Brothers im Herbst 2008 weltweit die Aktienmärkte ins Chaos stürzte, häuften sich die Zweifel an der Rationalität der Märkte. Eugene Famas Hypothese vom effizienten Markt, die Regierungen auf der ganzen Welt als Begründung genommen hatten, um Märkte zu deregulieren, sei nach der Finanzkrise zerrüttet, schreibt der US-Journalist Justin Fox in seinem Buch "The Myth of the Rational Market".

Auch Alan Greenspan, ehemaliger Chef der US-Notenbank und einst Anhänger der Theorie der rationalen Märkte, gestand den Fehler, zu sehr an die Markteffizienz geglaubt zu haben. Im Herbst 2008 saß Greenspan in einer Anhörung des US-Repräsentantenhauses. Der Vorsitzende des Komitees, Henry Waxman, versuchte zu klären, was in den vergangenen Jahren auf den Finanzmärkten schiefgelaufen war. "Sie fanden heraus, dass Ihre Sicht der Dinge, Ihre Ideologie, nicht richtig war", sagte Waxman an Greenspan gewandt. "Precisely", bestätigte dieser sichtlich geknickt.

Als wichtigster Zentralbanker der Welt hatte er vermutlich den größten Schaden angerichtet, der sich auf die Idee vom effizienten Markt zurückführen lässt. Noch bevor die Immobilienblase in den USA platzte, sah Greenspan, dass sich der Markt überhitzt hatte. Doch er wollte die Spekulationen nicht durch höhere Zinsen bremsen. Seine Begründung: Niemand könne den Markt beeinflussen - auch nicht die Zentralbank.

Dabei fühlte sich Greenspan in guter Gesellschaft. Seitdem der schottische Ökonom Adam Smith im 18. Jahrhundert seine Idee der unsichtbaren Hand, die Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringe, entwickelt hatte, waren Generationen von Ökonomen von diesem Gedanken fasziniert. Doch keiner mathematischen Formel, keinem volkswirtschaftlichen Modell gelang es, die Kurse von morgen zu bestimmen. In den 50er-Jahren kamen Wirtschaftswissenschaftler schließlich zu dem Schluss, dass sich Preise nicht voraussagen ließen.

Die Theorie des rationalen Marktes entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg parallel zur Ideologie des freien Marktes - allerdings nicht wie diese als politische Bewegung, sondern vor allem in der Wissenschaft. An der University of Chicago lehrte in dieser Zeit Milton Friedman, dass der Markt die Informationen der Wirtschaft besser verarbeitet als jede Regierung. Beeinflusst von Friedmans Ideen beobachtete der junge Fama die Preisbildung auf dem Aktienmarkt und folgerte, dass die Börse nicht nur die besten Entscheidungen treffe, sondern auch den tatsächlichen Preis einer Aktie bestimme.

Kommentare (7)

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Graue Eminenz

16.01.2010, 18:46 Uhr

Leider ist die Chicagoer Schule eine Verkennung der modernen Markttheorie (von Mises, Hayek).
Maerkte sind nie "rational" in DEM Sinne, dass sie FUER ALLE ZEiTEN die besten Loesungen schaffen.
Ein sicher nicht widersprochenes beispiel:
wenn MORGEN ein billiger Ersatzstoff fuer Erdoel gefunden wuerde, waeren alle Preise von HEUTE Makulatur.
billionen-investitionen wuerden abgewertet etc.
Genauso ist es aber auch, wenn eine Zentralbank billiges Geld zur Verfuegung stellt ... solange der boom anhaelt werden den Unternehmen falsche "optimale" Finanzierungsstrukturen suggeriert, gegen die sie sich nur um den Preis des "Nichtinvestierens" schuetzen koennten.
Von daher ist efficient market theory etwa so einschlaegig zur Erklaerung von Fehlentscheidungen wie die Fussball-Abseitsregel zur Verbesserung des Golf-Handicaps ...

k.-h.

16.01.2010, 20:14 Uhr

Es gibt kaum wirklichen Widerspruch zu Chicago, allenfalls vermeidbare Mißverständnisse, die man den old boys nicht anhängen kann. Natürlich funktioniert der Markt nur dann effezient, wenn man ihn machen läßt. Das geschah unter Greenspan gerade nicht, der die politisch erwünschte Niedrigzinspolitik zu lange fortführte, anstatt angemessene Rahmenbedingungen für das Funktionieren des Marktes zu gewährleisten. Daß man ihn bei den Anhörungen so gut davonkommen ließ, lag vornehmlich daran, daß man entweder nicht wußte oder wollte. Die weiteren staatlichen Eingriffe wirkten natürlich negativ. Da der Markt immer nur jetzt ist, kann er auch nur Lösungen für den Moment bieten, das aber schon seit seiner Existenz - sofern nicht wieder irgendwelche Leute ihm laienhaft ins Geschäft fummeln, was leider zunimmt.

flow

16.01.2010, 21:23 Uhr

Wenn der Markt manipuliert wird, dann sind doch blasen und Krisen vorprogrammiert. Warum fummelt man an den Leitzinden rum? Eine Zentralbank hat die absolute Macht alle Märkte zu beeinflussen und diese entw. abzuwürgen oder wiederzubeleben. Gesetze werden erlassen um Spekulationen anzukurbeln. Regulierungen werden dafür immer mehr abgeschafft...

Trotz den Markt-Manipulationen wird der Markt langfristig alles in einem Gewitter bereinigen und langfristig werden die Preise dahin kommen wo die hingehören.

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