Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.04.2006

12:44 Uhr

Hohe Tabaksteuern schaden der Gesundheit

Höhere Tabaksteuern schaden der Gesundheit von Rauchern

VonOlaf Storbeck

Für die Weltbank ist die Sache klar: Eine weltweite Erhöhung der Tabaksteuer würde "mindestens zehn Millionen Tabaktote verhindern", heißt es in einer Studie. Auf den ersten Blick scheint der Zusammenhang eindeutig: Nachdem in Deutschland die Tabaksteuer in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen ist, ist der Zigarettenabsatz massiv zurückgegangen - allein 2005 lag das Minus gegenüber dem Vorjahr bei über 14 Prozent. Hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die die Steuererhöhung 2003 gegen kräftige Widerstände durchboxte, Tausenden Deutschen das Leben gerettet?

Wohl kaum - das zumindest lässt sich aus zwei aktuellen ökonomischen Studien zu dem Thema ableiten. Beide Arbeiten kommen zu dem Ergebnis: Der Zusammenhang zwischen Tabaksteuer und Zigarettenkonsum wird überschätzt. Schließlich reagieren viele Raucher mit Ausweichreaktionen auf höhere Tabaksteuern - manche steigen auf billigeren Feinschnitt um, andere auf Schmuggel-Zigaretten.

Und viele Menschen rauchen zwar weniger, dafür aber intensiver. Das haben zwei Ökonomen vom Londoner University College mit einer neuen Methode jetzt erstmals wissenschaftlich nachgewiesen. "Raucher können die Nikotin-Menge, die sie aus einer Zigarette herausholen, beeinflussen", schreiben Jérôme Adda und Francesca Cornaglia in einer Studie, die im American Economic Review erscheint. So könnten sie die Anzahl der Züge verändern, tiefer inhalieren oder beim Filter die Luftzufuhr blockieren.

Aber kann man die Rauchintensität pro Zigarette überhaupt messen? Tatsächlich lässt sich der Nikotinspiegel im menschlichen Körper direkt nur schwer untersuchen - innerhalb weniger Stunden ist das Gift abgebaut. Dabei aber wird Nikotin in Cotinin umgewandelt-dieses Abbauprodukt ist deutlich stabiler und lässt genaue Rückschlüsse auf die zuvor aufgenommene Nikotinmenge zu. Die Ökonomen nutzten für ihre Studie Daten einer umfangreichen Langzeit-Befragung von 20000 US-Amerikanern. Diese wurden über acht Jahre immer wieder zu ihren Rauchgewohnheiten befragt. Zudem wurde stets der Cotinin-Gehalt ihres Speichels gemessen. Vergleicht man beide Daten, kommt man zu erstaunlichen Ergebnissen: Manche Raucher nehmen mit fünf bis neun Zigaretten mehr Nikotin zu sich als andere, die mehr als eine Schachtel pro Tag rauchen.

Die Ökonomen stellten fest:Wenn die Tabaksteuer um ein Prozent steigt, sinkt die Zahl der gerauchten Zigaretten um 0,2 Prozent. Doch die Nikotinmenge, die ein Raucher pro Zigarette konsumiert, steigt um 0,4 Prozent. Bei Kettenrauchern ist der Effekt noch höher. "Die Ergebnisse stellen den Sinn von Steuern als Mittel zur Verringerung des Rauchens in Frage", lautet das Fazit der Autoren - zumal medizinische Forschung zeige, dass intensiveres Rauchen besonders gesundheitsschädlich sei.

Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Studie der Harvard-Ökonomen David Cutler und Edward Glaeser kommt zu dem gleichen Ergebnis. Die Ökonomen zeigen: Obwohl die Tabaksteuern in der EU 37 Prozent höher sind als in den USA, rauchen dort wesentlich weniger Menschen als in Europa. Nur noch jeder fünfte US-Bürger greift zur Zigarette, in Deutschland ist es jeder dritte. Wenn der Preis von Zigaretten entscheidend für den Tabakkonsum wäre, müssten Amerikaner aber 20 Prozent mehr rauchen als Europäer, schätzen die Autoren. Tatsächlich seien andere Faktoren für unterschiedliche Rauchgewohnheiten verantwortlich. Zum einen nimmt der Zigarettenkonsum mit steigendem Wohlstand ab. Das höhere Pro-Kopf-Einkommen der USA erkläre ein Viertel der unterschiedlichen Rauchgewohnheiten.

Noch wichtiger sei ein anderer Faktor: Bei den Amerikanern ist das Bewusstsein, dass Rauchen eine gesundheitsschädliche Gewohnheit ist, weiter verbreitet als in Europa. So sind 93 Prozent der Amerikaner, aber nur 84 Prozent der Europäer überzeugt, dass Rauchen Krebs verursacht. Diese unterschiedliche Einstellung erkläre etwa die Hälfte der unterschiedlichen Rauchgewohnheiten. Fazit der Ökonomen: "Weiche Bevormundung" durch den Staat in Form von Informationskampagnen sind beim Kampf gegen die Nikotinsucht effektiver als direkte staatliche Regulierung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×