Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.08.2012

14:49 Uhr

IWF-Studie

Radikales Sparen verstärkt die Rezession

VonOlaf Storbeck

Griechenland hat sich mit seinen Sparbemühungen überlastet. Das legt das Ergebnis einer Studie von IWF-Ökonomen nahe. Ihr Rat zur Haushaltskonsolidierung während einer Rezession: Steuern erhöhen statt Ausgaben kürzen.

Für jeden Euro, der während eines Abschwung eingespart wird, sinkt die Wirtschaftsleistung um 1,60 bis 2,60 Euro, berechneten Forscher. dapd

Für jeden Euro, der während eines Abschwung eingespart wird, sinkt die Wirtschaftsleistung um 1,60 bis 2,60 Euro, berechneten Forscher.

London.Zwei Jahre mehr Zeit wünscht sich die neue griechische Regierung für die Erfüllung ihrer Sparvorgaben. Darum wird der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras Bundeskanzlerin Angela Merkel morgen in Berlin bitten. "Alles, was wir wollen, ist ein wenig Luft zum Atmen, um die Wirtschaft rasch in Gang zu bringen und die Staatseinnahmen zu erhöhen", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Ausgerechnet eine Studie aus der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF) liefert Samaras nun gute Argumente für seine Bitte. Wer mitten in einer Wirtschaftskrise die Staatsfinanzen in Ordnung bringen will, brauche Geduld und eine ruhige Hand, lautet das Kernergebnis der Studie. Das ist pikant, weil der IWF zusammen mit der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank die Troika bildet, die Griechenland im Gegenzug für Hilfskredite ein hartes Sparprogramm auferlegt hat.

Ein Forschertrio um die IWF-Volkswirtin Nicoletta Batini hat historische Sparprogramme in Industrieländern untersucht und festgestellt, dass ein zu radikaler Sparkurs in ökonomisch schlechten Zeiten kontraproduktiv ist. "Er kann die Rezession verlängern, ohne die erwarteten Einsparungen bei den Staatsfinanzen zu bringen", schreiben die Forscher.

Die Studie legt also die Schlussfolgerung nahe, dass der harte Konsolidierungskurs, zu dem die Griechen gezwungen wurden, die Probleme verschlimmert hat.

Griechenland hat nach Zahlen des Sachverständigenrats so viel gespart wie kein anderes europäisches Krisenland. Zwischen 2009 und 2012 ist das Haushaltsdefizit um neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Zugleich befindet sich die griechische Wirtschaft in einer in Europa beispiellosen Rezession: Die Wirtschaftsleistung brach in den letzten Jahren um mehr als 20 Prozent ein, die Staatsschulden explodierten.

Wie Athens Regierung die Sparauflagen frisieren will

Hintergrund

Die neue griechische Koalitionsregierung hat am Wochenende ihre Pläne zur Lockerung des Sparpakts veröffentlicht. Der Koalitionsvertrag der drei Regierungsparteien - Konservative, Sozialisten, Demokratische Linke - nennt als zentrales Ziel, die Frist für die Umsetzung der Sparauflagen um zwei Jahre zu verlängern.

Streckung der Frist für neue Sparauflagen

Athen wünscht eine Streckung um mindestens zwei Jahre. Es geht um Sparmaßnahmen in Höhe von schätzungsweise 11,5 Milliarden Euro. Ursprünglich sollten sie 2013 und 2014 umgesetzt werden. Athen will dafür nun Zeit bekommen bis Ende 2016.

Arbeitsmarkt/ Verschlankung des Staates

„Keine weiteren Kürzungen der Löhne und Renten; keine neuen Steuern“, lautet das Motto. Die geplante Entlassung von 150 000 Staatsbediensteten soll nicht wie ursprünglich vorgesehen erfolgen, stattdessen wird ein stufenweiser Abbau angestrebt. Stufenweise sollen auch wieder die niedrigeren Renten und Löhne angehoben werden. Arbeitslosengeld soll statt bislang ein Jahr künftig 24 Monate ausgezahlt werden.

Steuerreform/ Wachstum

Ein neues gerechteres und langfristiges Steuersystem soll ausgearbeitet werden. Die Mehrwehrsteuer (23 Prozent) soll im wirtschaftlich wichtigen Bereich Tourismus und Gastronomie reduziert werden. Schwer verschuldete Haushalte und Personen sollen ihre Schulden stufenweise zurückbezahlen. Niemand soll mehr als 25 Prozent seines Einkommens für den Abbau seiner Schulden aufwenden. Die Gelder aus den Strukturfonds der EU sollen intensiv genutzt werden.

Landwirtschaft

Das Land soll möglichst keine landwirtschaftlichen Produkte einführen. Die Rückkehr junger Leute in die Landwirtschaft soll unterstützt werden.

Gesundheit/ Versicherungen

Alle Bürger sollen die Möglichkeit haben, ärztlich behandelt und medizinisch versorgt zu werden - unabhängig davon, ob sie arbeiten oder keinen Job haben. Das zusammenbrechende Versicherungssystem soll wieder auf die Beine gestellt werden.

Staat/ Politisches System

Die Immunität von Ministern soll eingeschränkt werden. Der Bürokratie wird der Kampf angesagt. Dies gilt auch für die Steuerhinterziehung.

Migration

Die Flüchtlingswelle soll durch strengere Kontrollen der Grenzen eingedämmt werden. Verantwortliche für Übergriffe auf Migranten sollen konsequent strafrechtlich verfolgt werden.

Außenpolitik

Griechenland soll eine stabilisierende Rolle in der Region des östlichen Mittelmeeres spielen. Gute Nachbarschaft mit allen Ländern der Region. Förderung einer Europäischen Politik für das Mittelmeer.

Aggressive Sparprogramme in einer Rezession können in einen Teufelskreis münden, warnen die Forscher: Sinkende Wirtschaftsleistung, schrumpfende Steuereinnahmen und niedrigere Staatsausgaben verstärken sich dann gegenseitig - ein "Schneeballeffekt".

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

pleiti

23.08.2012, 15:22 Uhr

Vermögensbezogene Steuern zur Lösung der Eurokrise

Eine effiziente Lösung der Eurokrise wären massive vermögensbezogene Steuern. Ein einmaliger Kapitalschnitt von 25 % wäre die richtige Lösung. Für Immobilienbesitzer Eintragung der 25 % ins Grundbuch.

Für Griechenland 50 %. Nur dadurch kann in der Eurozone das Gleichgewicht wiederherstellt werden. Sonst müssen unsere Nachkommen noch in 100 Jahren für die Eurokrise zahlen.
Nur wird man das anders machen: durch Inflation kommt es zu einem Schnitt von mindestens 50 %.

Pleiti aus Österreich

Hermann.12

23.08.2012, 16:38 Uhr

Griechenlands Probleme liegen nur zum Teil beim mangelnden Sparen und vielmehr beim regelrechten geduldeten Steuer- und Sozialbetrug.
D.h. die unberechtigten Sozialbezüge müssen beendet werden ("Sparen") und die Nichtzahlung von Steuern (Korruption) muss ebenfalls beendet werden.
Zusätzlich gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem, denn behaupten, das das geschieht kann jeder.

H.

@JamieDimon

23.08.2012, 16:40 Uhr

Ja !!! Nur die Enteignung nach stalinistischem Vorbild kann jetzt noch helfen. Und wer nicht zahlt, der verschwindet im Euro-Gulag. Für nicht zahlen wollende Griechen und Bürger mit schweizer Konto ist Guantanamo vorgesehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×