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14.01.2010

07:53 Uhr

Makro-Modelle

Über einen schlimmen Trugschluss der Ökonomen

VonOlaf Storbeck

Den Finanzsektor haben Makroökonomen in ihren Modellen bislang nahezu vollständig ignoriert – und dabei Entscheidendes übersehen, wie eine neue Studie zeigt. Warum Makromodelle ohne Finanzmärkte ungefähr so sinnvoll sind wie Städtekarten ohne Straßennamen.

Der ehemalige Chefvolkswirt beim IWF, Raghuram Rajan, kennt die Probleme der meisen modernen Makro-Modelle. Quelle: Bloomberg

Der ehemalige Chefvolkswirt beim IWF, Raghuram Rajan, kennt die Probleme der meisen modernen Makro-Modelle.

ATLANTA. Raghuram Rajan kennt das Problem schon lange und aus erster Hand. Zwischen 2003 und 2006 war der Ökonomie-Professor aus Chicago Chefvolkswirt beim Internationalen Währungsfonds (IWF): „Die meisten modernen Makro-Modelle, die in den Zentralbanken und beim IWF zum Einsatz kommen, haben keinen Finanzsektor, bilden aber trotzdem die Basis für die makroökonomische Politik“, sagte er vergangene Woche auf der Jahrestagung der American Economic Association (AEA) in Atlanta.

Dass das Finanzsystem funktioniert, setzten die Ökonomen in den vergangenen Jahrzehnten einfach als selbstverständlich voraus. Daher, so dachten sie, brauchen sie Banken in ihren Modellen auch nicht gesondert zu betrachten.

Stadtplan ohne Straßennamen

Die vergangenen beiden Jahre haben gezeigt: Das ist ein schlimmer Trugschluss. Auch in modernen, hochentwickelten Volkswirtschaften kann das Finanzsystem über Nacht kollabieren und den Rest der Wirtschaft mit in den Abgrund reißen. Makromodelle ohne Finanzmärkte sind daher ungefähr so hilfreich wie ein Stadtplan ohne Straßennamen. Fieberhaft suchen Makroökonomen daher nach Wegen, den Finanzmarkt in ihre Modelle einzubauen. Der deutsche Princeton-Professor Markus Brunnermeier hat in Atlanta eine erste Möglichkeit vorgestellt.

Das Modell, das Brunnermeier zusammen mit seinem Fakultätskollegen Yuliy Sannikov entwickelt hat, ist ein ganzes Stück komplexer als das, was bislang in der Makroökonomie üblich war – und doch im Vergleich zur realen Welt recht simpel und abstrakt. Neben privaten Haushalten, die arbeiten und sparen, gibt es Unternehmen, die produzieren und investieren. Anders als in den alten Modellen leihen die Haushalte den Unternehmen das Geld nicht direkt, sondern schalten einen Intermediär ein, der besser in der Lage ist, die Kreditwürdigkeit der Schuldner und die Rentabilität der Investitionsprojekte einzuschätzen – die Banken eben.

Die Geldhäuser, so stellen Brunnermeier und Sannikov fest, haben dann massive Anreize, ihre Kredite auf Pump und nicht über Eigenkapital zu finanzieren. Denn je höher der Verschuldungsgrad der Banken („Leverage“), desto höher ihre Profitabilität – und auch die Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft.

Dies gilt jedoch nur in wirtschaftlich ruhigen Zeiten. Die Kehrseite der Medaille ist: Je höher der Verschuldungsgrad der Banken, desto höher sind die Risiken in ihren Bilanzen und desto anfälliger sind die Institute sowie das Gesamtsystem. Negative Schocks von außen – zum Beispiel das Platzen einer Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt – können dann eine lang anhaltende Abwärtsspirale in der Volkswirtschaft in Gang bringen.

Kommentare (4)

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Stefan L. Eichner

14.01.2010, 12:12 Uhr

Sehr geehrter Herr Storbeck,

die Selbstkritik der Zunft und ihr Artikel in Ehren, aber:

Erstens kollabierte das Finanzsystem nicht über Nacht, vielmehr waren die Anzeichen, die frühzeitig auf einen Kollaps hindeuteten, von den Ökonomen lediglich entweder ignoriert oder, bedingt durch ihr mangelhaftes theoretisches Fundament, falsch interpretiert worden.

