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27.10.2012

14:37 Uhr

Hans-Jörg Bullinger

„Deutschland fehlt die Dynamik“

VonBarbara Gillmann

Der Ex-Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft wirft der deutschen Forschung mangelnde Dynamik vor. Sie müsse sich dem internationalen Leistungsdruck stellen – und dort forschen, wo deutsche Firmen produzieren.

Bis September war Hans-Jörg Bullinger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. dpa

Bis September war Hans-Jörg Bullinger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

Herr Bullinger, Sie haben zehn Jahre den wichtigste Forschungspartner der deutschen Wirtschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft geleitet. Wo stehen Sie heute?
Viele Länder beneiden uns. Selbst Präsident Obama steckt nun eine Milliarde Dollar in die Produktionsforschung – nach dem Vorbild von Fraunhofer. Auch in Frankreich werden solche Institute eingerichtet. Wir sind die am schnellsten wachsende Forschungsorganisation: In einem Jahrzehnt haben wir das Personal auf 20 000 Leute und den Umsatz auf knapp zwei Milliarden Euro verdoppelt. Selbst in der Krise 2008/09 haben wir 3000 Forscher eingestellt. Wir erwirtschaften zwei Drittel durch Fremdaufträge: der Bedarf der Wirtschaft ist ungebrochen.

Und nun?
...müssen wir unter anderem an der besseren Verwertung unserer Patente und Lizenzen arbeiten. Und uns schnell international aufstellen. Wir sind zwar seit 17 Jahren in USA aktiv und forschen dort für deutsche und amerikanische Unternehmen, aber das ist nur ein Anfang.

Vita

Leitung der Fraunhofer-Gesellschaft

Hans-Jörg Bullinger (68) ist einer der wichtigsten Wissenschaftsmanager Deutschlands. Er leitete die Fraunhofer-Gesellschaft zehn Jahre lang. Begonnen hat er nach der Mittelschule bei Daimler als Schlosser-Lehrling, schloss dann ein Maschinenbau-Studium bis zur Habilitation an. 1981 wurde er Leiter des neuen Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart, 1982 Professor für Arbeitswissenschaft an der Universität Stuttgart.

Technologiemanagement

1991 übernahm Bullinger außerdem die Leitung des an der Uni Stuttgart neu eingerichteten Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement IAT. Damit entstand der größte deutsche Institutsverbund. Bullinger richtete u.a. den in Deutschland einmaligen Studiengang Technologiemanagement ein.

Beratung im Kanzleramt

2002 wurde Bullinger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Immer wieder warnte er Wirtschaft und Forschung vor falscher Selbstzufriedenheit. Als Berater der Kanzler Gerhard Schröder und Angela Merkel drängte er auf mehr Geld für die Forschung und die Exzellenzinitiative. Ende September endete seine Präsidentschaft aus Altersgründen, Nachfolger ist Reimund Neugebauer.

Zur Fraunhofer-Gesellschaft

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist nach dem Massachusetts Institute of Technology die weltweit zweitgrößte Einrichtung der angewandten Forschung und in Deutschland der wichtigste Partner der Wirtschaft. Aktuell arbeiten an 80 Instituten mehr als 20 000 Mitarbeiter, die jährlich für rund 1,8 Mrd. Euro forschen. Mehrb als zwei Drittel des Budgets erwirtschaftet die FhG selbst, der Rest ist staatliche Grundfinanzierung.

Sie verdienen jeden fünften Euro im Ausland – gemessen an anderen Instituten und Unis ist das viel.
Nicht genug. Wenn sich die Wirtschaft globalisiert, ist es naiv zu glauben, die Wissenschaft könne zurückbleiben. Wenn deutsche Unis und Forschungseinrichtungen wirklich so gut sind, wie wir uns dauernd gegenseitig bescheinigen, müssen sie sich fragen, warum niemand weltweit bei ihnen forschen lässt. Konzerne wie Daimler oder Bosch lassen zunehmend im Ausland forschen. Wir müssen über den nationalen Tellerrand hinausblicken und uns dem internationalen Leistungsdruck stellen. Fraunhofer ist dabei, sich in eine europäische Gesellschaft zu wandeln. Unsere Kunden sind international aktiv, also müssen wir es auch sein.

