Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.06.2013

06:48 Uhr

Harold James und Max Otte

„Europa sollte zurück in die Zeit vor 1648“

VonJan Mallien, Hans Christian Müller-Dröge

Der Ökonom Max Otte plädiert für einen Schuldenschnitt in Griechenland und sieht die Einführung des Euro als Fehler. Der britische Wirtschaftshistoriker Harold James hält im Gespräch mit Handelsblatt Online dagegen.

Der Wirtschaftshistoriker Harold James (links) ist ein Verfechter des Euro. Der Ökonom Max Otte (rechts) hält die Gemeinschaftswährung hingegen für einen Fehler. Er  plädiert für einen Euro-Austritt Griechenlands. Oliver Schmauch für Handelsblatt

Der Wirtschaftshistoriker Harold James (links) ist ein Verfechter des Euro. Der Ökonom Max Otte (rechts) hält die Gemeinschaftswährung hingegen für einen Fehler. Er plädiert für einen Euro-Austritt Griechenlands.

KölnAuf dem Tisch liegt das Handelsblatt-Interview mit Helmut Schmidt. Harold James schwärmt von Schmidts Rede bei der Abschiedsfeier für EZB-Chef Jean-Claude Trichet. „So vital – und auch in der Botschaft sehr, sehr klar.“ Max Otte schaut seinen Gesprächspartner verschmitzt an: „Klar, aber falsch“, entgegnet er. Schon sind sie in der Diskussion.

Herr James, Herr Otte, die Allianz der Euro-Retter aus IWF, EZB und EU bekommt Risse: Die EU-Kommission will den IWF loswerden. Soll er sich zurückziehen?
James: Unbedingt! So schnell wie möglich.

Warum?

James: Die Euro-Zone als Ganzes hat keine Probleme mit dem Kurs der Währung oder der Zahlungsbilanz. Es geht um ein innereuropäisches Problem, das die Europäer selbst lösen sollten.

Otte: Ich war immer dafür, den IWF einzubeziehen. Er bringt Sachverstand in die Debatte und entpolitisiert sie ein bisschen. Außerdem moderiert er zwischen Frankreich und Deutschland.

James: Inzwischen gibt es eine paradoxe Entwicklung: Der IWF ist in einigen Krisenländern populär geworden, weil er den Schuldenschnitt befürwortet. Das ist ein Novum für den IWF…

So arbeitet die Troika

Regelmäßige Überprüfung

Die Troika ist eine Gruppe von Experten der Europäischen Zentralbank (EZB), der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Seit dem Start des ersten Griechenland-Rettungspakets im Frühjahr 2010 überprüft sie alle drei Monate, ob Athen die Spar- und Reformauflagen erfüllt. Die einzelnen Tranchen der Notkredite geben die Eurozone und der IWF nur frei, wenn ihre Fachleute den griechischen Behörden vorher ein ausreichendes Zeugnis ausstellen und die Schuldentragfähigkeit als gesichert beurteilen.

Enge Zusammenarbeit

Die Experten arbeiten mit der Regierung in Athen beim Erstellen der Sparziele zusammen und geben auch Ratschläge zu ihrer Umsetzung.

Kein Geld ohne Zustimmung

Das Troika-Zeugnis ist für Griechenland von existenzieller Bedeutung.

Die Taskforce

Die Troika ist nicht zu verwechseln mit der sogenannten Taskforce. Diese Arbeitsgruppe der EU war im Sommer 2011 parallel zur Troika eingesetzt worden, um die griechische Konjunktur wiederzubeleben. Sie steht unter der Leitung des Deutschen Horst Reichenbach und soll bei der Umsetzung von Strukturreformen helfen, die die Troika Griechenland verschrieben hat.

Hätte man schon 2010 einen Schuldenerlass für Griechenland machen müssen, wie der IWF inzwischen selbstkritisch einräumt?

James: Nein. Die historische Erfahrung zeigt: Man kann Krisen nicht auf einen Schlag lösen. Schauen Sie nach Lateinamerika. Wenn dort in der Krise 1982 die brasilianischen und mexikanischen Schulden sofort erlassen worden wären, hätte das zum Kollaps des globalen Finanzsystems geführt.

Man darf also nicht zu schnell einen Schuldenschnitt machen?

James: Nein. In Lateinamerika hat man fünf Jahre gewartet. Der Schuldenschnitt kam dann 1987.

Ist die Zeit in Griechenland also bald reif für einen neuen Schnitt?

James: Die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch. Allerdings wäre das kompliziert, denn dieses Mal müssten auch Europas Steuerzahler Verluste tragen.

Otte: Einen Schuldenschnitt brauchen wir auf jeden Fall. Eine weitere Option wäre ein Euro-Austritt von Griechenland.

Kommentare (51)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kraehendienst

24.06.2013, 07:05 Uhr

AUF DEN PUNKT GEBRACHT - "Otte: Die europäische Einigung bleibt eine Elitenveranstaltung. Die derzeitige Politik ist gegen die Bürger gerichtet. Sie werden einfach nicht einbezogen."
WARUM lassen die Bürger es sich gefallen? Die Deutschen jubeln in zunehmend kreditgestützten Konsumeinkäufen. Blickt man in die sagenumwobenen Fussgängerzogen, gaffen 8 von 10 Leuten auf ihr Smartphone. Das Bild kann symptomatisch sein für die heutige Gesellschaft: egal, was um mich herum passiert. - Idiotengesellschaft, wehrunfähig, mainstreamanhängig, folgsam, schweigend, schlafend, notwendigerweise essend, oft döner-mc-co, einfach: hirnfrei.

Account gelöscht!

24.06.2013, 07:08 Uhr

1648 herrschte doch in Mitteleuropa noch die Kleinstaaterei. Da sind wir Deutschen je schon einen gutes Stück in diese Richtung vorangekommen.

kraehendienst

24.06.2013, 07:16 Uhr

"James: Wir müssen über Alternativen zum Konzept der nationalstaatlichen Souveränität nachdenken – ein Konzept, das historisch gesehen ohnehin noch sehr neu ist. Als Startschuss für die Nationalstaaten gilt immer der Westfälische Frieden von 1648. Wir sollten in Europa zurückkehren in die Zeit davor." - Unglaublich! Hier spricht ein Schattenvertreter der Elite in der Öffentlichkeit, was diese als partielles Ziel anstrebt: ENTRECHTUNG der Bürger! Schon jetzt steht auf neuen Pässen nicht mehr "...der Bundesrepublik Deutschland.." sondern "...Der Europäischen Union.." was die Bürger rechtlos und zum Spielzeug macht. Hier wird genau das gefordert und die Leute lassen sich brüstend in mentaler Sonne als Weltbürger blenden! Es ist das gleiche in Grün wie es der Vertreter von JPMorgan und damit direkt einem Teil der Elite letzte Woche sehr besorgt um Europa für diesen alten "Schlafkontinent" einforderte. Sinngemäß brauche Europa ein Modell-Amerika.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×