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11.04.2011

00:00 Uhr

Globalisierung

Wie der Welthandel die Bisons ausrottete

VonOlaf Storbeck , Olaf Storbeck

Wie frei sollen Märkte sein, wie viel staatliche Regulierung ist nötig? Die Ausrottung der Bisons in Nordamerika ab 1870 zeigt: Der ungezügelte Kapitalismus richtet massiven Schaden an.

Amerikanisches Bison: Ausgerottet in weniger als 20 Jahren. (Quelle: Wikimedia)

Amerikanisches Bison: Ausgerottet in weniger als 20 Jahren. (Quelle: Wikimedia)

London.Nie zuvor in der Geschichte haben Menschen in so kurzer Zeit so viel Natur vernichtet. In gerade mal 15 Jahren rotteten Jäger die gewaltigen Bisonherden Nordamerikas aus. Noch 1870 gab es in der Prärie zehn bis 15 Millionen wilde Bisons. Knapp zwei Jahrzehnte später waren es weniger als 100 Tiere.

Seit mehr als 100 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler mit den Gründen für diese Katastrophe. In der Regel haben sie die US-Armee, das Versagen der Regierung in Washington und den Siegeszug der Eisenbahn dafür verantwortlich gemacht. Doch all diese Erklärungen greifen zu kurz - zu diesem Schluss kommt der Ökonom M. Scott Taylor (University of Calgary) in einer neuen Studie. Demnach wurden die Bisons Opfer von technischem Fortschritt, Globalisierung und ungezügeltem Kapitalismus, lautet das Fazit der Arbeit "Bufallo Hunt: International Trade and the Virtual Extinction of the North American Bison", die demnächst im "American Economic Review" erscheint, einer der angesehenstens und anspruchvollsten ökonomischen Fachzeitschriften der Welt.

Denn es war die Nachfrage nach Bisonleder in Europa, die die Jäger reich machte und die den Tieren zum Verhängnis wurde. Das hochwertige Fleisch ließen Amerikaner in der Prärie verrotten.

Grundlage von Taylors Arbeit ist eine akribische Recherche in zahlreichen Archiven in den USA und Europa. Der Forscher wertete unter anderem Außenhandelsstatistiken aus und studierte Einfuhrprotokolle europäischer Überseehäfen.

Seine Analyse zeigt, dass die USA einen Großteil der Bisonhäute ins Ausland verkauften. Zwischen 1871 und 1886 wurden rund fünf Millionen Bisonfelle exportiert. Das ist das Ergebnis seiner aufwendigen Schätzungen. Benutzt wurde das Leder vor allem für Schuhe und Schuhsohlen sowie als Antriebsriemen für Maschinen.

Voraussetzung dafür, dass die Häute der Tiere zum Exportschlager wurden, war allerdings eine technische Innovation: ein neues Gerbverfahren. Bis dahin galten die zähen Häute der imposanten Tiere als wertlos. Bisons wurden daher fast ausschließlich wegen ihres Fleisches gejagt. Allerdings gab es im 19. Jahrhundert keine Möglichkeit, das Fleisch lange zu kühlen, um es über große Distanzen zu transportieren und länger zu lagern. Der Markt für Bisonfleisch war daher regional begrenzt, und im Sommer lohnte sich die Jagd wegen der großen Hitze gar nicht. Daher dauerte es mehr als 100 Jahre, bis der Mensch die Bisons östlich des Mississippi vertrieben hatte.

Diese Entwicklung beschleunigte sich drastisch, als deutsche und englische Gerber um 1870 eine Methode fanden, mit dem sie auch aus Bisonhaut geschmeidiges Leder herstellen konnten. Über Nacht entstand ein Weltmarkt für Bisonhäute, und das schnelle Geld lockte viele neue Jäger an.

Fatal für die Bisons war vor allem ein Faktor: Trotz des massenhaften Angebots gab der Weltmarktpreis für Leder nicht nach. Bisonleder konkurrierte direkt mit Rindsleder und hatte auch in Boomzeiten nur einen globalen Marktanteil von drei bis vier Prozent - zu wenig, um den weltweiten Preis zu beeinflussen.

Die Bisonjäger verdienten daher gut, das massenhafte Abschlachten der Tiere ging weiter. Und die US-Regierung schaute tatenlos zu. Anders als bei der Robbenjagd in Alaska, die schon damals reguliert war, überließ sie die Bisons ihrem Schicksal. Erst später schuf der Staat Schutzgebiete wie Yellowstone und reglementierte die Jagd.

Die Geschichte hat eine wichtige Botschaft für die Gegenwart. "In Entwicklungsländern Wachstum vor Umweltschutz zu stellen kann eine riskante Sache sein", schreibt Taylor. "Der Weltmarkt und die Nachfrage aus reichen Ländern können in wenigen Jahren Ressourcen zerstören, die sonst für Jahrzehnte gereicht hätten.".

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