Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.01.2011

17:04 Uhr

Folgen der Deregulierung

Die selbst gemachte Krise

VonOlaf Storbeck

Per Gesetz befreite US-Präsident Bill Clinton die US-Banken von ihren lästigen Regulierungsfesseln. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die Deregulierung eine der Kernursachen der Finanzkrise ist. Sie hat die US-Immobilienblase und die folgende Weltrezession erst möglich gemacht haben.

Die selbstgemacht Krise: Inzwischen mehren sich Anzeichen, dass die Deregulierung des Bankensektors entscheidend zur Finanzkrise beigetragen hat. Klaus Meinhardt

Die selbstgemacht Krise: Inzwischen mehren sich Anzeichen, dass die Deregulierung des Bankensektors entscheidend zur Finanzkrise beigetragen hat.

LONDON. Es war ein historischer Augenblick, und Bill Clinton kostete ihn weidlich aus. Als der US-Präsident 1994 das neue Bankengesetz unterzeichnete, hatte er Top-Banker, Lobbyisten und Politiker zu einer Feierstunde in den prunkvollen Festsaal des Finanzministeriums geladen. Mit seiner Unterschrift beerdigte Clinton Gesetze aus den 20er-Jahren, die amerikanischen Banken bei ihren Geschäften Grenzen setzten. "Wir räumen überflüssige, von der Regierung aufgestellte Hürden aus dem Weg", schwärmte der Präsident. "Die neuen Regeln machen uns wirtschaftlich stärker und effizienter, sie sind gut für die Verbraucher", versprach er.

Eineinhalb Jahrzehnte später fällt die Bilanz anders aus. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die Deregulierung der Finanzmärkte in den 80er- und 90er-Jahren eine der Kernursachen der Finanzkrise ist. Die exzessive Kreditvergabe in den USA, die Immobilienblase und der Beinahe-Zusammenbruch des gesamten Finanz-sektors im Herbst 2008 - all das hätte es ohne den Rückzug des Staates aus der Bankenbranche so wohl nicht gegeben. "Der Druck in Richtung einer bestimmten Form von Deregulierung war eine Triebfeder für die Finanzkrise", sagte Daron Acemoglu, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf der Jahrestagung der American Economic Association Anfang Januar in Denver.

Reformen gingen nach hinten los

Einen empirischen Beleg dafür liefern die Ökonomen Giovanni Favara vom Internationalen Währungsfonds und Jean Imbs von der Paris School of Economics. In einer Studie mit dem Titel "Credit Supply and the Price of Housing" zeigen die Forscher: Bill Clintons Bankenregulierung war ein zentraler Auslöser der Schulden- und Immobilienexzesse in den Vereinigten Staaten. "Die Deregulierung der Banken hat das Angebot an Hypothekenkrediten drastisch erhöht und damit die Hauspreise deutlich in die Höhe getrieben", lautet das Fazit der Forscher. Die Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt gilt als eine der wesentlichen Ursachen für die Wirtschaftskrise.

Favara und Imbs sind nicht die ersten Ökonomen, die einen Zusammenhang zwischen Finanzmarkt-Deregulierung und Wirtschaftskrise nachweisen. So zeigte ein Forscherteam um die Londoner Ökonomin Lucrezia Reichlin im Sommer 2010: Je lascher die staatliche Bankenaufsicht in einem Land war, desto stärker war es von der Finanzkrise betroffen.

Reichlin verglich die Finanzmarkt-Regulierung und das Ausmaß der Krise in 102 Volkswirtschaften und stellte fest: In Volkswirtschaften, in denen sich der Staat wenig in die Bankenlandschaft einmischte, brach die Wirtschaftsleistung in den Jahren 2008 und 2009 deutlich stärker ein. Über die Gründe dafür konnten Reichlin und ihre Koautoren allerdings nur spekulieren. Ihr methodisches Vorgehen ermöglichte keine Rückschlüsse auf die Kausalität. Unregulierte Banken, so vermuteten sie, gingen höhere Risiken ein und machten damit die gesamte Volkswirtschaft instabiler.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

keeper

17.01.2011, 20:39 Uhr

schöner Aufsatz ...

meine Standartfrage bei diesem Punkt:

-> wie hätte sich wohl die Weltwirtschaft entwickelt,
ohne den "immobiliengesicherten-Konsum-auf-Pump" ?

... womit wir dann zur eigentlichen Problematik kommen:
wie soll den zukünftig die Nachfrage finanziert werden?
Mit stetig sinkenden Durchschnittslöhnen?

Selbst wenn man (fälschlicherweise) davon ausgeht daß die Einkommenszuwächse in China, indien und brasilien von der Kaufkraft der etablierten Hauptabnehmer unbeeindruckt bleiben und weiter stetig wachsen:
in absoluten Zahlen kann deren Wachstum den Wegfall des immobiliengesicherten-Konsum-auf-Pump nicht kompensieren.

... und wie nachhaltig der derzeitige "Lückenfüller" in Form von Staatsausgaben-auf-Pump so ist,
sollte bei den derzeitigen Staatsfinanzkrisen auch jedermann klar sein...

Peter Scholz

17.01.2011, 20:54 Uhr

in diesem bericht fehlen neben den hohen Militärausgaben der Einfluß der baulobby und die abflachende Konjunktur durch den bereits gesättigten immobilienmarkt für Einfamilienhäuser.
Und in jede Garage gehörte ein neues Auto.

nik

17.01.2011, 21:07 Uhr

Wenn der Staat kein Geldmonopol hätte, und somit auch nicht die Chance hätte unendlich viel Geld drucken zu können und eine lockere Zinspolitik fahren zu können, DANN hätten wir die Probleme nicht.

Deregulierung und Hilfen feuern die Katastrophe noch mehr an.

Das System an sich ist schlecht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×