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08.03.2011

11:24 Uhr

Finanzmarkt

Warum Analystenprognosen nichts taugen

VonJohannes Pennekamp

Vorhersagen von Finanzanalysten sagen viel mehr über die Gegenwart als über die Zukunft aus. Eine aktuelle Studie stellt Prognostikern ein Armutszeugnis aus.

Anzeigetafel der Deutschen Boerse. Alle Versuche, die zukünftigen Kursverläufe vorherzusagen, sind zum Scheitern verurteilt. Quelle: dapd

Anzeigetafel der Deutschen Boerse. Alle Versuche, die zukünftigen Kursverläufe vorherzusagen, sind zum Scheitern verurteilt.

DüsseldorfWürden Sie eine Wettervorhersage ernst nehmen, die in Wirklichkeit nur über das aktuelle Wetter informiert? Ein Meteorologe, der bei Sonnenschein warmes Wetter ankündigt und der, sobald die ersten Tropfen fallen, vor Regen warnt, müsste sich relativ schnell einen neuen Job suchen.

Finanzanalysten haben es da besser - ihnen lässt man diese Art von Prognosen durchgehen, zeigt eine neue Studie eines Forscherteams um den Wolfsburger Ökonomen Markus Spiwoks.
Die Wissenschaftler haben 160000 Zinsprognosen aus 1182 Vorhersage-Zeitreihen unter die Lupe genommen. Das ernüchternde Ergebnis der Studie mit dem Titel "Trapped in the Here and Now - New Insights into Financial Market Analyst Behavior": 98,5 Prozent der Voraussagen orientieren sich stärker an tagesaktuellen Entwicklungen als an künftigen Markttrends.

Diese empirischen Erkenntnisse sind für Praktiker von immenser Bedeutung. Denn Vorhersagen über die künftige Zinsentwicklung können ein wichtiger Anhaltspunkt bei Investitions- und Anlageentscheidungen sein - vorausgesetzt, sie stimmen.
Spiwoks und seine Mitstreiter enttarnen die Finanzanalysten jedoch flächendeckend als Möchtegern-Propheten. Die Forscher analysierten kurzfristige Zinsprognosen und langfristige Vorhersagen zu Umlaufrenditen von Staatsanleihen, die seit dem Jahr 1989 im Fachmagazin "Consensus Forecasts" veröffentlicht wurden.

Bei allen 37 Banken und Forschungseinrichtungen, die dort publizieren, sei das Kleben an aktuellen, statt an künftigen Entwicklungen ein "wiederkehrender Befund", schreiben die Autoren. In keinem der zwölf untersuchten Industrieländer gibt es größere Ausreißer nach oben, was die Qualität der Prognosen angeht.

Dass Vorhersagen von Analysten oft besser zur Gegenwart als zur Zukunft passen, ist Finanzmarktforschern schon Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal aufgefallen. Doch noch nie haben Wissenschaftler diese Analyseschwäche mit so umfangreichen und länderübergreifenden Daten nachgewiesen wie in der neuen Studie von Spiwoks und Co.

So zeigt zum Beispiel der Vergleich der tatsächlichen Entwicklung der Renditen deutscher Staatsanleihen seit 1989 und der Prognosen der Analysten, dass beide Zeitreihen nahezu parallel verlaufen.
Statt einen Blick in die Zukunft zu werfen, erweisen sich die Vorhersagen als "eine verspätete Reflektion aktueller Veränderungen", wie die Forscher es in der Studie betonen. Sobald die Zinsen fallen, korrigieren die Experten ihre Voraussagen nach unten. Klettern die Zinsen, schlägt sich das verzögert in den Annahmen der Zukunftsdeuter nieder. Kurz: Die Analysten hecheln immer hinterher.

Die Gründe für das Versagen suchen die Wissenschaftler in den Köpfen der Analysten. Die Autoren vermuten, dass unter anderem ein "Herdenverhalten" für die kollektiven Fehlprognosen verantwortlich ist: Weil es für die Analysten besonders einfach ist, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren und nicht über langfristige Trends zu grübeln, wählen sie die einfachste Prognosemöglichkeit.

Da sich die Analysten aneinander orientieren, und niemand mit seinen Vorhersagen aus dem Rahmen fallen will, laufen alle wie in einer Herde in die gleiche, falsche Richtung.

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