Zweitens hat das Finanzsystem die Realwirtschaft nicht in den Abgrund gerissen, sondern die Probleme, die dort seit langem existierten (z. b. gigantische Überkapazitäten), lediglich verschärft und sichtbar werden lassen. Die bewältigung der Finanzkrise bedeutet deswegen keineswegs zugleich auch schon die Lösung der Wirtschaftskrise. Das anzunehmen, zeugt von einer verzerrten Wahrnehmung der beiden Krisen (Finanzmarkt & Wirtschaft) und ihrer Krisenursachen.

Drittens existiert in der makroökonomischen Theorie über die dargelegten Probleme hinaus eine weitere fundamentale Schwäche, die so gravierend ist, dass man sie nicht „reparieren“ kann, sondern theoretisch einen Neuanfang wird machen müssen. Kreislaufwirtschaft und die Gleichgewichtstheorie sind nicht nur deswegen ungeeignet, reale wirtschaftliche Entwicklung zu erklären, weil – wie etwa Krugman u. a. sagen - irrationale Verhaltensweisen des Menschen ausgeblendet werden, sondern vor allem, weil sie Ungleichgewichte, wirtschaftliche Entwicklung also, überhaupt nicht erklären können. Entwicklung lässt sich weder als „Verschiebung des Gleichgewichts“ bzw. „stetiges Wachstum“ noch als „externer Schock“ interpretieren“. insofern ist es schlimmer als ein Stadtplan ohne Straßennamen. Es ist, als würde über Straßen geredet, ohne zu wissen was Straßen eigentlich sind.

Es reicht keinesfalls aus, nur die Finanzmärkte in die Modelle einzubauen. Denn da sich Finanzmärkte und die Wirtschaft entwickeln, wird etwa auch das Modell von brunnermeier zwangsläufig der Realität nur sehr bedingt gerecht. Das Kernproblem, warum die Makro-Modelle lange Zeit die Realität im Prinzip passabel abbilden konnten, dann aber plötzlich überhaupt nicht mehr, hat genau damit zu tun.

kb

15.01.2010, 00:53 Uhr

warum macht man das alles nur so sinnnlos kompliziert !!!

der mensch ist naturgegeben gierig und triebhaft, wenn das in den modellen fehlt, kann es nur schiefgehen.

und : je gieriger jemand ist bzw. umso dreckiger es ihm geht, umso grössere risiken geht er ein, um sich zu bereichern bzw. zu befreien.

der "rationale" mensch ist leider ein phantasieprodukt und nicht existent und damit wird alles, was dieses annimmt, zur makulatur, schade um die zeit und arbeit dafür.

Andreas Popp

15.01.2010, 14:13 Uhr

Guten Tag,
diese beschriebene Erkenntnis ist ein Armutszeugnis für die Volkswirtschaftslehre. Unsere Wissenschaft wurde bewußt so konstruiert, dass man im Rahmen der gewaltigen info-Mengen keine Grundlagen mehr hinterfragt. Ein steigendes biP bedeutet z.b. nicht "automatisch" einen höheren Wohlstand für die bevölkerung, denn ins biP fliessen alle Aktivitäten, egal wie sinnlos sie sind. Geld ist auch kein typisches Tauschmittel, was die Wenigsten verstehen und nicht hinterfragen. immer wieder stelle ich in persönlichen Gesprächen mit wirklich gebildeten Wissenschaftlern fest, dass Viele die Ursachen und Wirkungen des Geldsystems in Verbindung mit der Eigentums-Ökonomie nicht verstehen. im Jahre 2004 veröffentlichte ich ein buch mit Prognosen, die die jetztige Situation haargenau beschreibt. Diese Krise wird noch sehr viele Jahre dauern und ich hoffe sehr, dass wir das Ruder im Sinne einer vernünftigen arbeitsteiligen Wirtschaft herumreißen können, bevor es so endet, wie im letzten Jahrhundert. Wir brauchen ein völlig anderes neues Geldsystem in Verbindung mit einer neuen Eigentumsregelung und zwar außerhalb der sozialistischen- oder kapitalistischen Dogmen.

Andreas Popp

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