Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2007

05:40 Uhr

Harald Uhlig geht von Berlin nach Chicago

Berliner Top-Ökonom wandert ab

Harald Uhlig von der Humboldt-Universität wechselt im Herbst zur renommierten University of Chicago.

Die deutsche Volkswirtschaftslehre verliert in diesem Sommer einen weiteren Top-Forscher an das Ausland. Der Berliner Makroökonom Harald Uhlig hat im Januar einen Ruf an die University of Chicago erhalten, den er annehmen will.

„Das ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann“, sagte der Professor der Humboldt-Universität (HU) dem Handelsblatt. „Chicago ist in meinem Fachgebiet weltweit eine der allerersten Adressen.“ Zwar gäbe es noch einige Details, die er mit Chicago diskutieren müsse. „Ich gehe derzeit aber davon aus, dass ich ab Herbst 2007 in Chicago arbeiten werde“, sagte Uhlig.

„Das ist ein schwerer Schlag für die HU Berlin sowie die Wirtschaftswissenschaften in Deutschland insgesamt“, kommentierte der Frankfurter Ökonom Volker Wieland die Nachricht. „Harald Uhlig ist einer unserer führenden Ökonomen und wohl zurzeit der profilierteste Makroökonom in Deutschland.“ Gerade die Makroökonomie sei in der VWL in Deutschland wissenschaftlich eher schwach vertreten.

Der 45-Jährige, der zunächst Mathematik studiert hatte und in den USA in VWL promovierte, ist seit August 2000 in Berlin tätig, nach Stationen in Princeton, Stanford und Tilburg. Mehrere internationale Top-Universitäten hatten ihn in den vergangenen Jahren bereits umworben – unter anderem die London School of Economics sowie die Universitäten von Pennsylvania, Minnesota und Kalifornien in Los Angeles (UCLA).

Schwach wurde der Makroökonom erst bei der Anfrage der University of Chicago. Die volkswirtschaftliche Fakultät der Hochschule gilt als eine der besten der Welt. In einem 2003 im Auftrag der European Economic Association erstellten Rankig lag sie weltweit auf dem zweiten Platz – hinter Harvard, aber vor dem MIT. Die Volkswirte der HU Berlin rangierten im gleichen Ranking auf Platz 79. In Chicago sind unter anderem die Ökonomie-Nobelpreisträger Gary Becker, James Heckman und Robert Lucas tätig.

Die HU Berlin verliert damit einen ihrer forschungsstärksten Volkswirte. Fast 22 Prozent des Forschungsoutputs der Fakultät in den letzten zehn Jahren entfiel auf Uhlig, zeigt das Handelsblatt-Ökonomenranking. „Wir sind alle sehr betroffen“, sagte der HU-Ökonom Michael Burda. „Es wird nicht einfach werden, jemanden von dem Kaliber Harald Uhligs als Nachfolger zu finden.“

Uhlig hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch zu den Arbeitsbedingungen an deutschen Universitäten geäußert. Er kritisierte die Inflexibilität der deutschen Hochschulbürokratie und die hohe Belastung der Forscher mit administrativen Tätigkeiten. „Für Forscher gibt es an deutschen Universitäten eine Menge Schwierigkeiten“, sagte Uhlig. Mit dem Wechseln nach Chicago verbinde er die Hoffnung, „dass ich mich endlich wieder auf das konzentrieren kann, was ich machen möchte: Wissenschaft“. Als deutscher Hochschulprofessor sei man so sehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt, dass für die eigentliche Forschung kaum noch Zeit bleibe. „Meine wissenschaftliche Produktivität ist in Deutschland deutlich gesunken“, berichtet Uhlig.

Der Makroökonom aus Berlin ist nicht der erste Volkswirt, der Deutschland in den letzten Jahren in Richtung Ausland verlassen hat. Vor allem die hiesige Makroökonomie hat zuletzt stark unter der Abwanderung gelitten. Im vergangenen Jahr haben die jungen Top-Ökonomen Dirk Krüger aus Frankfurt und Felix Kübler aus Mannheim dem Land den Rücken gekehrt.

Zahlreiche deutsche Universitäten berichten über erhebliche Probleme, freie Professorenstellen mit international renommierten Wissenschaftlern zu besetzen. Neben der Hochschulbürokratie sind es vor allem die hohen und unflexiblen Lehrverpflichtungen, die deutsche Unis unattraktiv machen. Während Hochschullehrer hier zu Lande je nach Bundesland acht oder neun Stunden pro Semester im Hörsaal stehen, sind es je nach Forschungsleistung in den USA nur halb so viele.

Hinzu kommt, dass gute Wissenschaftler in den USA auch spürbar besser bezahlt werden. Mehr Geld sei für ihn aber auf keinen Fall das ausschlaggebende Argument, betonte Uhlig. Finanziell könnten gute deutsche Hochschulen schon einigermaßen mit US-Angeboten mithalten – zumindest, wenn man die Lebenshaltungskosten berücksichtige.

Immerhin, Volker Wieland kann Uhligs Ruf nach Chicago auch etwas Gutes abgewinnen. „Es macht etwas stolz, wenn ein Kollege nach sechs Jahren Arbeit an einer deutschen Universität – mit allem, was dies an Selbstverwaltung mit sich bringt – das Standing als Forscher hat, um an eine der besten Fakultäten der Welt berufen zu werden.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×