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01.09.2011

00:00 Uhr

Krankenkassen

Der überforderte Patient

VonHans Christian Müller

Mehr Wettbewerb und Wahlfreiheit für Patienten sollen das Gesundheitssystem billiger und besser machen. Aber viele Menschen haben enorme Probleme damit, die Vor- und Nachteile verschiedener Tarife zu vergleichen - und treffen systematisch falsche Entscheidungen, zeigen niederländische Ökonomen in einer neuen Studie.

Viel Auswahl - zahlreiche gesetzliche  Krankenkassen buhlen um die Patienten. Doch die sind oft überfordert, zeigt eine neue Studie. dapd

Viel Auswahl - zahlreiche gesetzliche Krankenkassen buhlen um die Patienten. Doch die sind oft überfordert, zeigt eine neue Studie.

DüsseldorfFrüher war zwar nicht alles besser, aber vieles einfacher. Zum Beispiel die Auswahl des Telefon- und Stromanbieters. Zur Wahl stand meist genau ein Unternehmen mit oft nur einem Tarif.

Heute listet die Internet-Vergleichsplattform "Billiger Telefonnieren" allein für Gespräche in das deutsche Festnetz 77 verschiedene Anbieter auf, Strom kann man in Düsseldorf von 64 Lieferanten beziehen.

Geht es nach der ökonomischen Standardtheorie, dann bringt uns diese Wahlfreiheit nur Vorteile. Dank der Konkurrenz zwischen den Anbietern sinken nicht nur die Preise. Zugleich gelte: Je größer die Auswahl, desto eher fänden wir das Angebot, das am besten zu uns passt.

Voraussetzung ist aber, dass wir mit der schönen neuen Freiheit auch richtig umgehen können. Aber sind wir dazu überhaupt in der Lage? Die niederländische Regierung wollte das genauer wissen - und beauftragte Arthur Schram und Joep Sonnemans von der Universität Amsterdam, ihre Gesundheitsreform zu evaluieren. Die Studie mit dem Titel "How individuals choose health insurance: An experimental analysis" ist in der August-Ausgabe des "European Economic Review" erschienen.

Seit 2006 ermutigt der niederländische Staat die Krankenkassen, ihr Angebot zu differenzieren: Versicherte können sich zum Beispiel für niedrigere Prämien und höhere Selbstbeteiligungen entscheiden. Manche Kassen zahlen eine Prämie, wenn man ein Jahr den Arzt meidet. Ähnliche Pakete dürfen gesetzliche Kassen inzwischen auch in Deutschland anbieten. Hierzulande sind auch Tarife mit Chefarzt-Behandlungen oder besseren Konditionen beim Zahnarzt möglich.

Schram und Sonnemans stellen fest: Die meisten Menschen sind mit dieser Auswahl schlichtweg überfordert. Sie haben enorme Probleme damit, die Vor- und Nachteile verschiedener Tarife zu vergleichen. "Eine größere Zahl von Alternativen führt dazu, dass die Qualität unserer Entscheidungen sinkt", lautet ihr Fazit.

In ihrem Experiment baten die Forscher die Teilnehmer, aus einer Reihe von Versicherungspolicen die für sie optimale auszuwählen. Dabei ging es nicht um die wahre persönliche Situation der Probanden, sondern um eine fiktive: Die Forscher schilderten, welche finanziellen Risiken mit welcher Wahrscheinlichkeit drohen.
Besonders große Gefahren, wie zum Beispiel Krebserkrankungen, waren dabei weniger wahrscheinlich als kleinere Risiken wie eine Erkältung.

In den Policen, die zur Auswahl standen, waren die Risiken unterschiedlich stark abgedeckt, zudem gab es unterschiedlich hohe Selbstbeteiligungen. Während des Experiments änderte sich die Situation, so dass die Probanden ihre Wahl immer wieder überdenken mussten.

Weniger als die Hälfte der Teilnehmer bemerkte es dabei überhaupt, wenn es bessere Tarife gab. Je größer die Auswahl war, desto schlechter waren die Entscheidungen - desto teurer war die gewählte Option im Vergleich zur objektiv günstigsten Variante.

Verblüffend ist auch ein weiteres Ergebnis: Ein Teil der Probanden musste eine Gebühr zahlen, wenn sie ihren Tarif wechseln wollten. Die Qualität der Entscheidungen war bei dieser Gruppe nicht etwa schlechter, sondern deutlich besser. Denn diese Versuchspersonen sparten sich überflüssige Tarifwechsel und entschieden sich häufiger für die richtige Option. Ohne Wechselkosten verfolgen Probanden dagegen oft eine teure Trial-and-Error-Strategie - und machen sich zu wenig eigene Gedanken.

Der Vorteil, den größere Wahlfreiheit theoretisch bringt, wird also in der Praxis oft durch unser eigenes Unvermögen aufgezehrt.

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