Deutsche Forschung ist teuer…
Wir müssen natürlich raus und dort forschen wo deutsche Firmen produzieren. Wenn wir vor Ort mit Einheimischen zu örtlichen Preisen deutsche Forschungsqualität liefern, sind wir unschlagbar. Das kann auch eine Universität: Die TU München forscht neuerdings in Saudi-Arabien und hat dort sogar einen Auftrag gegen Harvard gewonnen. Damit ist sie aber absoluter Pionier.

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Selbst im deutschsprachigen Raum spielen deutsche BWL-Fakultäten nicht in den höchsten Ligen mit. Gegen Hochschulen aus der Schweiz und aus Österreich haben sie das Nachsehen. Nur bei den Privat-Unis gibt es Lichtblicke.

Jeder für sich allein?
Nein. National müssen wir das Wissenschaftssystem besser vernetzen. Die Probleme werden immer komplexer, da kann keiner mehr Alleinlösungsanspruch erheben. Die Exzellenzinitiative hat segensreich gewirkt, braucht aber eine intelligente Anschlusslösung. Dringend nötig ist auch die blockierte Verfassungsänderung, damit der Bund Unis direkt fördern kann. Und wir brauchen bessere Kriterien, um Forschung zu messen. Für Unis ist noch immer die Zahl der Veröffentlichungen das Nonplusultra. Aber viele Aufsätze werden von den referierten Fachzeitschriften erst Jahre nach Annahme gedruckt – da ist in der Wirtschaft das Produkt längst fertig.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

27.10.2012, 14:53 Uhr

Ich mache mir Sorgen um die USA wenn Obama noch 4 Jahre weiter regiert. Die aktuelle Umwälzung der Welt zu einer "new world order" bringt nur totalitäre Strukturen zu Stande und staatlich abhängige Bevölkerungs-Gruppen (Hartz4, Obama-care usw.). Mit der Freiheit verliert die Welt auch ihren inneren Antriebs-Motor und das ist auch die Schuld von Obama.

Ausserdem hat er das US-defizit von 10 auf 16 trillion-dollar erhöht. In nur 4 Jahren. Das hat auch kein anderer Präsident vor ihm "geschafft".

Mitt Romney wird der bessere Präsident, da bin ich mir sicher. Er wirkt vielleicht etwas "old school" - aber diesen gut bewährten berechenbaren Konservatismus brauchen wir dringend wieder. Die "sozialistischen Geldverschenker" a la Obama haben schon zuviel "Balancen ins Negative" verschoben.

(wohlgemerkt, "trillion-dollar" sind Billionen Dollar in Europa. Die Amerikaner kennen keine Milliarde, da kommt nach "million" gleich "billion")

Fazit: Kommunismus und Planwirtschaft ersticken die Initiative jedes Einzelnen. Alles kommt zum Erliegen. Keiner riskiert mehr etwas oder ergreift Initiative zu Veränderung ... WEIL JA SOWIESO ALLES VON OBEN VERODNET WIRD. Das ist wie Sauerstoff abstellen und mit Narkosegas austauschen. Alles schläft bis zur Verblödung. Das ist das Rezept "Obama" - davon müssen wir wieder weg !

Wie sagen die Amerikaner ? "we are losing the edge !"

schoenberg

27.10.2012, 15:20 Uhr

Sie wollen den alten Konservativismus, der nur WENIGE ganz oben ließ wie BGates, WBuffet und die Rockefeller-Nachkömmlinge usw und die anderen sollen ihre 2-3 Jobs ohne Sozi-Versicherung bis zum Herzinfarkt schieben. Egal, welche gesundheitliche Konstellation gegeben ist.
Natürlich sind die Zahlen horrent. Die alten Modelle passten in die alte Welt aus politisch geteilten "Unterwelten". Sie waren ein Kampf gegeneinander, der mit 1989 aufgelöst wurde. Von den Unteren selbst. Jetzt jammern sie. Ihre Sentimentalität ist berührend aber destruktiv. Man müsste an vielen Ecken anfangen: Nahrungsmittelpreise vom Börsenparkett abziehen um Hungerkatastrophen zu vermeiden; gleichm medizinische Versorgung ohne hohe Kosten - weltweit...aber man denke an Nordkorea...nur Schaumträume..

Charly

27.10.2012, 16:36 Uhr

@SayTheTruth

Sorry, ich will hier keineswegs das Wort für Obama erheben, er hat auch genug Mist gemacht.

Aber das die Wirtschaft in AmiLand nicht anspringt und die Verschuldung steigt ist wie jeder weiss nich seine Schuld.
Es sind die Erblasten dieses texanischen Kuhhirten.

[...]. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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