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13.08.2011

10:48 Uhr

Krawalle in London

Die Ökonomie der Unruhen

VonOlaf Storbeck

Vor einem Jahr verordnete Premierminister Cameron Großbritannien ein hartes Sparpaket. Nun brechen auf der Insel bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Gibt es einen Zusammenhang?

Krawalle in London - Reaktion auf Sparpolitik? Quelle: dapd

Krawalle in London - Reaktion auf Sparpolitik?

LondonFür den ehemaligen Londoner Bürgermeister Ken Livingstone besteht nicht die Spur eines Zweifels. Die Ausschreitungen, die seit dem vergangenen Samstag erst London und dann andere britische Großstädte erschütterten, hat die konservativ-liberale Regierung mit ihrer Sparpolitik verursacht.

"Die wirtschaftliche Stagnation und die Haushaltskürzungen der Tory-Regierung haben unvermeidlich zu sozialer Spaltung geführt", sagte der Labour-Politiker, der für seine These viel Prügel bezogen hat. Livingstone ziehe vorschnelle Schlüsse und versuche, politisches Kapital aus den Unruhen zu schlagen, lauten die Vorwürfe.

Auf den ersten Blick scheint eine Untersuchung von Wirtschaftshistorikern der Universität Pompeu Fabra in Barcelona Livingstones Argumente zu bestätigten. Die Wissenschaftler haben in ihrer Arbeit "Austerity and Anarchy: Budget Cuts and Social Unrest in Europe, 1919-2009" den Zusammenhang zwischen Unruhen und Sparprogrammen wissenschaftlich untersucht. Doch bei genauerem Hinsehen weckt die Arbeit mit dem Titel "Austerity and Anarchy: Budget Cuts and Social Unrest in Europe, 1919-2009" erhebliche Zweifel an Livingstones These.

Für den gesamten Betrachtungszeitraum stellen Jacopo Ponticelli und Hans-Joachim Voth zwar fest, dass es einen engen und kausalen Zusammenhang gab: Wenn die Regierung ihnen den Gürtel enger schnallt, werden die Bürger rebellisch. Betrachtet man aber nur die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, verschwindet der Effekt.

Ponticelli und Voth haben Daten aus 26 europäischen Ländern untersucht. Politische und gesellschaftliche Instabilität messen die Forscher an der Häufigkeit von Demonstrationen, Putschversuchen, Attentaten und Generalstreiks und konstruieren daraus einen "Chaos-Index". Am größten war die Instabilität in der Weimarer Republik: In Deutschland gab es allein 1923 fünf Putschversuche.

Bis 1989 gibt es ein klares Muster: Sobald Regierungen Staatsausgaben streichen, nimmt die Wahrscheinlichkeit von Ausschreitungen und Unruhen deutlich zu. Je tiefer die Einschnitte ausfallen, desto heftiger sind die Krawalle. Wenn die Einschnitte größer ausfallen als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gibt es 30 Prozent mehr Ausschreitungen als in Zeiten von wachsenden Staatsausgaben. Über Ursache und Wirkung sagt diese Beobachtung für sich genommen zunächst aber wenig aus. Theoretisch wäre es zum Beispiel auch denkbar, dass Rezessionen sowohl zu Unruhen als auch zu Sparprogrammen führen.

Diese Wirkungskette schließen die Forscher aber aus. Wenn die Wirtschaftsleistung einbricht, aber die Regierung nicht die Ausgaben kürzt, bleibt es friedlich, stellen sie fest. Auch eine Inhaltsanalyse von Zeitungsberichten, in der die Forscher die Gründe für Instabilität betrachten, stützt ihre These, dass es sich um einen kausalen Zusammenhang handelt.

Mit höheren Staatsausgaben lassen sich die Menschen zumindest teilweise ruhigstellen. Wenn der Staat mehr Geld ausgibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Unruhen - umgekehrt ist der Effekt schwächer. Bemerkenswert ist, dass all dies nur für die Jahre zwischen 1919 und 1989 gilt. Danach hat sich die Welt verändert. In den vergangenen 20 Jahren führte Austeritätspolitik in Europa nicht mehr automatisch zu sozialen Unruhen: "Seit 1989 sind vor allem nichtökonomische Faktoren für soziale Unruhen verantwortlich", schreiben die Forscher.

Kommentare (15)

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MaWo

13.08.2011, 10:55 Uhr

Hallo,
mit Verlaub; derzeit wird der Wechsel zahlbar gestellt welcher seinerzeit von der "Thatcher-Politik" (Ellebogengesellschaft, Eigennutz vor Allgemeinnutzen, usw) ausgestellt wurde.

bleistift

13.08.2011, 11:35 Uhr

Mit lediglich quantitativen Aussagen, kommt man qualitativen Veränderungen auch nur bedingt näher.
Schließlich entscheidet ja auch, wofür Ausgaben verwendet werden.

FoCS

13.08.2011, 12:04 Uhr

Wie viele Menschen kennen Sie denn (ausser sich selbst), die den Allgemeinnutzen vor den eigenen Nutzen stellen?

Soweit ich das überblicke, sind alle Experimente, bei denen das Individuum vorrangig oder ausschliesslich auf den gesellschaftlichen Nutzen verpflichtet wurde, gescheitert.

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