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04.01.2010

15:48 Uhr

Finanzkrise

Ökonomen huldigen Propheten des Untergangs

VonHans Christian Müller

Bei Fans besaß er Kultstatus, von den Anhängern der vorherrschenden Lehre wurde er ignoriert. Hyman Minsky war mit seinen Thesen stets ein Außenseiter unter den Ökonomen. Doch die Finanzkrise hat ihn posthum zum Star gemacht. Heute sind seine ab Mitte der 70er Jahre aus der Mode gekommenen Forderungen wieder en vogue.

Erst seit der verheerenden Wirtschaftskrise sind die Thesen des verstorbenen Querdenkers Hyman Minsky unter Ökonomen akzeptiert. Metropolis-Verlag für Ökonomie

Erst seit der verheerenden Wirtschaftskrise sind die Thesen des verstorbenen Querdenkers Hyman Minsky unter Ökonomen akzeptiert.

DÜSSELDORF. Manchmal wirken Volkswirte wie Gläubige, die auf das Paradies warten. Dort, im heiß ersehnten Land, wächst die Wirtschaft ruhig und gleichmäßig, es gibt keine Arbeitslosigkeit und keine Krisen, nichts stört die Stabilität des glücklichen Gleichgewichts. Davon jedenfalls künden die meisten mathematischen Modelle, mit denen Ökonomen heutzutage ihre Volkswirtschaften analysieren.

Doch es gibt auch Ketzer, die nicht an das Paradies glauben. Einer davon war Hyman Minsky, ein wissenschaftlicher Querkopf, der bis 1990 an der Washington University in St. Louis lehrte und sechs Jahre später im Alter von 77 starb.

"Die Stabilität ist instabil", war sein wichtigster Leitsatz, der heute als "Minsky-Paradox" bekannt ist. Auf- und Abschwünge waren für Minsky daher notwendige Bestandteile des Kapitalismus, an Gleichgewichtstheorien glaubte er nicht. Schuld an der Instabilität war seiner Meinung nach die Leichtgläubigkeit der Menschen: Längere Erfolgsphasen würden uns dazu verleiten, die Gefahr eines Misserfolgs zu unterschätzen, zu große Risiken einzugehen und somit wieder Krisen zu erzeugen, argumentierte er.

Heute ist für viele Beobachter klar: Genauso hat sich die aktuelle Finanzkrise abgespielt. "Minsky war prophetisch", sagt der amerikanische Publizist und langjährige Wirtschaftskolumnist der "Washington Post", Robert Kuttner. "Seine Analyse der Verwundbarkeit der Finanzmärkte war viel treffender als die Theorien all derer, die Marktversagen für eine seltene Ausnahme halten."

Jeder Boom ist der Anfang der nächsten Krise

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor zwei Jahren gibt es einen nie dagewesenen Minsky-Hype in der Ökonomie. Denn auch wenn der kauzige Professor Zeit seines Lebens bei einer stattlichen Zahl von Fans Kultstatus besaß - von den Anhängern der vorherrschenden Lehre wurde er stets ignoriert. Heute ist das anders: Forscher, Banker und Journalisten haben seine angestaubten Bücher aus dem Regal geholt und bejubeln ihn als intellektuellen Sieger der Finanzkrise. "Minskys große Leistung ist, dass er die Psychologie zurück auf die Tagesordnung gebracht hat", sagt etwa Thomas Mayer, der neue Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Immer wieder hatte Minsky in seinen Texten dargelegt, wie typische Finanzkrisen seiner Meinung nach verlaufen. Den Kern des Übels sah er in der zunehmenden Überschuldung der Privatwirtschaft während langer Boomphasen.

Kommentare (3)

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Hermann H.

22.12.2009, 17:19 Uhr

Ein Schuh wird draus, wenn man erkennt, dass Minskis Recht hat, die Apologeten des Marktes jedoch auch.

