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14.01.2010

18:00 Uhr

Fundamentalkritik

Wie die Finanzkrise die VWL auf den Kopf stellt

VonOlaf Storbeck

Auf der weltweit wichtigsten Tagung für Volkswirte haben selbstkritische Ökonomen eine Runderneuerung ihres Fachs gefordert. Nicht ohne Grund: Kaum ein Ökonom hat die Krise kommen sehen, und die gängigen Modelle können das Geschehen weder abbilden noch erklären.

Die zweite Weltwirtschaftskrise hat die Volkswirtschaftslehre in ihren Grundfesten erschüttert. Pressebild

Die zweite Weltwirtschaftskrise hat die Volkswirtschaftslehre in ihren Grundfesten erschüttert.

ATLANTA. Als im Herbst 2008 das weltweite Finanzsystem am Abgrund stand, kamen die Ökonomie-Professoren Paul Krugman und Robin Wells mächtig ins Schwitzen. Denn eine Neuauflage ihres Makroökonomie-Lehrbuchs stand an.

„Wir haben uns unser Kapitel über Geldpolitik und Banken durchgelesen und gemerkt: Nichts davon ist mehr richtig“, erinnert sich Krugman. „Wir haben das Kapitel komplett umgeschrieben“, erzählte Krugman in der vergangenen Woche auf der Jahrestagung der American Economic Association (AEA) in Atlanta, der weltweit wichtigsten Ökonomenkonferenz.

Interview: Nobelpreisträger Krugman will alte VWL-Weisheiten tot sehen

Krugmans Anekdote illustriert, wie sehr die zweite Weltwirtschaftskrise die Volkswirtschaftslehre in ihren Grundfesten erschüttert hat. Zahlreiche, über Jahrzehnte akzeptierte Modelle und Theorien wurden in wenigen Monaten diskreditiert. Kaum ein Ökonom hat die Krise kommen sehen, und die gängigen Modelle können das Geschehen weder abbilden noch erklären.

Viele Modelle und Theorien sind durch die Krise diskreditiert

Die Folge ist eine tiefe Sinnkrise der ökonomischen Profession, die die AEA-Jahrestagung überschattete. „Unsere Welt“, sagte der Princeton-Professor Alan Blinder in Atlanta, „wurde in den vergangenen zwei Jahren komplett umgekrempelt.“

Drei Tage zerbrachen sich in der vergangenen Woche in Atlanta führende Vertreter des Fachs in zahlreichen Diskussionsrunden den Kopf darüber, was die Volkswirtschaftslehre aus der Krise lernen muss. Welche Theorien lassen sich aufrechterhalten, welche müssen verworfen werden? Wie müssen die Modelle der Zukunft aussehen? Wie sollten die Curricula an den Universitäten reformiert werden?

Wie sehr die Finanzkrise die Volkswirte verunsichert, zeigt ein Vergleich mit der AEA-Jahrestagung von vor zwei Jahren in New Orleans. Damals, im Januar 2008, hatte sich das Fach noch in einer Vortragsserie unter dem Titel „Better Living through Economics“ selbst gefeiert. „Moderne wirtschaftswissenschaftliche Forschung hat das Alltagsleben der Menschen in den vergangenen Jahren entscheidend verbessert“, sagte John Siegfried, Professor an der Vanderbildt University in New Orleans. Das Hauptproblem des Faches, so der Tenor im Januar 2008, sei: Ökonomen wüssten ihre zahlreichen Erfolge nicht richtig zu verkaufen.

Heute, gerade einmal 24 Monate später, ist eine Reihe prominenter Volkswirte überzeugt: Ihr Fach hat weit mehr als ein PR-Problem – es leidet unter fundamentalen Schwächen. Die moderne Makroökonomie müsse sich inhaltlich wie methodisch komplett neu erfinden – und deutlich näher an die Realität heranrücken, waren viele Forscher in Atlanta überzeugt. Besonders in der Kritik stehen die bisher üblichen Postulate, dass Finanzmärkte Informationen effizient verarbeiten, dass Menschen rational ihre Erwartungen bilden und dass die Marktwirtschaft einen inhärenten Hang zu Stabilität hat.

Kommentare (9)

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AndreAdrian

11.01.2010, 23:17 Uhr

"von der Grundannahme ausgehen, dass nichts funktioniert" - Willkommen in der Realität, liebe Ökonomen. in der Technik bemüht man sich schon lange um Systeme die Stabilität eingebaut haben. So soll ein Auto geradeaus fahren wenn niemand am Lenkrad dreht. Dafür sorgt nicht der liebe Gott oder die unsichtbare Hand des Marktes sondern ein Schrägstand der Räder welcher den benzinverbrauch steigert. Was will ich damit sagen? Damit die Wirtschaft auf gerader, sinnvoller, Spur läuft ist ein gewisser Resourcenverbrauch zur Aufrechterhaltung der Stabilität nötig. Total freie Märkte sind wilde, unbeherrschbare Märkte. Wie gut das Ökonomen keine Autos bauen...
- Ein ingenieur.

Viola Krynski

15.01.2010, 13:24 Uhr

irrationales Marktverhalten
Mit wachsendem Grad ihrer Sättigung nimmt das irrationale Agieren der Märkte und der Marktteilnehmer zu und die echten bedürfnisse nehmen ab. Mit wachsendem Überfluß setzt der existenzsichernde Verstand aus. An die Stelle der nützlich-notwendigen Arbeit tritt eine Ersatzbefriedigung in Form von unnötigen „Arbeitsersatzmaßnahmen“ jeglicher Art. Es werden zunehmend Gegenstände hergestellt oder Dienstleistungen angeboten, die niemand tatsächlich braucht, sondern deren bedarf nur durch Werbung suggeriert wird. So entstehen falsche bedürfnisse und damit falsche Wertvorstellungen, die dieses irrationale Marktverhalten bewirken. Das ist der natürliche Entwicklungsprozeß von der Dampfmaschine zum Computer, vor dessen heutigen Auswirkungen die Volkswirte vor 200 Jahren nicht standen.

Sebastian

15.01.2010, 14:43 Uhr

"Modelle, die die bedeutung von banken und Krediten befriedigend erfassen, gebe es bislang nicht."
Naja, die Aussage kann man getrost in den Skat drücken. Erstens, weil man diese behauptung kaum beweisen kann, da man ja nicht alle möglichen Modelle kennen kann. Zweitens, mindestens eine Person hat sich damit schon beschäftigt: Neue Wirtschaftspolitik: "Was Europa aus Japans Fehlern lernen kann" (Werner). Sehr lesenswert...

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