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04.01.2010

10:09 Uhr

Finanzkrise

Weltwirtschaft war viel dichter am Abgrund als gedacht

VonOlaf Storbeck

Die Weltwirtschaft stand nach der Lehman-Pleite viel dichter vor einer zweiten Großen Depression als bisher angenommen. Das zeigt eine neue Studie. Bislang war der Vergleich zu 1929 unter vielen Ökonomen ein Tabu.

Arbeitslose warten 1929 während der Großen Depression vor einer Suppenküche auf eine freie Mahlzeit. Quelle: ap

Arbeitslose warten 1929 während der Großen Depression vor einer Suppenküche auf eine freie Mahlzeit.

LONDON. Es war ein monumentaler historischer Vergleich. So verwegen, dass sich viele Ökonomen vor einem Jahr kaum trauten, ihn laut auszusprechen: Die Wirtschaftskrise, die im Herbst 2008 nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers massiv an Schärfe gewonnen hatte, könnte sich im schlimmsten Fall zu einer zweiten Großen Depression ausweiten. Einer der ersten, der es wagte, diese Parallele zu ziehen, war IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard: Es bestehe die akute Gefahr einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale aus Deflation, steigenden Schulden und neuen Problemen im Finanzsektor, warnte er Anfang Januar 2009. Das Risiko sei zwar klein, aber im höchsten Maße gefährlich, sagte Blanchard.

Heute ist klar: Wahrscheinlich war das sogar noch deutlich untertrieben. Die Parallelen zur ersten Weltwirtschaftskrise waren weit größer, als es zu Jahresbeginn den Anschein hatte. Zu diesem Ergebnis kommt ein fünfköpfiges Forscherteam des Dubliner Trinity College und der US-Elite-Universtität Berkeley in einer neuen Studie. In einigen Bereichen war der Absturz sogar schlimmer als nach 1929. Nur der aggressiven Geld- und Fiskalpolitik ist es zu verdanken, dass uns anders als vor 80 Jahren die totale ökonomische Kernschmelze erspart geblieben ist. „Aus globaler Perspektive betrachtet hat die derzeitige Krise die Dimension einer Depression“, lautet das Fazit.

Wie dramatisch die Situation war, zeigt ein Blick auf die Aktienmärkte. In den ersten zehn Monaten nach Beginn der Talfahrt halbierten sich die Kurse an den Weltbörsen. In der Großen Depression lag das Minus im gleichen Zeitraum nur bei rund zehn Prozent. Selbst die Börsenrally, die im März 2009 einsetzte, erscheint im historischen Vergleich moderat – sie hat das Ausmaß der Kursverluste auf ein Niveau reduziert, wie es zu einem vergleichbaren Zeitpunkt in der Großen Rezession vorherrschte.

Auch der Kollaps des Welthandels war schlimmer als 1929/30. In der Großen Depression ist der Welthandel in den ersten zwölf Monaten nach Beginn der Talfahrt im Juni 1929 um rund zehn Prozent eingebrochen – diesmal war der Absturz rund doppelt so groß. Immerhin: Seit dem Frühjahr 2009 hat sich der Welthandel stabilisiert, im Sommer ist er sogar wieder etwas gewachsen. Noch immer ist das prozentuale Minus aber deutlich größer als zum gleichen Zeitpunkt in der Großen Depression.

Kommentare (11)

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Max

21.12.2009, 19:16 Uhr

Die Weltwirtschaft war dicht am Abgrund.....und 2010 brökelt die Kante wieder ab.....
Der Sturtz kommt...und wird wieder ein Stück weiter hinausgeschoben mit noch mehr Fiat Money.
bretton Woods ii wird kommen - mit Wolfram Goldbarren zur Absicherung.
Das echte Gold ist mittlerweile bei der superreichen "Elite" gelandet.
Es werden umwälzende Dinge geschehen.
Uns wird die Rolle von Sklaven zugedacht.
Frohe Weihnachten

Siggi40

21.12.2009, 21:31 Uhr

Weltwirtschaft war viel dichter am Abgrund als gedacht. Ein toller Kommentar von Herrn Storbeck. Nur mit dem Wort „war“ anstatt „ist“ bin ich nicht einverstanden.
Durch die gigantischen bankenrettungs- und Konjunkturprogramme hat man die Krise nicht nur um 2 – 3 Jahren verschoben, sondern sie noch weiter verschärft.
Hätte Herr Storbeck die bisherigen offiziellen, aber auch inoffiziellen Hilfen addiert, dann könnte sich der Leser selbst einen kleinen Überblick über den Fortgang der Krise verschaffen, die in ihrer Dimension um ein mehrfaches größer ist als die Krise Ende der 20er. Dass sich die Krise sogar erst am Anfang befindet, verdeutlichen die gigantischen Staatsverschuldungen. Die der USA liegt lt. unabhängigen Experten schon bei über 50 bio. Dollar. Und gerade dort sind alle Rettungspakete fast wirkungslos verpufft. Die USA haben in den letzten 20 Jahren die Weltwirtschaft am Laufen gehalten. Ein Großteil des Konsums wurde auf Kredit finanziert. Jetzt hat es sich ausgepumpt und die bürger stehen vor gigantischen Schuldenbergen von ca. 2,5 bio. Dollar bei Kreditkarten- und Kleinkrediten. Eine immer höhere Arbeitslosigkeit lässt auch an der Rückführung dieser, im Gesamtbild gesehen, sehr kleinen Schuldenberge zweifeln. Die Realwirtschaft befindet sich auf dem Stand derer der DDR anno 1989.
Es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich die größte Volkswirtschaft der Welt wieder erholen wird, wenn überhaupt. bei vielen anderen Länder könnte man zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen. immer mehr Länder werden zahlungsunfähig.
Die Weltwirtschaft ist viel dichter am Abgrund als viele glauben wollen.

Siggi40

21.12.2009, 21:49 Uhr

Die deutsche Lehman-Lüge. Der Fall der Lehman-bank hat Kapital und Vertrauen vernichtet. Sagen deutsche Politiker und bankchefs. Das ist die Unwahrheit - und sie wissen es. Die Pleite am 15. September 2008 war nicht der Auslöser der Entwicklung. Die Finanzhäuser hierzulande gerieten schon Jahre zuvor in Schieflage. Lehman verschwand später. Leider ist die Grafik dazu im internet nicht mehr auffindbar. Habe sie aber bereits in meine Homepage unter der Rubrik „Geld“ eingebaut.
Das Hauptproblem der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise, ist der ca. 1600 billionen Dollar
große Derivatemarkt, der noch in unzähligen Kellern von banken schlummert und erst ein kleiner Teil davon ans Tageslicht kam, weil sie fast alle außerbilanziell gehandelt wurden. Und schon da standen und stehen die banken schon vor dem Kollaps. Lustig wird es dann, wenn die banken die Hunderte von Milliarden Euro, bzw. 1,5 bio. Dollar an die Zentralbanken zurückzahlen müssen, die bisher ganz schamlos an der börse verzockt wurden. Oder, wie es vor ein paar Tagen schon ein Forist hier beschrieben hat, wenn die Zinsen nur um 2 oder 3 Prozent steigen, sind die meisten Staaten sofort zahlungsunfähig. Die Wahl der Qual. Der erträumte Aufschwung – eine Fata Morgana..

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