Das Geheimnis liegt darin, das nicht der Markt, sondern Menschen versagen.
Da der Markt, insbesondere die Marktregeln von Menschen beeinflusst und gestaltet werden, die im Laufe der Zeit nicht wirklich neutral sind oder sein können, erodieren die Marktregeln und befördern Ungleichgewichte unter denen die verbogenen Märkte kollabieren.
Politisch ist das weniger ein Versagen der Marktbefürworter, als vielmehr der Politiker, die nicht in der Lage waren den Unterschied zwischen marktverwerfenden Massnahmen und marktbefördernden Massnahmen erkennen.
Moderne Ökonomie hat sich durchaus damit beschäftigt, wann Märkte stabil sind. Deregulierung und Subventionsabbau sind als wichtige Elemente fairen Wettbewerbs auch gefordert worden.
Man mussaber umgekehrt die Frage stellen, ist in irgend einem industrieland wirklich allgemein und gleichmäßig dereguliert worden mit dem Ziel der Waffengleichheit unter den Konkurrenten?
Das kann man eindeutig verneinen, die Ursachen dafür liegen in den Aussagen Minskis, aber weniger weil Märkte und Marktteilnehmer dazu zwingend tendieren, als vielmehr ihre Kontrolleure.

H.

WS

22.12.2009, 19:36 Uhr

aus dem Artikel:
... Von den Regulierungsbehörden fordert er, einfach per Gesetz Obergrenzen für den Verschuldungsgrad festzulegen.
Vehement forderte Minsky genau das, was ab Mitte der 70er-Jahre völlig aus der Mode gekommen war: "big Government", also einen starken Staat...

ich wüsste mal ganz gerne, warum eine vernünftiges Regelwerk "big Government bedeutet? Oder möchte der Autor des Artikels auf besonders elegante Weise demonstrieren, dass er von Volkswirtschaft soviel Ahnung hat, wie der blinde von der Farbe.
Solange selbst im Handelsblatt so ein Mist geschrieben und damit bereitwillig Stimmung für eine Minderheit von Hardcorekapitalisten gemacht wird werden wir es nicht erleben, dass längst überfällige Regeln eingeführt werden.
Und eine der wesentlichen Ursachen für die ganze Misere sind Journalisten, die nicht wissen, über was und was genau sie schreiben ...

asiaexpert

22.12.2009, 21:16 Uhr

Die große Wirtschaft funktioniert wie die kleine, die sogenannte Ehe. Am Anfang ist man misstrauisch, dann verliebt man sich weil alles passt und wenn man heiratet gibt man sich blindlings allem hin.
Der Anfang vom Ende... , zum Glück aber nicht überall. Leider ist es heute in der so vernetzten globalisierten Wirtschaft nicht so. Schon im Jahr 2000 hätte man am "Neuen Markt" sehen können, wie bilanzen einfach gefälscht wurden. Und beim Geld hört jede Freundschaft irgendwann auf. So schade wie es ist, aber solange man Geld hat, hat man Freunde, wird es knapp und man geizt sieht es schon anders aus. Eben genauso wie in der großen Wirtschaft. Ob man dafür extra studieren muss? Soweit stimme ich diesen Theorien zu. So bald man kein wachsames Auge hat, schwanken die Dinge aus dem Rahmen. Völlige Gleichgewichte wird es nie geben (außer in berechneten Modellen), denn dazu ist alles viel zu komplex. Man sollte immer zu einen gewissen Grad unrationales Handeln einkalkulieren. Das nennt man das Leben. Und nach jeder Krise besteht ein Neubeginn, welcher oftmals besser war als altes fortzuführen und somit neue Wege beschritten wurden, welche sonst nie eingeschlagen worden wären. Und mal soviel, jede Krise hat meist auch einen wichtigen Anlass. Sie kommen nicht von allein. Revolutionen, die z.b. in Frankreich, haben eindrucksvoll gezeigt, dass es der Mehrheit der bevölkerung genutzt hat. Wie sagt man so schön, heute geht die Sonne unter aber morgen scheint sie wieder.

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